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  • Im Frauenladen

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    Nachdem wir im Männerladen waren, wo es fürchterlich heiß und stickig war und den ich nach kurzer Zeit beinahe fluchtartig wieder verlassen hatte, beschloß die Allerliebste: „Dann haben wir ja Zeit, mal eben noch bei Dehner vorbeizuschauen.“

    Dehner, wenn ich das Wort schon höre! Das kommt gleich nach Schuhgeschäft und Parfümerie Douglas. Gut, ich gebe zu, die haben auch ein paar Sachen für Männer, schöne Sachen sogar, aber wir haben derzeit gar keinen Garten und deshalb kann ich mit den wenigen Männersachen da nix anfangen. Für Frauen hingegen hat Dehner viel zu viele Sachen.
    Aber ich will nicht ungerecht sein. Nachdem die Allerliebste brav mit mir beim Männerladen war und mir alle Freiheiten gelassen hatte, mag ich jetzt nicht als Spielverderber dastehen und deshalb stimme ich zu und steuere den Parkplatz am Gartencenter an.

    „Gehst du mit rein oder willst du im Auto warten?“ fragt die Allerliebste. Nun will ich ihr aber mal zeigen, wie man das als perfekter Ehepartner macht und deshalb schwinge ich mich aus dem Wagen und sage: „Natürlich gehe ich mit!“

     

    Anke lächelt und ihe Augen strahlen vor Glück. Es ist aber wirklich auch ein großes Opfer, das ich bringe, denn wenn es irgendwo stickig und muffig ist, dann im Gartencenter. Aber ich bin ja schon naßgeschwitzt, da kommt es auf das bißchen jetzt auch nicht mehr an. Und die Dudelmusik da drin werde ich angesichts des Getöses im Männerladen vorhin auch noch überstehen.

     

    Direkt hinterm Eingang stellt sich eine freundliche Frau im dunkelblauen Kostüm in unseren Weg und möchte uns etwas zeigen. Das ist aber nett, finde ich, doch Anke zieht mich weiter und sagt: „Das sind doch bloß so Vertreterinnen von der Columbia-Versicherung; nur Deppen lassen sich da einwickeln.“
    Eine kluge Frau, meine Allerliebste!
    Ich öffne etwas das Hemd, damit mir die Hitze im Gartencenter nicht so zu schaffen macht, aber eigentlich finde ich es dort ganz angenehm, es ist klimatisiert, die Luft erfüllt vom Duft frischer Blüten und ein ganz dezentes Vogelgezwitscher liegt über allem.

    Anke will nur mal eben bei den Bastelsachen etwas kaufen, zwanzig Minuten stehe ich schon da und frage mich, was so schwierig sein kann, sich zu entscheiden, ob man blaue oder grüne Dingse kaufen will. Ich schreibe bewußt Dingse, weil ich nichtmals weiß, ob es Dinge sind, es ist irgendwas Buntes, was nur Frauen kaufen.
    Mir ist ja sowas von langweilig!

    „Ach schau mal da drüben, da gibt es Servietten!“

    Servietten, im Gartencenter! Ich fasse es nicht.
    Wenn Anke Servietten kauft, dann ist das fast noch schlimmer, als wenn sie Schuhe kauft. Ich würde den Tausender-Pack weißer Party-Servietten kaufen, 99 Cent. Aber nein, sie braucht irgendwas in Violett, vielleicht auch in Lila oder Veilchenblau; wo bitte ist da der Unterschied?

    Da fällt mein Blick auf die Zooabteilung. Ich sage zur Allerliebsten: „Du, ich gehe mal in die Zooabteilung, ich könnte zwei Mäuse für die Schlange kaufen.“

    „Ja du, mach das, mich macht es nämlich etwas nervös, wenn du so von einem Bein aufs andere wippst.“

    „Ich wippe doch gar nicht!“

    „Doch, das machst du wohl!“

    „Na gut, dann gehe ich jetzt in die Zooabteilung um zwei Mäuse zu kaufen.“

    Das ist nämlich der einzige Grund, warum ich einmal im Monat zu Dehner fahre, um eben schnell zwei Mäuse als Schlangenfutter zu holen. Ich weiß gar nicht, ob das erlaubt ist, da Mäuse zu kaufen und diese dann einfach an seine Natter zu verfüttern, aber irgendwas muß die Schlange in unserem Terrarium ja fressen und ich war damals bei der Erschaffung der Welt und der Tiere nicht dabei, als festgelegt wurde, daß Mäuse von Schlangen gefressen werden.
    Die Verkäuferin jedenfalls hatte mich mal mit spitzem Mund gefragt: „Sie wollen die Mäuse aber sicher zur Haltung und nicht für eine Schlange als Futter, oder?“

    Angesichts der ganzen Artenschutzbestimmungen und aus Angst, als Tierquäler jahrelang ins Gefängnis zu müssen, hatte ich völlig wahrheitswidrig den Kopf geschüttelt und gesagt: „Wegen der Kinder, für den Mäusekäfig.“

    Frau Rudnik, so heißt die Dame in der Zooabteilung, hatte mir daraufhin zwei besonders schöne, gefleckte Mäuse ausgesucht, das Stück für 4,50 Euro. Der Schlange war es egal, welche Farbe oder Muster die Mäuse hatten. Es dauert immer nur wenige Sekunden, bis sie die Nager umschlungen und erwürgt hat und ich bezweifle, daß die Schlange überhaupt über die Fellfarbe ihrer Beutetiere nachdenkt.

    Einen Monat später war ich wieder bei Frau Rudnik, um mir zwei Mäuse zu holen.
    „Sie waren doch erst neulich da, oder?“ fragte sie und ich spielte kurz mit dem Gedanken, das abzustreiten. Aber angesichts meiner großen und stattlichen Erscheinung, die mich ja wohl doch ein wenig vom Heer der kleinwüchsigen Eingeborenen abhebt, blieb ich lieber halbwegs bei der Wahrheit: „Die sind leider gestorben.“

    „Jaja, das geht manchmal ganz schnell, so eine hohe Lebenserwartung haben Mäuse ja auch nicht“, sagte Frau Rudnik und fügte hinzu: „Dann suche ich Ihnen heute zwei ganz junge aus, damit sie länger was davon haben.“

    Ich konnte ja schlecht sagen, daß ich doch lieber zwei ganz alte, fette Mäuse hätten und bekam dieses Mal zwei gestreifte, ganz junge Exemplare. Die hatte unsere Natter besonders schnell vertilgt, weshalb ich drei Wochen später schon wieder bei Frau Rudnik vorstellig wurde.

    „Sagen Sie mal, Sie holen die wirklich für den Käfig und nicht als Schlangenfutter?“ erkundigte sie sich wieder einmal. Der nächste Mäuseladen ist 20 Kilometer entfernt und ich wollte mir die Futterquelle für unsere Natter nicht verschließen, deshalb log ich wieder und sagte: „Für den Käfig, die anderen sind weggelaufen.“

    Dieses Mal verließ ich den Laden mit tibetanischen Schmuckmäusen für 9 Euro das Stück und einem Luxus-Käfig mit ausbruchsicheren Türchen für unnötige 45 Euro.

    Heute würde ich sagen, so hatte ich es mir vorgenommen, daß die Allerliebste die Mäuse aus Versehen mit dem Staubsauger aufgesaugt habe. Vermutlich würde mir Frau Rudnik dann zwar extrem staubsaugerfeste Mäuse aus China für 30 Euro das Stück verkaufen, aber was tut man nicht alles, um den Hunger seiner Schlange zu stillen.

    Frau Rudnik stemmt die Hände in die Hüften, als sie mich schon wieder sieht.
    „Jetzt kommen Sie mir aber nicht wieder mit irgendeiner Geschichte! Sie kaufen die Mäuse doch für eine Schlange!“ sagt sie mir auf den Kopf zu. Und da sie einen recht kräftigen Eindruck macht, wage ich es nicht, ihr zu widersprechen und gebe mit gesenktem Kopf zu: „Für meine Schlange…“

    „Mein Gott, warum sagen Sie denn das nicht? Ich habe sie doch jedes Mal gefragt! Futtermäuse haben wir in Hülle und Fülle, die kosten bloß 45 Cent.“

    Wenig später habe ich die beiden Mäuse in einer kleinen Pappschachtel (90 Cent) und stehe wieder bei der Allerliebsten, die sich immer noch nicht zwischen Lila und Violett entschieden hat.

    Die Mäuse stecken neugierig ihre kleinen Nasen durch die Luftlöcher der Schachtel und knabbern sogar ein wenig an der Pappe herum, niedlich.
    Aber Anke kommt nicht in die Puschen. Zwar hat sie inzwischen die passenden Servietten gefunden, die zwar blutrot und kein bißchen lila sind, aber sie will noch bei den Duftkerzen schauen.
    Duftkerzen! Ach du meine Güte! Duftkerzen, hat jemals jemand etwas Unnötigeres und Blöderes als Duftkerzen erfunden? Die ganze Bude stinkt dann nach Vanille oder Orangenschalen, fürchterlich!
    Duftkerzen sind fast so schlimm wie aromatisierter Tee.
    Warum um alles in der Welt sollte man einen Tee trinken, der nach etwas anderem schmeckt als nach Tee? Das werde ich niemals verstehen, das wird kein Mann dieser Welt jemals verstehen; aber alle Frauen trinken aromatisierten Tee und wollen Duftkerzen haben.

    Ich habe keine Lust, Anke beim Duftkerzenaussuchen zuzuschauen und schiebe deshalb mit unserem Einkaufswagen, in dem die Servietten liegen und die Schachtel mit den Mäusen steht, ein Stückchen weiter. Da gibt es elektrische Grillapparate.
    Unterdessen hatten die Mäuse die Luftlöcher geschickt vergrößert und ab und zu blitzte mich ein Mäuseauge lustig an, wirklich niedlich.
    Ich lasse den Einkaufswagen in einem Seitengang stehen und werde von einem Verkäufer in ein hochinteressantes Gespräch über Gartengrillapparate verwickelt. Meine Güte, was es da alles für Unterschiede gibt!
    Aus dem Augenwinkel sehe ich, daß Anke immer noch bei den Duftkerzen herumsteht und deshalb lasse ich mir auch fast eine halbe Stunde Zeit, um mich mit dem Fachmann für Grills zu unterhalten. Schön, daß es auch in diesem Laden echte Männer gibt!

    Als ich zum Einkaufswagen zurückkomme sind die Mäuse verschwunden. Es klafft ein großes Loch in einer Ecke der Schachtel und von den Mäusen gibt es keine Spur.

    Frau Rudnik zieht die Augenbrauen hoch, als ich wenig später wieder vor ihr stehe.
    „Sagen Sie mal, fressen Sie die Mäuse am Ende doch selbst?“ erkundigt sie sich und irgendwie scheint sie mir nicht recht zu glauben, daß die Mäuse ausgebrochen sind. Ich bekomme aber trotzdem zwei neue und Frau Rudnik klebt rings um die Schachtel zwei Lagen Paketband.

    Ich schiebe den Wagen zur Allerliebsten hinüber, die inzwischen den Arm voller Duftkerzen hat.
    Sie legt diese in den Wagen und will unbedingt noch Hyazinthen kaufen.

    „Nee“, sage ich, „ich gehe jetzt die Sachen hier schon mal bezahlen und warte dann doch im Auto.

    „Das kannst Du machen, aber den Einkaufswagen läßt du mir hier! Die anderen Sachen kannst Du ja schon mal bezahlen.“

    Okay, so mache ich es. Mit 26 Duftkerzen in verschiedenen Größen, einer Packung roter Servietten und einer Schachtel mit Mäusen gehe ich an die Kasse und bezahle. Die angebotene Tüte lehne ich dankend ab, ich bin doch keine Memme, so ein paar Sachen kann ein Mann locker tragen.

    Auf dem Parkplatz bereue ich das aber, denn ich habe keine Hand frei, um an den Autoschlüssel in meiner Hosentasche zu kommen. Beim Herumhantieren lasse ich zuerst zwei Duftkerzen und dann die Schachtel mit den Mäusen fallen. Die blöden Mäuse nutzen schamlos die Gelegenheit zur Flucht aus der aufgesprungenen Schachtel und ich bin kurz davor, einen Schreianfall zu kriegen.

    Ich glaube, ich werde doch die zwanzig Kilometer zum anderen Mäuseladen fahren, um andere Mäuse zu holen.
    Vermutlich wird die Allerliebste das nichtmals mitbekommen, wenn die sich im Frauenladen festgebissen hat, kann das noch Stunden dauern…

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    1 Kommentar

    1. Big Al

      24. September 2010 at 16:37

      Was du brauchst ist eine ausbruchssichere sturzfeste Futtermaustransportbox!
      Ich empfehle eine ausrangierte Blechdose, z.Bsp. vom Weihnachtsgebäck. Möglichst mit Klappdeckel.
      Machst du mit einem (Männerspielzeug) Akkuschrauber kleine Luftlöcher in den Deckel, Mäuse rein, Einmachgummi oder ähnliches rum, fertig ist die Laube.
      Ohne Blechschere oder Büchsenöffner dürften die kleinen Mistviecher eigentlich nicht rauskommen aus dem Metallknast.
      Schönes Wochenende wünscht
      B. A.

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