Spitze Feder

Von Schnittmengen und Überlappungen

Michel

Schnittmengen und Überlappungen können etwas Wunderbares sein, sofern sie harmonisch und symbiotisch wirken. Wem beispielsweise Rock-Musik auf Dauer zu vorhersehbar und deshalb zu eintönig erscheint, …

…und wem Jazz intellektuell zu verkopft sein mag, für den eröffnet sich in der Fusion, also der Mischung aus der Schnittmenge beider Genres, eine unerschöpfliche Vielfalt von Klängen. Wer das Fahrgefühl einer Limousine und das relaxte Einsteigen in einen Offroader, gleichermaßen schätzt, ist mit einem SUV, also der Schnittmenge beider Bauarten bestens bedient; und in Sachen kulinarischer Genüsse, ist für mich die Fusion-Küche, also die Produkte aus den Schnittmengen aller möglichen Kochstile, ohnehin das Maß der Dinge.

Ganz im Gegensatz zur Politik!

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Die seligen Zeiten, in denen es noch Alleinregierungen und echte Volksparteien gab, sind längst Gechichte, wie Dr. Helmut Kohl wohl sagen würde. Auf Landesebene gab es zwar schon viele Alleinregierungen; an die meisten denkt man im Nachhinein allerdings eher mit Grauen. Ich sage nur: Franz-Josef Strauß, Hans Filbinger, Roland Koch und Kurt Biedenkopf, um nur die Highlights in Sachen maliziöser Borniertheit zu nennen.

Im Bund gab es deren genau zwei, allerdings als Minderheitsregierungen, die sich ihre Mehrheiten im Plenum bei jedem Vorhaben aufs Neue mühsam erarbeiten mussten. Im Grunde genommen, ist das eigentlich das urdemokratische Prozedere schlechthin. Heute wirkt es allerdings eher, wie ein skurriles Artefakt in einer muffigen Museumsvitrine. Keine, der etablierten Parteien, CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne, hat weder das Format noch die Eier, sich auf dieses spiegelglatte Parkett zu begeben, obwohl sie alle en Suite von der Demokratie, als der besten Regierungsform, salbadern.

Zwischen den Zeilen jedoch, betrachten sie die Demokratie als Gesellschaftsform, in der die Bürgerinnen und Bürger am Ende vielleicht noch bei allem mitreden wollen, eher als störenden Unterpunkt auf ihrer Prio-Liste.

Und da dies alles so ist, wie es nun mal ist, nämlich furchtbar anstrengend und zudem noch mit einem hohen Maß an Unsicherheit behaftet, gehen CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne, nach Wahlen stets in ernste Sondierungsgespräche, in denen sie ihre Schnittmengen ausloten, um an deren Ende, eine stabile, tragfähige Mehrheit für einen glasklaren Regierungsauftrag … um das Land gut aufzustellen, es voran zu bringen und es zukunftsfest zu machen, um neben der technischen Transformation, auch die gesellschaftliche … bei der man jedoch bereits auf einem guten Weg … Bla, Bla, Bla.

Richtig doof wird es, wenn Micheline und Michel ihre homöopathische Dosis an Macht, die sie alle vier Jahre als Stimmvieh zu den Urnen treibt, nach dem Gießkannenprinzip verteilen und es mehr als zwei Parteien benötigt, um eine stabile, tragfähige Mehrheit, für einen glasklaren Regierungsauftrag, um das Land gut aufzustellen, es zukunftsfit zu machen …

Das war bei Schwarz-Gelb und den GroKos zwar prinzipiell auch der Fall, allerdings treten CDU und CSU aufgrund ihrer inzestuösen Hassliebe, ja bundesweit stets gemeinsam als „die Union“ auf. Insofern kann man bei Schwarz-Gelb und der GroKo ohne Qualitätsverlust auch von zwei Parteien sprechen, die ihre Schnittmengen zum Wohle des Volkes, oder so.

2021 war es dann aber so weit, dass nicht einmal zwei Parteien ausreichten, um eine Mehrheit von 50 % plus X zusammenzuklauben. Am Ende der Sondierungen um Schnittmengen, stand dann, wie man weiß, eine Regierungskoalition aus deren dreien:

Die Ampel.

Wobei man wiederum konstatieren muss, dass es sich bei ihr im Grunde genommen eigentlich um eine Sonderform einer Minderheitsregierung aus SPD und Grünen handelt, die mit der FDP, durch eine schicksalhafte Arithmetik gezwungen, einen Teil der Opposition mit ins Boot holen musste, um dann, als gemeinsame Schnittmenge, zumindest eine Diätenerhöhung im Bundestag als ersten Erfolg verbuchen zu können.

Deshalb bekleiden mit Christian Lindner, Volker Wissing, Bettina Stark-Watzinger und Marco Buschmann, auch gleich vier Vertreterinnen und Vertreter jener marktradikalen Ultras aus der Opposition Chefposten in Bundesministerien. Für Micheline und Michel bedeutet dies, dass damit ihr Globuli vom Wahltag, in ein völlig bedeutungsloses Nichts verpufft ist. Das wäre bei einer stinknormalen GroKo zwar auch der Fall gewesen; allerdings leben wir in äussert unkommoden Zeiten… also für Micheline und Michel. Die Kriege kommen immer näher, „die Märkte“ sind furchtbar volatil und gleichzeitig verraucht der berechtigte Wunsch auf eine angemessene Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand und nach einer Angleichung von Recht und Gerechtigkeit für 95 % der Bevölkerung zu einer naiven Utopie.

Nur damit keine falschen Hoffnungen aufkommen: Eine GroKo aus den Schnittmengen von Union, also aus CDU plus der tollwütigen bayrischen Splitterpartei CSU, von SPD und Grünen, würde exakt das gleiche asoziale Bulldozer-Programm fahren, wie die jetzige GroKo-Haram (Martin Sonneborn). Insofern können Micheline und Michel vorab schon mal ihre Zungenspitze für die nächste Bundestagswahl 2025 befeuchten … wenn es wieder Globuli zum Lutschen gibt.

Bis dahin kommt es aufgrund der Schnittmengen von SPD, Grünen und FDP, immer wieder zu ominösen Überlappungen. Dergestalt, dass beispielsweise der Finanzminister, Christian Lindner, die sozialromantischen Tagträumereien des Arbeitsministers, Hubertus Heil, nach einer „spürbaren Stärkung der unteren und mittleren Einkommen“ und einer „deutlichen Anhebung des Mindestlohns“, mit einem Federstreich seines vulgärliberalen Mantras namens Schuldenbremse letal überlappt.

Oder dass der Verkehrsminister, Volker Wissing, die Umwelt-Ambitionen von Steffi Lemke rigoros überlappt, wenn diese auf ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen abzielen, also auf eine damit einhergehende Reduktion der CO2-Emissionen, die Wissing in seinem ureigenen Ressort eigentlich bringen müsste.

Fairerweise muss man Wissing allerdings auch zugutehalten, dass sich die GroKo-Haram erst jüngst darauf verständigt hat, ihre ursprünglich äußerst ambitionierten Klimaziele dahingehend zu transformieren, dass nun die Summe der Schnittmengen aller Ministerien bezüglich deren CO2-Emissionen … oder so in der Art.

Die Einzigen, bei denen kein Blatt Löschpapier zwischen deren bellizistische, feuchte Träume passt, sind der zackige Verteidigungsminister Boris Pistorius und das welke Girlie der Rüstungsindustrie und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Hier ist die gemeinsame Schnittmenge bei satten 100 %, da überlappt nix!

Nach deren Vorstellungen muss nämlich Deutschland schnellstmöglich kriegstüchtig werden. Koste es, was es wolle. Christian Sewing, der schneidige CEO der Deutschen Bank, hat sich bereits mit Begeisterung als Adlatus empfohlen und Kriegstüchtigkeit auch von der hiesigen Finanzindustrie gefordert. Dass die Banken ohnehin immer mit im Boot sind, wenn irgendwo auf dem Planeten Panzer rollen, Raketen explodieren und Menschen zu Tausenden massakriert werden, ist ihm in seiner Euphorie über die zu erwartenden traumhaften Gewinne anscheinend glatt entfallen.

Kuballa

Nach einem unverblümten, militärischen PR-Feuer des Bundeswehr-Obersts a. D., Roderich Kiesewetter, der in einem Statement in der Sendung „Kulturzeit“ auf 3-SAT, für eine mentale Mobilmachung der ganzen Gesellschaft, mittels eines allgemeinen Hurra-Patriotismus, auch und gerade in Schulen, wirbt, hat der Autor, Kolumnist und Journalist, Heribert Prantl, in der gleichen Sendung, ein bemerkenswertes Interview gegeben und (ab 8:12) treffend erklärt, wie sich eine derart entfesselnde Sprachregelung auf Politik und Gesellschaft auswirkt.

https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/kriegstuechtig-deutschland-sucht-seine-rolle-in-kriegszeiten-sendung-vom-30-04-2024-100.html
Video nur bis 19.05.2024 verfügbar

Derweil kämpft der Multimillionär und CDU-Alpha-Rüpel, Friedrich Merz, auf der harten Oppositionsbank mit schierer Selbstüberschätzung und poltert Sinnloses bis Abartiges in jedes Mikrofon, das ihm unter die Nase gehalten wird.

Aber selbst sein gekünsteltes, hysterisches Zetern, seine peinlich geballten Fäustchen und sein wiederholter Griff in die verbale Kloake der AfD, um Stärke zu demonstrieren, können nichts an der Tatsache ändern, dass es die Union mit ihrem gemeinsamen Kanzlerkandidaten und Flutkatastrophen-Clown, Armin Laschet, war, die es bei der Bundestagswahl 2021 auf ganzer Linie verkackte, und dass sie deshalb bis 2025 eben nix zu melden hat. Punkt! Dass selbst sein völlig überzogenes Ego als designierten Laschet-Nachfolger, an der temporären Bedeutungslosigkeit der Union auf Bundesebene nichts ändert, kann er wohl nur mit Antazida ertragen.

Stimmen

Gebt Eure Stimmen ab, dann seid Ihr sie los!

Man könnte natürlich auch unterstellen, dass seine gebetsmühlenhaft wiederholten Gedankenspiele über eventuelle Schnittmengen mit der SPD, der FDP, oder den Grünen, oder seine andauernde, enervierende Forderung nach Neuwahlen, einzig dem Zweck dienen, Micheline und Michel vom Denken abzuhalten. Wenn, neben den Kriegen auf der Welt, nämlich partout mal wieder nix passiert, wozu Merz seinen Mostrich abgeben und sich profilieren kann, muss er, als engagierter Anwalt der Eliten, auch mal schafsdämlichen Bullshit von sich geben, um in den Nachrichten und den Polit-Talkshows seinen Markenkern hervorheben und das eigene Profil schärfen zu können. Dass er dabei auch mal dreiste Lügen über Asylbewerber verbreitet und somit die ominöse „Brandmauer nach rechts“, als eine hohle Phrase politischer Beliebigkeit entlarvt, ist eingepreist. Hauptsache Schlagzeilen, Klicks und Likes, um stets präsent zu sein.

Zumindest ein Trost bleibt den Michelines und Michels im besten Deutschland aller Zeiten: Durch die Schnittmengen und Überlappungen der Minderheitsregierung, mit ihrem schicksalhaft arithmetischen Oppositionsanteil, werden alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen nach Strich und Faden rasiert. Demokratie in Reinkultur eben. Und als Schmankerl wird sich in 2025 daran auch garantiert nichts ändern, egal, wen Micheline und Michel mit der Gießkanne beglücken, nachdem sie ihr Globuli gelutscht haben. So nachhaltig ist Politik in Deutschland mittlerweile allemal.

Bildquellen:
  • stimmen: Peter Wilhelm
  • kuballa: Peter Wilhelm ki
  • michel: Peter Wilhelm ki


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Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 11 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 2. Mai 2024 | Peter Grohmüller 2. Mai 2024

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