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Spitze Feder

Alles so schön bunt hier

Fahnen

Ich fürchte, ich leide an chronischer Reizüberflutung. Es ist aber auch unfassbar, was es heutzutage so alles gibt…

… oder auch nicht mehr gibt, was man getrost verpassen kann, was man auf keinen Fall verpassen darf, um, im besten Fall, nicht sogar bemitleidet zu werden. Tausende von hippen Radiosendern, die gefühlt irgendwie alle denselben Schmodder dudeln. Tausende von Fernsehkanälen, die in Sachen Qualität, der Niveaulosigkeit der hippen Radiosender in nichts nachstehen. Millionen YouTube-Channels, in denen obskure Zeitreisende exklusiv die Lottozahlen der letzten Ziehung leaken, in denen merkwürdige Wissenschaftler merkwürdig unwissenschaftliche Thesen verbreiten, denen hirnlose Querdenker grölend folgen und diesen Schwachsinn auch noch massenhaft weiterverbreiten, in denen Tausende Influencerinnen, ihre kruden Kunsthonig-Performances zelebrieren, die bei ihren Follower wiederum die Unbedingt-haben-müssen-, oder die Fortpflanzungsinstinkte triggern…oder beides, und dabei alle aussehen, als entstammen sie dem gleichen 3D-Drucker der angesagtesten Änderungsfleischerei, mit den gleichen Schlauchboot-Lippen, den gleichen Bazilian Butts und den gleichen Silikon-Möpsen.

Die große, herrlich durchgeknallte Rockröhre, Nina Hagen, brachte diesen Wahnsinn in „TV-Glotzer“, ihrer Coverversion des Tubes-Klassikers „White Punks On Dope“, schon 1978 auf den Punkt: „Kann mich gar nicht entscheiden. Alles so schön bunt hier.“

Wobei „White Punks On Dope“ die Sache auch ganz gut trifft. Denn wenn man nicht völlig zugedröhnt, oder sediert, bis beseelt, um das goldene Konsumkalb herumtanzt, sondern mal einen Schritt zurücktritt und sich den ganzen Trubel aus „kritischer Distanz“ betrachtet, hat das Unbedingt-haben-müssen schon auffällige Züge einer Sucht. OK, mit Punk hat die Gier-nach-immer-mehr zwar nichts zu tun, ganz im Gegenteil, aber unser täglich´ Dope, ist auch in Post-Punk-Zeiten noch immer das Öl, das unsere Gesellschaft schmiert, leider aber auch die Augen und das Hirn verklebt.

So bunt ist unsere schöne bunte Welt nämlich nur auf den ersten Blick, und je weiter man von dem goldenen Konsumkalb zurücktritt, desto mehr verschwinden die schönen quietschbunten Farben in Richtung unappetitlicher Brauntöne. Um einer solchen Nüchternheit präventiv einen Riegel vorzuschieben und die Menschen daran zu hindern, sich auf das wirklich Wesentliche zu besinnen, kommt immer wieder massenhaft neues Must-Have auf den Markt, neues Dope, das unsere Gesellschaft schmiert und die Augen und das Hirn verklebt. Aber das sagte ich ja bereits.

Dass mit dem ganzen Junk, auch Unmengen an Ressourcen verballert werden, dass er an Lieferketten gefesselt, den ganzen Globus zuweilen sogar mehrfach umrundet, bevor er im Amazon- oder Zalando-Päckchen vor unserer Haustür landet und wir ihn, schreiend vor Glück, zu all dem anderen Junk in unserer Bude stellen, darauf machen anscheinend nur noch notorische Spaßbremsen aufmerksam. Hey Alder, nerv nicht! Kennen wir doch alles schon aus dem Fernsehen, aus dem Radio, aus den Zeitungen, von YouTube, Facebook, Twitter, Instagram, TikTok…geschenkt.

Aber es gibt noch eine weitaus gefährlichere Ignoranz, als die der gedankenlosen Verschwendung und des damit einhergehenden Raubbaus. Sie hat ihren Ursprung auch in verklebten Augen und Hirnen. Denn bei all dem Sich-weg-ballern durch immer mehr, immer geiler, immer…entgeht vielen, dass sich hinter dem „Alles so schön bunt hier“, gerade ein brandgefährlicher politischer Abgrund auftut!

Sicher gibt es hierzulande ein paar Dutzend Parteien, die Verantwortung übernehmen wollen, die das Land nach vorne bringen, die Menschen abholen und mitnehmen wollen, unsere Wirtschaft krisenfest aufstellen, transformieren, digitalisieren…Bla, bla, bla. Kennen wir ebenfalls alles aus dem Fernsehen, aus dem Radio, aus den Zeitungen…insofern: Ebenfalls geschenkt. Ich amüsiere mich schon seit Jahrzehnten über die sogenannten Klein- und Kleinstparteien, von denen man so gut wie nie etwas hört, die nur ihn Wahlkampfzeiten aus der Versenkung erscheinen und ihre Plakate in DIN A-0 an die abgelegensten Ampelmasten binden: Die Partei der Bibeltreuen Christen, die Partei der Menschlichen Welt für das Wohl und Glücklich-Sein aller, Die Urbane. Eine HipHop Partei, die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands, dazu noch einige humorlose, hagere, graubärtige K-Fossilien, deutlich unter der 0,5 ‰ Grenze…um nur einige zu nennen.

Aber das vermeintlich „Alles so schön bunt hier“ der Parteienlandschaft trügt! Seit 75 Jahren bestimmen mehr oder weniger, immer die gleichen, nämlich CDU, CSU, FDP, SPD und Grüne, wo es politisch und ideologisch lang geht, in diesem unserem Lande. Wobei man das Adjektiv „ideologisch“, mittlerweile getrost streichen kann. Denn die Unterschiede zwischen den „Parteien der Mitte“ sind nur noch marginal. Letztendlich stehen sie nämlich alle für unser täglich´ Dope, das unsere Gesellschaft schmiert und ihr die Augen verklebt. Aber das sagte ich ja bereits mehrfach.

So sehr die Augen verklebt, und so sehr die Sinne lähmt, dass sich 2024 irgendwie niemand mehr an die eindringliche Warnung von Bertolt Brecht erinnern kann, oder erinnern mag, der über die ständig lauernde Gefahr des Faschismus bereits vor über sechzig Jahren sagte: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

So sehr die Augen verklebt, dass ein gewisser Jesko zu Dohna, seines Zeichens stellvertretender Chefredakteur der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung, im Oktober 2023, anscheinend in liberaler Umnachtung, von einem PR-Coup des Innenministeriums delirierte, als 3000 Beamten und Sondereinsatzkommandos der Polizei in einer konzertierte Aktion den Reichsbürgern auf die Pelle rückten und 25 von ihnen vorläufig in Gewahrsam nahmen. Was er daran so lustig fand, dass dabei Todeslisten mit den Namen von Politikerinnen und Politikern und scharfe Waffen nebst Munition gefunden wurden, dass unter den Verdächtigen sogar ehemalige und aktive Mitglieder des KSK und die Richterin und Ex-AfD-Abgeordnete Malsack-Winkemann waren, bleibt wohl sein Geheimnis.

Angesichts dessen, dass sich, nach dem Motto „Faschisten aller (Bundes-)Länder vereinigt Euch“, der rechte Rand anscheinend peu á peu zusammenrottet, dass es konspirative Treffen von Reichsbürgern, Mitgliedern der Identitären und solchen der AfD gab, dass sogar Anhänger der QAnon-Bewegung und des rechtradikalen Flügels der CDU, namens Werteunion, mit ihm Boot waren, ist jedenfalls nicht wirklich lustig. Ganz im Gegenteil! Denn bei den unter-ferner-liefen-Parteien der Post-Faschisten, gibt es nämlich auch noch die Republikaner, die NPD, die DSU, die Rechte, der Dritte Weg…Und alle habe sie das große, gemeinsame Ziel: Unsere freiheitliche, demokratische Grundordnung und unsere bunte Vielfalt zu zerstören und an ihrer Stelle eine Diktatur des Rassenhasses nach dem Vorbild des dritten Reiches zu errichten.

Wenn sich die aufgeklärte Gesellschaft nicht umgehen und mit allen Mittel dieser Entwicklung entgegenstellt, wenn CDU, CSU, FDP, SPD und Grüne nicht sofort über ihren Schatten springen und sich zu einer Brandmauer gegen den Faschismus zusammenschließen, einer Brandmauer, die diesen Namen auch wirklich verdient und nicht nur hohle Wahlkampfphrase sein soll, wenn nicht sofort und konsequent alle Mittel des Rechtsstaates gegen diese elende Seuche eingesetzt werden, dann werden vielleicht bald wieder Horden von schwarz, oder braun Uniformierten johlend durch die Straßen ziehen. Dann werden die entfesselten Idioten der SA 2.0, wieder Schaufenster beschmieren, Bücher verbrennen und bald darauf auch Menschen…!

Es ist fünf vor zwölf! Wehret den Anfängen! Sonst kann es schnell passieren, dass es nicht mehr heißt: Alles so schön bunt hier.

Bildquellen

  • reichsbürger: KI generiert

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 13. Januar 2024

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