Spitze Feder

Kretinismus

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Am 23. Oktober 4004 v. Chr. um 9:00 Uhr vormittags wurde die Welt erschaffen.

Dies errechnete der irisch-anglikanische Theologe James Ussher 1654 anhand akribischer Analyse von Daten aus der Heiligen Schrift. Aufgrund welcher Überlegungen Ussher die präzise Uhrzeit bestimmte, ist leider nicht überliefert, denn laut Genesis, Kapitel 1, wurde die Sonne bekanntermaßen ja erst am vierten Tage erschaffen.

Aber das sollte man dem Erzbischof von Armagh bitte nachsehen. Schließlich wurde er am 4. Januar 1581 in Dublin geboren und verstarb am 21. März 1656 in Reigate – also 357 Jahre bevor Pawel Durow mit seinem Instant-Messaging-Dienst „Telegram“ der Welt eine Plattform zur Verfügung stellte, auf der die Erkenntnisse der Naturwissenschaften für jedermann auslegbar wurden.

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Mithin auch für die neuzeitlichen Anhänger von James Usshers These. Sie sind der unerschütterlichen Auffassung, dass die Welt exakt so von Gott erschaffen wurde, wie sie sich den Betrachtern heute darstellt. Sie nennen ihre evangelikale Auslegung der Naturwissenschaften „Kretinismus“ in Anlehnung an die Übersetzung aus dem lateinischen „Creatio“ (Schöpfung) und sich selbst „Kretinisten“, bzw. „Kretins“.

Spätestens an dieser Stelle, sollte dem aufmerksamen Leser aufgefallen sein, dass der Verfasser dieses Beitrages mit dem Einsatz von Fremdwörtern ähnlich kreativ verfährt, wie US-Amerikaner mit den Naturwissenschaften.

Es müsste natürlich „Kreationismus“, bzw. „Kreationisten“ heißen. Denn wie man weiß, ist ein Kretin ja etwas gänzlich anderes. Allerdings sind 42 % der US-Amerikaner eifernde Verfechter ihres Kreationismus und somit der Überzeugung, dass, wie bereits erwähnt, die Welt seit dem 23. Oktober 4004 v. Chr. um 9:00 Uhr vormittags in ihrer heutigen Form existiert. Deshalb befürwortet auch eine Mehrheit von ihnen, dass in den Schulen sowohl Naturwissenschaften als auch Kreationismus nebeneinander gelehrt werden sollten.

In den gleichen Schulen, in die sie ihre Kinder mit einem Dodge V8-HEMI Pickup-Truck fahren, der knapp 30 Liter Super auf 100 km verbraucht…raffiniert aus Erdöl, das vor Abermillionen Jahren aus abgestorbenen Kleinstlebewesen und Algen…???

Ich denke, dass ich mit „Kretinismus“ doch nicht so sehr verkehrt liege.

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Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 3 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 2. Januar 2023 | Peter Grohmüller 2. Januar 2023

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