Geschichten

Ich bin kein Klimaverbrecher

Ein Bistro, vor dem einige Gäste sitzen und in der Seitenstraße ist ein Panzer geparkt

Ich fahre einen fast zwei Tonnen schweren Geländewagen, der mit Benzin angetrieben wird und der auch noch vergleichsweise viel Treibstoff verbraucht.

Ich parke vor einem Bistro, weil ich dort gerne einen Espresso trinken möchte. Außer mir sind noch sechs weitere Personen in dem kleinen Lokal. Der italienische Wirt, zwei ältere Männer, die Backgammon spielen, und ein Ehepaar von etwa 30 Jahren, die ein vielleicht 4- bis 5-jähriges Mädchen dabeihaben.

Die Leute kenne ich nicht, aber ich schaue insbesondere Kinder immer bewußt freundlich an, lächele und wenn’s kleine Kinder sind, mache ich schon mal ’ne Grimasse.
Als ich so klein war, habe ich nämlich immer gefremdelt, wie man hier so sagt. Fremde Leute waren mir eher unheimlich, hatten manchmal sogar eine bedrohliche Wirkung auf mich.

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Meine Mutter war da von einem völlig anderen Schlag. Sie quatschte jeden an, hatte für jedes noch so wildfremde Blag ein Bonbon übrig und war Weltmeisterin im Kontaktknüpfen, Smalltalk und aus meiner Sicht im Peinlichsein.

Sie wollte nur freundlich sein, eine gute Zeit haben und quatschte gerne. Mir war das alles nur peinlich und so manches Mal wäre ich am liebsten im Erdboden versunken, aber das ist ja hierzulande nur Bergleuten und Verstorbenen vorbehalten.
Im Grunde aber hatte sie absolut Recht: man kommt einfacher durchs Leben, wenn man freundlich und kontaktfreudig ist.

Und damit Kinder es vielleicht auch dazu bringen, so freundlich und kontaktfreudig zu sein, will ich mit meiner ansonsten eher griesgrämigen Aura dieser Entwicklung nicht im Wege stehen und bin daher freundlich und manchmal sogar lustig.

Die Eltern merken nichts davon, aber ich mache eine Grimasse in Richtung des kleinen Mädchens, das, wie ich inzwischen herausgehört hatte, Laura hieß.

Laura lachte hell auf und versteckte ihr Gesicht hinter der Stuhllehne. Als sie wieder aufschaute, hatte ich eine ganz andere Grimasse aufgesetzt. So ging das drei- viermal, Gesicht verstecken, neue Fratze usw.
Dann bemerkte ihre Mutter das, zeigte sofort Anzeichen der Entrüstung, schaute mich vorwurfsvoll an und stieß ihren Mann mit dem Ellenbogen an. Dann wurde Laura ermahnt, sich bitte gerade hinzusetzen und nach vorne zu schauen.
Eine Minute ging das gut, dann drehte sich das Kind wieder zu mir um. Ich tat so, als ob ich schlafen würde und ließ ein leises Schnarchgeräusch hören. Wieder lachte die Kleine. Diesmal machte auch sie eine Grimasse.

„Lassen Sie das!“, herrschte mich Lauras Mutter an, „Sonst rufe ich die Polizei!“

„Wegen was?“, fragte ich, der normalerweise ‚Weshalb‘ gefragt hätte, der einfacheren Verständigung mit den Eingeborenen zuliebe aber eben ‚Wegen was?‘ gewählt hatte.

„Lassen Sie uns in Ruhe, Sie Klimaverbrecher!“, tönte es aus der Frau heraus und dabei deutete sie auf mein vor dem großen Fenster des Ladens stehendes Auto. An ihren Mann gewandt sagte sie: „In der Stadt mit einem SUV herumfahren, mit so einem Panzer, kein Wunder, dass unser Klima stirbt.“

Die zwei Backgammon-Herren hatten ihr Spiel unterbrochen, einer war sogar aufgestanden und hatte sich neben meinen Tisch gestellt. „Hat der was gemacht?“, erkundigte sich der Mann bei der Lisa-Mutter.
An ihrer Stelle antwortete Lisas Vater: „Das wissen wir noch nicht genau, aber merkwürdig ist der schon.“

So, jetzt sitze ich also da, vor einem kleinen schwarzen Kaffeegetränk, wollte nur freundlich sein und laufe Gefahr, als möglicher Kinderschänder geteert und gefedert zu werden. Obendrein hat mich die Frau auch noch beleidigt.

Ein Klimaverbrecher bin ich also.
Ich bin also in den Augen dieser Leute ein „merkwürdiger Mann“ mit möglicherweise pädophilen Neigungen, weil ich mit einem kleinen Mädchen alberne Gesichter gespielt habe.
Und ein Klimaverbrecher bin ich, weil ich dieses Auto fahre.

Dabei habe ich mich bewusst für dieses Auto entschieden. Denn als ich es kaufte, hatte ich noch nebenberuflich eine Hundeschule und musste häufig Material, drei bis vier Hunde und drei bis vier Menschen zu einem nicht befestigten Gelände fahren, das nur über Feldwege und durch einen Wald erreichbar war. Obendrein fuhr ich zu dieser Zeit noch regelmäßig in den Wald, um Holz zu machen.

Heute ist das nicht mehr so. Ich mache schon länger kein Holz mehr, ich trainiere auch keine Hunde mehr, fahre aber immer noch so ein Auto.
Genauer gesagt: Ich fahre immer noch exakt dieses Auto. Mein Auto ist nämlich weit über 20 Jahre alt.
Heute schätze ich an diesem Fahrzeug, dass es eben etwas höher ist, weil ich mit meiner Gehbehinderung dort besser ein- und aussteigen kann und auch mein Bandscheibenvorfall nicht so gereizt wird.

Aber ich fahre das Auto schon über 20 Jahre. Das bedeutet, meine Umweltbilanz ist mehr als exzellent. Sie ist vermutlich sogar um den Faktor 10 besser, als die Umweltbilanz von jemandem, der sich in dieser Zeit drei, vier oder fünf neue Autos gekauft hat. Er hat vielleicht von Anschaffung zu Anschaffung immer verbauchsfreundlichere Fahrzeuge erworben, aber er hat eben viele Autos gekauft. Und der größte negative Batzen hinsichtlich der Umweltschädlichkeit von Autos entsteht unwidersprechbar durch die Produktion.
Mein Verhalten ist verglichen damit an Nachhaltigkeit nicht zu überbieten. Der Mehrverbrauch, den ältere Fahrzeuge haben, fällt angesichts der geringen Kilometerleistung kaum ins Gewicht.

Ich muss auch den finanziellen Aspekt ansprechen. Bei aller Liebe könnte ich es mir gar nicht erlauben, alle paar Jahre des Neueste und Spritsparendste anzuschaffen. Habt Ihr Euch mal angeschaut, was Autos so kosten? Da bist Du ja bei einem mittelmäßig ausgestatteten Kleinwagen schon bei locker 25.000 bis 40.000 Euro. Und bitte nicht vergessen, ich bin fast 2 Meter groß und passe gar nicht in die meisten Winz-Autos rein.

Nee, liebe Leute, ich bin dann lieber in Euren Augen ein Klimaverbrecher, obwohl ich in Wirklichkeit gar keiner bin. Ihr seid die besseren Menschen und ihr habt das Recht, einen Euch völlig unbekannten, freundlichen, älteren Herrn einfach so mal eben als „Klimaverbrecher“ zu bezeichnen. Selbstverständlich habt Ihr auch das Recht, einem Menschen, den Ihr das erste Mal seht und von dem ihr nichts wisst, mit der Polizei zu drohen, weil er es gewagt hat mit Eurem Kind zu lachen.

Wißt Ihr was? Ihr könnt mich mal!

Bildquellen:
  • panzer-bistro: KI generiert Peter Wilhelm


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Der erfolgreiche Buchautor Peter Wilhelm veröffentlicht hier Geschichten, Kurzgeschichten, Gedanken und Aufschreibenswertes.

Lesezeit ca.: 7 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 3. Februar 2024 | Peter Wilhelm 3. Februar 2024

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