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Wenn jetzt keiner anruft, verbrennen wir die Kohle

Wenn jetzt keiner anruft, verbrennen wir die Kohle

Seit geraumer Zeit werden die Fernsehzuschauer von den sogenannten „call in shows“ bzw. „call in-Sendern“ überflutet. Kaum ein Sender verzichtet darauf seine Zuschauern vor allem nachts zu Mitmachern zu machen. Die Rede ist von den Gewinn-, Quiz- und Mitmachshows bei den reinen Quizsendern wie 9Live (must see Video!) und im Spätprogramm von Pro 7, RTL, DSF usw.

Versprochen werden Gewinne am laufenden Band (Videolink), geglaubt wird das von den wenigsten Vernünftigen, von den meisten der Mitmacher und von keinem, der dort arbeitet.
Daß ein Sender, der überwiegend von Werbung lebt, wie beispielsweise Pro7, in der frühen Nacht noch etwas uneigennützig unter den Nachtzuschauern verlost, das mag ja noch von einigen geglaubt werden können. Aber daß ein Sender, der keine oder kaum Werbung macht und ansonten so gut wie gar kein Programm zu bieten hat, wie 9Live, irgendetwas verschenkt, das darf niemand glauben, der weiter als bis auf Drei zählen kann.

Wer nicht weiß, um was es geht, wird durch dieses Video ein Kundiger.

Wenn jetzt keiner anruft, verbrennen wir die KohleWenn jetzt keiner anruft, verbrennen wir die Kohle

Auch wenn das jedem klar Denkenden bewusst sein müsste, sage ich es nochmals: Diese Sender leben davon, daß ein Haufen Irrgläubiger dort anruft und sie reich macht. Diese Sender machen mit der Hoffnung auf einen vermeintlichen Gewinn Kasse und das offenbar nicht zu knapp.
Jeder der dort anruft, füllt das Säckel der Fernsehmacher und aus dem prall gefüllten Säckel werden die Brosamen für die wenigen tatsächlichen Gewinner abgezwackt.

Solange nicht genug im Säckel ist, wird auch keiner die Chance auf den jeweils ausgelobten Gewinn bekommen. Dann dauert es eben umso länger, bis der geheimnisvolle „Hot Button“ zuschlägt, notfalls geht die Sendung eben ohne Gewinner zu Ende.

Hiermit erfüllen die Moderatoren und Betreiber, meiner Meinung nach, den Tatbestand des Betruges nach § 263, Abs. 1 StGb. Denn sie täuschen ihre Vertragspartner, die Anrufer, permanent über den wahren Sachverhalt der Geschäftsbeziehung hinweg. Sie täuschen ihre Kunden in der Absicht einen Dritten zu bereichern, letztlich sich selbst zu bereichern und das in voller Absicht, also vorsätzlich.
Hauptkritikpunkt sind Spiele mit dem sogenannten „Hot Button“. Hier wird der Eindruck erweckt, als habe weder die Sendeleitung und schon gar nicht der Moderator im Studio einen Einfluß darauf, wann ein Anrufer durchgestellt wird.
Hierdurch entsteht bei den Zuschauern das Gefühl, man könne die Glücksschwelle dadurch überwinden, indem man jetzt die richtige Lösung durchsagt.
In Wirklichkeit, und das wird nur allzu oft verschwiegen, ist das Durchsagen der Lösung nur eine weitere Glücksschwelle, die es zu überwinden gilt. Tatsächlich fängt es schon beim Wählen der Gewinnummer an, für das man 50 Cent berappen darf. Es werden vollautomatisch so lange Anrufer abgewiesen und abkassiert, bis das Säckel des Senders genügend gefüllt ist. Erst dann, so ist mein Eindruck, wird von einem Verantwortlichen ein potentieller Gewinner durchgestellt.

Es bleibt aber dennoch ein schlechtes Gefühl. Sind alle Anrufer echt? Gibt es wirklich so viele Leute, die durchkommen, dann aber einfach auflegen und damit dem Moderator die Chance geben, erneut quälende Zeit vergehen zu lassen, bis wieder einer durchkommen darf? Werden nicht vielleicht doch häufig besonders gerne die durchgestellt, die schon vorher der Telefondame eine FALSCHE Lösung durchgesagt haben? usw.

Jedenfalls ist es so, daß die Moderatoren alles tun, um das -möglicherweise ohnehin nicht besonders intelligente Publikum- über den wahren Sachverhalt zu täuschen.

Allein die immer wieder vorgetragene Behauptung, es würde ja sonst keiner anrufen, erfüllt den Tatbestand des Betruges. Und insbesondere die von den Moderatoren erzeugte Haltung, man müsse jetzt oder zu einem bestimmten Zeitpunkt anrufen, ist für mich schlicht und ergreifend Betrug. Hier verschafft sich jemand durch Täuschung einen Vermögensvorteil zum Nachteil eines Dritten.

Letztenendes handelt es sich doch um eine Form der geschäftlichen Beziehung zwischen Sender und Anrufer. Nur dass in diesem Fall der eine Geschäftspartner über die wahren Abläufe hinweggetäuscht oder doch zumindest grob im Unklaren gelassen wird.

Zwar erlauben die wachsamen Augen der Aufsichtsbehörden eine gewisse übertriebene Sprache, die den Showcharakter der Sendungen duch großmäulige Floskeln, untermalen soll, aber de facto werden hier zunehmend Unwahrheiten behauptet.

Ob sich die Moderatoren dieser Tatsache bewußt sind, wenn sie so vorgehen:

„Ja ist denn da draußen niemand, der hier anrufen und gewinnen will?“ kreischt der Moderator, der seine Erregung mehr als schlecht spielt, ins Mikrophon, während sich draußen im nächtlichen Land hunderte von Hartz-IV-Empfängern die Finger wund wählen.

Dort zuzuschauen und sich zu amüsieren, das ist Comedy. Dort aber anzurufen und die Lösung auf simple, bis dämliche Fragen durchgeben zu wollen, das ist reine Blödheit.

Die Rätsel oder Spielchen müssen so simpel wie möglich sein, damit auch die des Lesens und Schreibens unkundigen Zuschauer oder die, die sich mit diesen Kulturtechniken besonders schwer tun, das Gefühl haben, die Lösung finden zu können. Deshalb kann eine Frage zum Beispiel lauten: „Nennen Sie uns Städte, die mit dem Buchstaben H anfangen!“
Daß dann noch Leute anrufen, die „Lübeck“ sagen, zeugt nur davon, daß ich mit der Einschätzung der cerebralen Fähigkeiten des typischen Gameshow-Zuschauers nicht falsch liege.
Aber vielleicht stammen viele der falsch oder richtig antwortenden Anrufer auch gar nicht von draußen und rufen über die hausinterne Senderleitung an? Wer weiß?

Dabei ist es nach den Richtlinien für Gewinnspiele der Landesmedienanstalten gar nicht zulässig, den Zuschauer über Gebühr zu täuschen. Eine Formulierung wie: „Was ist da los? Warum ruft denn keiner an?“ ist demnach nämlich verboten. Erlaubt hingegen ist: „Was ist denn da los? Soll ich das Geld denn wieder mitnehmen?“
Ein Trommelwirbel, nichts passiert. Die Lichter flackern, nichts passiert. Ein Countdown zählt spannend herunter und – wieder passiert nichts! „Was ist da los? Ihr wollt doch alle das viele Geld, also ab in die Leitung, noch in dieser Stunde, ja vielleicht in dieser Minute schon schlägt der Hot Button zu!“

Und dieser Hot-Button ist, ganz nach Lust und Laune der Agierenden mal ein Redakteur, der schon an den Fingernägeln kaut, weil keiner durchkommt, mal kann es aber auch ein unbestechlicher Zufallsgenerator sein…

Jaja, und ich bin der Papst…

Alles das dient nur dazu, noch mehr Menschen zum Anrufen zu bewegen, damit noch mehr Kohle in die Kasse des Senders sprudelt.
Auch wenn die Moderatoren wie eine Mischung zwischen Zeitungsdrücker und Gebrauchtswagenverkäufer erscheinen oder sich anbiedern wie eine geldgeile Hafenhure, die gängigsten Tricks der Straßenpsychologie haben sie 1a drauf.

Wenn also auf der einen Seite versucht wird, mit möglichst simplen Rätseln soviele Anrufer wie möglich anzulocken, die dann typischerweise mit Kleingewinnen abgespeist werden, läuft die Masche bei den Groß- und Hauptgewinnen anders.
Hier wird das Rätsel so abstrus und möglichst undurchschaubar gestaltet, daß niemand auf die richtige Lösung kommt, oder dass sogar mehrere richtige Lösungen denkbar wären.
Bei den simplen Rätseln rauft sich der Moderator gerne mal die Haare und sinniert darüber nach, wie schwer und fast unlösbar das Rätsel sei. Werden hierdurch doch die Doofen vor der Mattscheibe in ihrer Meinung bestärkt, sie seien eventuell tatsächlich der Einzige, der es herausbekommen habe.

Die schwereren, undurchschaubaren Rätsel hingegen, werden gerne als leicht und völlig schnell zu lösen dargestellt. In möglichst kurzer Abfolge werden dann Anrufer durchgestellt, die wegen der Unlösbarkeit des Rätsels natürlich alle falsch liegen.

Im Fuckup-Weblog heisst es dazu:

Diese Fälle intransparenter Rätsel, in denen keine klaren Regeln zu Lösung angegeben wurden und viele Lösungen sich mit den Lösungswegen anderer ähnlicher Rätsel widersprachen, waren nahe am Betrug und wurden inzwischen von den Sendern aufgegeben.

In diesem Weblog wird weiter eine Methode beschrieben, die sich mit dem Spiel „Wort vor X“ beschäftigt. Hierbei wird ein Wort vorgegeben, z.B. das Wort „Hose“. Die Anrufer sollen nun anrufen und „superleichte“ Begriffe durchgeben, die auf „Hose“ enden. Das könnte z.B. Badehose, Schwimmhose, Anzughose, Windhose usw. sein. Die ersten Begriffe sind auch schnell und leicht gefunden, die betreffenden Anrufer werden mit Kleingewinnen abgespeist.
Erst die jetzt noch nicht gefundenen Begriffe sollen dann mehr Geld bringen, oder wie es im Quizsender-Deutsch heißt „die volle Asche“ oder die „ganze fette Kohle“.
Bloß werden diese Begriffe nie gefunden, ganz egal mit welchem Begriff man denen kommt.
Über viele Stunden hinweg jammert der Moderator, der genausogut eine Moderatorin sein kann, herum, niemand komme auf diese ach so naheliegenden Lösungsworte. Tränen stehen denen in den Augen, die schiere Verzweiflung ist ihnen ins Gesicht geschrieben.

Warum auch nur kommt denn keiner auf Langhose, Schreithose oder Mannhose?
Liegt es vielleicht daran, daß diese Wörter frei erfunden, sinnfrei und jenseits der Verarschungsgrenze sind?

Bei Fuckup heisst es dazu:

Die anderen Begriffe allerdings werden nie gelöst – und das ist auch kein Wunder. Schließlich steht kaum einer von ihnen im Duden, viele würden nicht mal mit Google gefunden werden. Geraten werden sollen so absurde Begriffe wie Bauernregelbuch, Baucontainerabstellplatz, Bauklotzform, Baustellenhinweisschild und Baufluchtlinie. In einem anderen Spiel sollten beispielsweise so Begriffe wie Überraschungseifigur, Überlebenszelle (?), Über-Mikros-Kopie* (sic!), Überplanbestand (?), Überlandzentrale (?) und Übergangsbusbahnhof erraten werden. … Geradezu realsatirschen Charakter hat … [es als] „Jürgen“ natürlich „völlig wahllos“ schon mal zwei Begriffe aufdeckt, damit die Zuschauer sehen, wie einfach diese sind. Gerne werden auch Singular-Begriffe benutzt, wenn der Plural üblich ist oder umgekehrt. So sollten Zuschauer z.B. den Satz „Jürgen hat heute XXX gekauft“ ergänzen. Die richtige Antwort: Schokokuss. Er hat also „Schokokuss gekauft“, nicht Schokoküsse, was genannt wurde.

Meiner Meinung nach werden hier nicht nur die Blödesten der Blöden gnadenlos verarscht. Das gilt auch für die angeblichen Wahnsinnsgewinne. 20.200 Euro lautete einmal die Summe, die man bei einem Spiel gewinnen konnte. Ja klar, 200 Euro bekommt man, wenn man nach Stunden (!) endlich durchkommt und die Lösung sagen darf. Die weiteren 20.000 Euro könnte man bekommen, wenn mein ein unlösbares zusätzliches Spielchen spielt, bei dem man nur ein Zehntel der Chance hat, wie bei einem Sechser im Samstagslotto.

Und ob der Auto-Gewinn vor dem Kameraschwenk in der Box Nr. 15 war, werden wir nie erfahren. Worum es geht? Hier kann man es sehen.

Der geneigte Leser mag jetzt denken, was geht mich das an, ich schaue sowas nicht, ich rufe da nie an. Gut so! Dann gehörst Du zu dem Kreis der Menschen, die mit Intelligenz gesegnet sind. Aber es sind wie immer die Schwächsten unter uns, die da abgezockt werden, die Blöden, die Verzweifelten, diejenigen die „am Rande des Existenzminimus leben“ müssen.

Hier ein Beispiel für sinnentleerte oder doch zumindest völlig unbekannte Lösungswörter.
Es geht um die Beischlagsbank. Nie gehört? Doch hier!

Link zu CALL-IN-TV.DE, die immer ein offenes Auge für den Dummfug der Call-In-Sender haben.

Co-Link: Stoibär

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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