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    Ich befinde ich auf der Zielgeraden zu jener Altersgrenze, bei deren Überschreiten die sogenannten Jüngeren in Bus und Bahn aufstehen und einem ihren Sitzplatz anbieten. Das gebietet alleine schon die Höflichkeit. Ich jedenfalls wurde so erzogen und pflege meinen Sitzplatz zu Verfügung zu stellen, wenn Bahn oder Bus mal wieder brechend voll sind und jemand zusteigt, dem man ansieht, dass er sitzen muss.

    Möglicherweise werde ich jedoch nie in die Situation kommen, mich für eine solchen Akt der Freundlichkeiten bedanken zu können. Vielleich stelle ich nämlich mit Verwunderung dereinst fest, dass dieser mittlerweile eher ein Arte-Fakt, denn ein Akt ist. Ein merkwürdiges Etwas aus grauer Vorzeit, in der es noch kein Internet gab, und in der Tugenden nicht per se als spießig bis reaktionär, sondern als „gehört-sich-nun-mal-so“ betrachtet wurden.

    Eine für mich zusehends einleuchtende Erklärung für das Zerbröseln solcher „Werte“ ist die, dass im 21. Jahrhundert offensichtlich so ziemlich alles outgesourced und erst dann abgerufen wird, wenn es die Situation erfordert, neudeutsch: On Demand. Die meisten unserer vegetativen Körperfunktionen wie Atmen, Essen, Trinken, etc., sind in der Regel nicht davon betroffen und versehenen ihren Dienst (noch) Old-School.

    Bei einer Funktion, mit der sich Homo Sapiens gerne brüstet und stets darauf hinweist, sich durch sie als Krone der Schöpfung zu sehen, kommen mir allerdings zusehends Zweifel: Dem Denken.

    Ich gewinne immer mehr den Eindruck, dass selbständiges Denken durch die neuen Medien arg in Bedrängnis gekommen ist. Und damit meine ich keinesfalls die künstliche Intelligenz, den heiligen Gral der Influencer, die en Suit vor der genervten Welt von einer besseren delirieren, wenn…ja wenn erst einmal die Maschinen alle Unzulänglichkeiten der Spezies Mensch korrigieren, oder besser noch, diese gleich durch smartere Features ersetzen.

    Mal im Ernst: Die Evolution hatte aus naturwissenschaftlicher Sicht betrachtet doch wirklich Abermillionen Jahre Zeit, sich um so etwas völlig Sinnloses, wie den Appendix Vermiformis zu kümmern, und dieses fingerlange, unnütze Stückchen Wurmfortsatz (vulgo: Blinddarm) aus dem Verdauungstrakt des Homo Sapiens zu streichen. Kein Mensch braucht diesen Wurmfortsatz wirklich. Dessen einziger Daseinszweck scheint offensichtlich der zu sein, sich bei einem Teil der Bevölkerung zu entzünden, was lebensgefährlich sein kann und Stande Pede eine operative Entfernung desselben erfordert. Ich meine mit Entfernen natürlich nicht den Teil der Bevölkerung, der von solch Ungemach betroffen ist, sondern lediglich dessen Appendix Vermiformis.

    Aber braucht es zu dieser Erkenntnis wirklich künstliche Intelligenz? Reicht hier nicht auch der gesunde Menschenverstand? Wenn einer der oben erwähnten Influencer ohne Tissue-App seines externen Gehirns (vulgo: Smartphone) nicht daran denkt, etwas derart Triviales, wie eine Rolle Klopapier mit auf die Toilette zu nehmen und nach verrichtetem Stuhlgang blöde aus der Wäsche glotzt…die Doofheit, sich von seinem Handy an jeden Mist erinnern lassen zu müssen, kann selbst künstliche Intelligenz nich verhindern.

    Um keinen Shitstorm oder einen grassierenden Hashtag auszulösen biete ich der geneigten Leserin und dem geneigten Leser selbstverständlich eine zweite, Gender-gerechte Version als Anfangssequenz des letzten Satzes an: Wenn ein (…) Influencer, oder eine Influencerin…besser so?

    Was ich damit eigentlich ausdrücken wollte, und damit der Headliner dieses Traktates überhaupt einen Sinn ergibt, ist Folgendes: Das Zerbröseln von natürlicher Intelligenz und dem damit einhergehenden Verhalten hat Gründe, die meines Erachtens in einer Oberflächlichkeit begründet liegen. Eine Oberflächlichkeit die den sozialen Medien immanent ist und die diese den Usern förmlich aufoktroyieren, so sie nicht aus dem Geschehen zu fallen wollen.

    Das Maß aller Dinge in der schönen neuen Welt der sozialen Medien ist ein möglichst positives Scoring der Beiträge: Die Likes. Wenn etwas wie von Sinnen geliked wird, ist es a priori wahr und gut. So einfach und so sinnfrei ist das…in Welt der sozialen Medien. Aber wie sieht es in der analogen, will meinen: Der realen Welt aus? Ohne Hashtag, dafür mit echter, von Dialektik geleiteter Reflexion über dieselbe?

    Intelligenz ist doch gemeinhin das Vermögen, Erlerntes situationsgerecht anzuwenden. Beispielsweise das kleine Einmaleins auf dem Wochenmarkt, um aus der Fülle der Angebote Pi mal Daumen ausrechnen zu können, was dem Budget zuträglich ist, um am Ende nicht saudämlich aus der Wäsche zu schauen, wenn die Marktfrau mehr Geld aufruft, als man einstecken hat.


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    Dummerweise ist solches Vermögen nicht anhand von 140 Zeichen zu erlernen. Auch nicht über 280, die die Twitter Inc. seit dem 7. November 2017 ihren Unsern pro Beitrag zugesteht. Nun gut, man kann unter einem Hashtag mehrfach seinen Mostrich posten. Aber ist es nicht so, dass die Netz-Gemeinde dankt Twitter, Snapchat, WhatsApp & Co mittlerweile einfach nicht mehr in der Lage ist, mit umfangreicheren Texten etwas anzufangen, sie aufmerksam zu lesen, deren Aussagen zu analysieren, weil sie sich für alles, das diese zeichenlimitierten „Infos“ übersteigt, einfach keine Zeit mehr nimmt, keine Zeit nehmen kann, aus schierer Angst, den nächsten Post zu einem Hashtag vielleicht einige Sekunden zu spät zu kommentieren und somit von der Community abgehängt zu werden?

    Was ich damit sagen möchte ist folgendes: Wenn mich etwas wirklich interessiert und ich zu diesem Thema deshalb wie von Sinnen stundelang Hashtags lese, nur um am Ende jener sinnfreien Odyssee festzustellen, dass ich genauso schlau wie bin, wie vorher und erkenne, dass ich nichts weiß, kann ich die verbratene Zeit auch sinnvoller nutzen, indem ich zu diesem Thema ein Buch lese, statt mir 280-Zeichen-Geblubber reinzuziehen. Oder ich kann auch konzentriert einem ausführlichen Beitrag auf YouTube folgen. Solche Streifen gibt es tatsächlich…neben dem ganzen hippen Must-have-Müll, den die Influencerinnen und Influencer tagtäglich posten.

    Klingt ziemlich altbacken, ich weiß. Aber durch solch einen Akt der Aufmerksamkeit erfährt man beispielsweise, wer hinter manchem Gesicht steckt, das man nur aus den 30-Sekunden-Nachrichtenschnipseln kennt, bzw. dem, was zu diesem Gesicht medial transportiert wird. Dort wird, aus welchem Grund auch immer, darüber geschwiegen, dass die blonde, blauäugige Ikone der AfD, das neue BDM-Girlie des 21. Jahrhunderts, Alice Weidel, eine ehemalige Analystin im Bereich Vermögensverwaltung bei Goldman Sachs ist. Und dass hat Methode,…also das Weglassen.

    Könnt ja durchaus sein, dass die Zuschauerin und der Zuschauer anhand dieser Info möglicherweise auf die Idee kämen, nachzuschauen, welcher Promi noch aus diesem rücksichtlosen, neoliberalen Drecks-Stall in der West Street 200 in Lower Manhattan, New York City kommt und verwundert feststellt, dass Mario Draghi, der EZB-Chef und Herr über Gedeih und Verderb der europäischen Kleinsparer, ebenfalls zu diesem arroganten Klüngel gehört. Dass er von 2006 bis 2011 als italienischen Notenbankchef, quasi als Ouvertüre, die Groschen der dortigen Kleinsparer in die Schatullen der Mafia umleitete und sich so seine Meriten verdiente, um nun die Enteignung ganzer Bevölkerungsschichten europaweit zu praktizieren.

    Vielleicht käme manche Zuschauerin und mancher Zuschauer auch auf die Idee, mal nachzuschauen, was sich tatsächlich hinter der neuerdings stets freundlich lächelnden Fassade des millionenschweren christlich-demokratischen Strahlemanns Friedrich Merz verbirgt, dem Hoffnungsträger der in einer politischen Sinnkriese darbenden CDU: Nämlich ein beinharter Karrierist reinsten Wassers, der als Aufsichtsratschef von BlackRock längst Politik betreibt, nur eben ohne Mandat des Souveräns. BlackRock, diese von den Leitmedien gerne verniedlichend als Vermögensverwalter bezeichnete Schattenbank, verwaltet die unfassbare Summe von 6,4 Billionen US-$. Sie ist weltweit indirekt an Tausenden von Unternehmen beteiligt und maßt sich an, Direktiven zu deren Geschäftspolitik zu erteilen. Und dies definitiv nicht im Interesse der Beschäftigten, sondern ausschließlich auf maximalen Profit ausgerichtet.

    Denn da BlackRock nichts produziert, aber alleine im dritten Quartal 2018 1,4 Milliarden US-$ verdient hat, kann sich jedes Milchmädchen an seinen fünf Fingern abzählen, dass diese astronomischen Gewinne irgendwo generiert und hierzu Abertausende um ihr sauer verdientes Geld „erleichtert“ werden. Es sei denn, besagtes Milchmädchen plappert und/oder liest tagaus, tagein zu jedem Thema eben nur besagte 280 Zeichen. Denn solche Delikatessen, wie die eben erwähnten, passen in diese Hashtag-Blubber-Blasen nun mal nicht rein.

    Gut, können die geneigte Leserin und der geneigte Leser dieses breiten Elaborates nun sagen, man kann ja über Hashtags auch animiert werden, mehr zu einem Thema wissen zu wollen. Vollkommen richtig. Und das streite ich ja auch nicht ab. Aber ist es nicht so, dass all die vermeintlichen Skandale und hanebüchenen Geschichten über unser politisches Personal bisher nichts, aber auch garnichts bewirkt haben und auch nichts bewirken werden?

    Dass sie lediglich Füllmaterial für allerlei sinnfreie Hashtags sind, deren schiere Unmenge nur ein Ziel verfolgt: Die Hirne der User mit vermeintlichen Informationen zuzumüllen, dass sie vor lauter intellektueller Erschöpfung lieber nicht weiterfragen, sondern dass am Wahlsonntag verlässlich immer wieder die gleichen Protagonisten in die Parlamente entsandt werden, die dort von einem Wählerauftrag schwadronieren und Verantwortung übernehmen wollen?

    Höre ich da etwa das Wort Verschwörungstheorie? Da muss ich leider enttäuschen. Niemand hat sich hier gegen irgend jemanden verschworen. Niemand wird schließlich gezwungen sich mit Hashtags auseinanderzusetzen, oder sein Gehirn an selbige zu outsourcen. Und wenn jetzt jemand denkt: Oh Gottchen, da lebt ein Kulturpessimist mal wieder seine Neurosen aus…für den habe ich einen Tipp: Er oder sie sollte mal bei Twitter nachschauen. Vielleicht findet er oder sie einen Hashtag, unter dem zu lesen ist, dass sich Annalena Baerbock, die Bundesvorsitzende der Bündnis-90-Grünen, neuerdings ganz toll mit Mutti zwo, Annegret Kramp-Karrenbauer, versteht und sich auf Bundesebene eine Koalition mit der CDU durchaus vorstellen kann…also auch mit Fritze BlackRock-Merz…


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