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Spitze Feder

Das war dann mal weg

weg

Im öffentlich-rechtlichen Staatsrundfunk, jenem über Zwangsgebühren finanzierten Propaganda-Tool der herrschenden Klasse…

… das in den asozialen Netzwerken immer wieder Gegenstand hysterischen Gekreisches nach dessen Abschaffung ist, wird ab und zu ein TV-Format mit dem Titel „Das war dann mal weg“ ausgestrahlt. Darin kann man sich als Babyboomer wundervoll seiner eigenen Vergangenheit schämen und solch skurrile Dinge aus anno dunnemals bestaunen, wie Lavalampen, Batik-Shirts, Schlaghosen, Bonanza-Räder mit Fuchsschwanzattrappen am Hirschlenker, Nikki-Pullover, Fokuhilas, tellergroße Hemdkragen, fingerdünne Lederkrawatten und, und, und.

Die ganzen Must-Haves erscheinen mir heutzutage derart bizarr, dass ich mich frage, wie ich damals auf das schmale Brett geraten konnte, diesen grotesken Unsinn selbst mitzumachen. Denn auch im habe Mitte der Siebziger bunte Woodstock-Batik-Shirts zur Schlaghosen und Sport-Latschen aus Stoff mit Gummisohlen getragen, die nach spätestens einer Stunde einen beissenden Käsegeruch verströmten. Da musste man halt durch.

Selbstverständlich hatte ich auch eine Original Levis-Jacke, bei der ich es kaum erwarten konnte, bis sie endlich verblichen und ordentlich verranzt aussah. Bestückt war sie mit den üblichen Insignien des Protests gegen das Schweinesystem, wie einem Woodstock-Aufnäher, dem obligatorischen Peace-Zeichen, der Rolling-Stones-Zunge, obwohl die Stones nie mein Ding waren, und natürlich mit den vorschriftsmäßigen antiamerikanischen Stickern.

Damals musste man seine Gesinnung eben textil zum Ausdruck bringen. Es gab ja noch keine Meinungs-Müllhaufen wie X, Facebook, Instagram, YouTube und wie sie alle heißen. Zum Glück – kann ich im Nachhinein nur sagen. Wer weiß, was für ein Riesenarschloch aus mir geworden wäre, hätte ich mich als Teenager irgendwelchen verblödeten Telegram-Gruppen angeschlossen.

Ich war politisch links disponiert. Ich war und bin gegen Atomkraft. Ich war und bin gegen Nazis. Ich war und bin gegen die Aufrüstung. Ich war und bin gegen Kriege. Ich habe mich deshalb heftig mit Gott und der Welt angelegt und tue dies heute immer noch…bisher.
Ich musste mich damals anblaffen lassen, doch nach „drüben“ zu gehen, wenn es mir hier nicht passe. Und heute, 2024, über 40 Jahre danach: Déjà-vu!

Eines war jedoch, ich betone: war, anders, als heute. Es gab eine Art Burgfrieden, den man irgendwie als Grund-Respekt bezeichnen kann. Der archaische Wunsch der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der nach Individualität, waren noch übersichtlich geregelt. Gegnerschaft zwischen Gruppen basierte in den meisten Fällen noch auf ungeschriebenen Gesetzen, auf intuitiven No-Gos. Das war dann mal weg!

Mit der Corona-Pandemie fand nämlich eine irreversible Zäsur statt. Ich kann mich nicht erinnern, jemals solche Entgleisungen und Übergriffigkeiten erlebt zu haben…von beiden Lagern! Auf der einen Seite die Staatsmacht, die mutmaßlich ohne Sinn und Verstand versuchte, einer Lage Herr zu werden, die es in der Art noch nie zuvor gegeben hatte. Gefühlt wurden tagtäglich Entscheidungen und Erlasse rausgehauen, die zum Teil derart bizarr und widersprüchlich erschienen, dass die Bürgerinnen und Bürger zu Recht an einem sinnvollen Vorgehen zweifelten. Zumal sich einige Vertreterinnen und Vertretern aus der Politik gleichzeitig mit dubiosen Maskendeals schamlos bereicherten, was wiederum die Zweifel an der Aufrichtigkeit der Corona-Politik noch zusätzlich befeuerte.

Auf der anderen Seite die Allwissenden, die von der Situation ebenfalls auf kaltem Fuß wurden, die ebenfalls keinen Plan hatten, keinen Plan haben konnten. Nur den, dass ausschließlich ihre Meinung gelte und jede andere mit Gift und Galle bespuckt werden müsse. Die Scharmützel zwischen den entstehenden Gruppen eskalierten in rücksichtslose, verbale Gewalt. Sie hatte nun nicht mehr die ungeschriebenen Gesetze, die intuitiven No-Gos, wie vor der Pandemie, sondern es entstanden Feindbilder innerhalb der Bevölkerung, die der Übergriffigkeit der Staatsmach in nichts nachstanden und noch immer in nichts nachstehen.

Auch ich habe sehr lange überlegt, wie ich mit dieser Bredouille umgehen solle, wozu mir mein Menschenverstand riete, und ob ich den mRNA-Impfstoffen vertrauen könne. Schließlich waren sie mit einer neuen Technologie entwickelt und produziert worden. Feldversuche nach wissenschaftlichen Standards? Fehlanzeige. Wie denn auch?

Als mein Nachbar dann an Corona verstarb, habe ich mit meinem Hausarzt das Ganze intensiv besprochen und ihm meine Bedenken mitgeteilt. Ich habe das Glück, dass er sich für seine Patientinnen und Patienten noch Zeit nimmt und in verständlichen Worten und ohne jede Herablassung erklärt, was Sache ist. Letztendlich habe ich mich dann impfen lassen.

Eine Entscheidung, die ausschließlich mich betrifft, und derentwegen ich niemandem Rechenschaft schuldig bin. Punkt! Genauso, wie niemand Rechenschaft drüber schuldig ist, der sich nicht impfen ließ…dachte ich jedenfalls. Respekt und Empathie? Das war dann mal weg.

Spätestens seit dem 24. Februar 2022 ist eine dialektische Diskussion per se nicht mehr möglich. Es gibt nur eine singuläre, zulässige Erklärung für diesen Krieg: Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Wladimirowitsch Putin, der jetzt, je nach Sender und Zeitung, als Machthaber, als Autokrat, als Diktator, oder gar als Massenmörder bezeichnet wird, trägt die alleinige Schuld. Punk! Den Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine analysieren zu wollen, ihn mit dem abzugleichen, was im Vorfeld alles geschah, ist Hochverrat und wird durch den deutschen Qualitätsjournalismus mit sofortiger Vernichtung geahndet.

Kein Wort von Putins Rede am 25.09.2001 im Deutschen Bundestag. Kein Wort über dessen Vorschlag einer Partnerschaft Russlands mit der NATO. Kein Wort über die Hintergründe zur Absetzung des „prorussischen“ Ministerpräsidenten Janukowytsch. Kein Wort über die Aussage der amerikanischen Staatssekretärin, Victoria Nuland, die in einem Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew die 5 Milliarden Dollar, die die USA für die Farbrevolution in der Ukraine zur Verfügung gestellt hatten, als eine gute Investition bezeichnete. Kein Wort darüber, dass BlackRock und Konsorten sich in diesem Augenblick während des Krieges, ukrainisches Ackerland unter den Nagel reißen…und, und, und.

Den endgültigen Schlussstrich unter eine offene und ehrliche Diskussion im Allgemeinen und in dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Besonderen setzten die HAMAS am 7. Oktober 2023 mit ihrem barbarischen Überfall auf Israel und dem Massaker auf einem Musik-Festival und als Vergeltung die israelische Regierung mit ihrer Politik der verbrannten Erde und über 20.000 zivilen Todesopfer...bisher.

Sachliche Diskussion über den Klimawandel, über die Energiewende, die Verkehrswende, über Subventionen für Großkonzerne, über deren Steuersparmodelle, über Bildungspolitik, über unsere marode Infrastruktur, über Parteienfilz, über die grassierende Armut in Deutschland, über ein Gesundheitssystem, dass am Rande des Kollapses steht, weil es an den Finanzmärkten tranchiert wird, über fehlende Kitas, über fehlende Lehrerinnen und Lehrer, ausgepowerte Menschen in prekär bezahlten Jobs…? Fehlanzeige. Das war dann mal weg.

Stattdessen eine hysterische Kakophonie um Deutungshoheit, lautstark, polemisch, respektlos, ohne Sinn und Verstand, ohne auch nur einen Versuch, in einer sachlichen, ergebnisoffenen Debatte, Lösungen für die übergroße Misere zu finden, Konsens als absolutes No-Go. Entweder die, oder wir. Du musst Dich entscheiden! Heutzutage muss ich mir von Leuten, mit denen ich früher Seite an Seite gestanden hätte, sogar vorwerfen lassen, ein Büttel der etablierten Parteien zu sein, weil ich mit 18.000 Menschen bei einer Demonstration gegen das Faschistenpack der AfD war.

Und das nur, weil gleichzeitig CDU, SPD, FDP und Grüne dazu aufgerufen hatten, sich gegen Rechtextremismus zu positionieren. Solidarität in der Sache, unter Gleichgesinnten trotz abweichender Herangehensweise? Das war dann mal weg. Nicht in diesen Zeiten, in der eine dröhnende Gesinnungspolizei, mit einem Habitus schierer Willkür, die richtige Denkweise und die No-Gos vorgibt.

Lieber Hans-Peter „Hape“ Kerkeling, ich habe zwar nicht vor, auch den Jakobsweg zu gehen, um inneren Frieden zu finden, aber ich bitte ich Dich um Entschuldigung dafür, dass ich diesen Beitrag mit dem Titel Deines Buches beende:

Ich bin dann mal weg!

Bildquellen

  • siebziger: Oloa

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 8. Februar 2024

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