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Der Führer und das Herzjesubildchen

Der Führer und das Herzjesubildchen

„Sie, sie hawwe doch auch so ä Wasserbett, odda?“

Man ahnt es schon, die Ruckdäschl quatscht mich im Treppenhaus an und tippelt einfach hinter mir her, die Treppe hoch. Wir wohnen ja im ersten Obergeschoss. Nicht, daß ich auf Treppensteigen stehe, aber neben der Ruckdäschl im Parterre zu wohnen, wäre auch nicht das Wahre. Als vor einigen Jahren die Leute in Parterre links nacheinander gestorben sind, hat man uns diese Wohnung sogar angeboten. Aber hier oben haben wir es dann doch etwas ruhiger, dachten wir uns damals. Hier im Ländle herrscht ja der Ordnungsterror.

Die badische Schließordnung beispielsweise besagt, daß ab 22 Uhr alle Haustüren verschlossen sein müssen. Zwar gibt es eine solche Regelung schon seit des Kaisers Zeiten nicht mehr, da wo aber noch Leute wohnen, die den Kaiser noch erlebt haben, wird immer noch peinlichst auf die Einhaltung dieser äußerst wichtigen Regelung geachtet. In besonders gefährdeten Objekten, also Häusern, wo abends noch jemand vorbeiläuft oder in denen jemand wohnt, zum Beispiel, wird oft sogar schon um 18 Uhr abgeschlossen. Das bedeutet dann, daß beim Eintreffen und Fortgehen von Besuchern immer jemand von den Hausbewohnern mit dem Schlüssel mit zur Haustüre laufen darf.


Durch konsequente und kollektive Nichtbeachtung dieser Regelung durch all übrigen Hausbewohner haben wir das aber der Ruckdäschl im Verlaufe von nur 7 Jahren abgewöhnen können. Dafür achtet sie umso mehr auf die exakte Einhaltung des von ihr höchstpersönlich entworfenen Reinigungsplans. Es gilt die Treppen zu putzen, den Hof zu fegen und den Keller zu säubern. Und damit es niemandem langweilig wird, hat man niemals Treppe, Hof und Keller auf einmal, sondern jede Woche was anderes. In der verbliebenen vierten Woche ist man dann mit den Mülltonnen dran.
Ich sag ja, ohne die Ruckdäschl würde hier das Chaos ausbrechen und das christliche Abendland untergehen.

Der Führer und das HerzjesubildchenDer Führer und das Herzjesubildchen

„Gell, Sie haww ä Wasserbett?“

„Ja“, sage ich genervt, „wir haben ein Wasserbett.“

„Ei, isch könnt das ja net hawwe, isch mein‘ isch frier ja sowieso immer nachts und dann immer so im Wasser liegen, das wär ja nix für misch. Bekommt man da keine aufgequollene Haut?“

„Frau Ruckdäschl, man liegt doch nicht im Wasser, da wird man überhaupt nicht nass, das Wasser ist bloß in den Matratzen drin.“

„Na, isch kenn misch da ja net so aus, awwa isch hab mir jemanden kumme lasse, der hat mei‘ Bett angeguckt, weil des immer so quietscht.“

„Ah ja“, ist alles was mir zum quietschenden Bett von Frau Ruckdäschl einfällt.

„Jetzt wollt isch sie froge, ob Sie net vielleischt ä Drohtberschd fer misch hätte.“

„Eine was?“

„Ä Drohtberschd“, wiederholt die Ruckdäschl, besinnt sich dann aber darauf, daß ich ja ein Zugezogener bin und wiederholt mit spitzem Mund: „Oinö Drooohtbürsteh!“

„Ach, Sie meinen eine Drahtbürste?“

„Ja, genau, die brauch isch unbedingt.“

„Ich werde nachher mal im Keller gucken, ich glaube, da habe ich eine Drahtbürste.“

„Sie, das ist praktisch! Wenn sie eh nochhin in de Keller runner misse, dann könne Sie eben mol bei mir neischaue und mir die Matratze aussem Bett heben.“

Ich kenne das, wenn man der Ruckdäschl den kleinen Finger reicht, nimmt die gleich den ganzen Arm. Kalle, der Schrauber, von gegenüber sollte ihr mal einen Nagel leihen. Man stelle sich das mal vor, da will sich die Alte einen Nagel leihen. Da hängt sie dann 20 Jahre lang ein Bild dran auf und bringt den Nagel dann zurück, oder was?
Jedenfalls hat Kalle ihr den Nagel aus seinem Werkzeugkasten gegeben und die Ruckdäschl hat dann im Kasten noch einen Hammer entdeckt. Ach, das wär‘ ja praktisch, dann könnt‘ er ihr den Hammer auch gleich ausleihen, ach, jetzt wo er den schon mal in der Hand hat, könnt‘ er doch mal eben den Nagel in die Wand klopfen und wo er doch schon mal da ist, wäre da drüben noch eine Fußleiste lose und nur die Innenseite der Badezimmertüre noch mit Glanzlack zu streichen, der könne dann in Ruhe trocknen, während er ihr den Abfluss vom Kuchenspülbecken durchspült. Kalle war drei Tage verschollen! Verschollen in den Tiefen der ständig renovierungsbedürftigen Wohnung von Frau Ruckdäschl.
Mir würde das nicht passieren!

„Also gut, ich komme dann nachher runter, bringe Ihnen die Drahtbürste und hebe Ihnen die Matratze aus dem Bett.“

Freudestrahlend tippelt die Ruckdäschl davon und ich widme mich wichtigeren Dingen.

Gegen Mittag fällt mir die doofe Drahtbürste wieder ein und gehe schnell mal in den Keller runter. Das heißt, so ganz schnell geht das nicht, denn die Ruckdäschl steht schon (oder immer noch?) an ihrer Tür: „Ei, isch dacht‘ schunn, Sie komme gar net mehr!“

Wenig später stehe ich im Allerheiligsten, der Ruckdäschl-Wohnung! Meine Güte, was können diese Wohnungen groß sein, wenn man nicht soviel Zeug drinstehen hat, wie wir! Die Diele beispielsweise, bei uns durch Garderobe und Schrank ein enger Gang ist bei der Ruckdäschl fast schon eine Halle. Nur ein kleines Schränkchen mit einem brokatüberzogenen Telefon mit Wählscheibe (!) steht da drin und meine Schritte hallen sogar, als ich mit der Drahtbürste in der Hand der Ruckdäschl zum Schlafzimmer folge.

So, jetzatle! Gell, Sie hebe‘ mir jetzt die Matratz aussem Bett und dann mache Sie’s mir.“

„Wie bitte?“, frage ich entsetzt.

„Ah joh, der nette Mann vom Bettengeschäft hat gesagt, da müsste man was mache.“

Ich frage besser gar nicht weiter nach, lege die Drahtbürste auf das Nachtschränkchen der Ruckdäschl und entdecke mir Schrecken eine passbildgroße Fotografie der „Führers“ direkt neben einem Herzjesubildchen und einem Foto des verblichenen Franz Ruckdäschl unter der Glasplatte auf dem Nachtschränkchen. Die Drahtbürste lege ich dem Führer auf die Nase und mache mich daran, die Matratze aus dem Bett zu heben.
Vermutlich will die Ruckdäschl die mal absaugen oder sowas.

„Do drüben könne Sie die hinstelle!“

Ich wuchte die Matratze an die angezeigte Stelle, klopfe mir etwas den Staub von den Hosen und will mich schnell verabschieden. Doch da habe ich die Rechnung ohne die alte Frau gemacht. Die steht in der Tür, versperrt mir den Weg und schaut mich erwartungsvoll an.
Was will die von mir?

„Und jetzt?“, erkundige ich mich.

„Na jetzt nehme sie die Drohtberschd und mache das weg.“

„Ja was denn?“

„Na der Mann vom Bettengeschäft hat gesagt, isch hätt ganz alten Lattenrost und den solle Sie mir jetzt wegmache. Isch hatte ja keine Ahnung, daß so Latten auch rosten können und Sie wollen ja wohl nicht, daß isch nachts irgendwann mal mit dem durchgerosteten Bett zusammenbreche.“

Hat es einen Sinn, zu versuchen, der Ruckdäschl zu erklären, was mit einem Lattenrost gemeint ist? Soll ich wirklich versuchen, ihr irgendetwas klarzumachen? Was würde länger dauern, ihr jetzt alles zu erklären oder einfach mit der Drahtbürste den hölzernen Lattenrost abzubürsten?
Ich entscheide mich für die sinnfreie, aber kürzere Variante, nehme seufzend die „Drohtberschd“ und beginne die Holzlatten im Bettrahmen der Ruckdäschl abzubürsten.

„Ei, isch mach Ihne dann ämol einen schöne Kaffee“, freut sich die Alte und entfleucht.

Rund eine halbe Stunde habe ich gebürstet, sie hat dann noch die Latten mit den Staubsauger abgesaugt und durfte die Matratze wieder an ihren Platz legen. Der Kaffee war auch gut und das Entkalken der Kaffeemaschine hatte ich in Windeseile erledigt. Es dauerte kaum länger wie das Anbringen der neuen Vorhangstange im Wohnzimmer. Bloß das Aufhängen des Vorhangs hat mich dann doch etwas aufgehalten, aber nicht so lange wie das Streichen des Küchenschranks.

„Du bist doch den ganzen Tag zu Hause“, schimpft am Abend die Allerliebste, „da hättest Du wenigstens das Geschirr spülen können, was treibst Du eigentlich den ganzen Tag?“

Ich kann nur mühsam mein müdes Haupt vom Sofa heben und schaffe es nur, ein Wort zu sagen: „Ruckdäschl…“

Sofort ist der Zorn der Allerliebsten wie weggeblasen: „Ach Du Ärmster!n Wart‘, ich mach Dir einen schönen Tee. Was hast Du denn machen müssen?“

„Ich musste ihr mit der Drahtbürste den Lattenrost vom Rost befreien…“

„Okay, bis eben hatte ich Mitleid mir Dir, aber verarschen kann ich mich alleine, los ab in die Küche, spül das Geschirr!“

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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