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Lorentz mit TZ

Lorentz mit TZ

Wenn man ein Weblog schreibt, gibt man immer auch ein bißchen von sich preis. Allein aus dem Impressum gehen oft schon Informationen hervor, die mancher sonst gar nicht verraten würde. Mir macht das nicht so viel aus, nichtmals meine Adresse stellt wirklich eine Gefahr dar. Durch den geschickten Einsatz von Einbahnstraßen und Sackgassen sowie eine nicht mehr durchschaubare Nummerierung der Häuser findet sowieso niemand mein Haus.

Manche Internetsurfer versuchen dann, via Telefon zu mir Kontakt aufzunehmen, denn die Nummern sind ja auch im Impressum veröffentlicht. Gut, da meldet sich unsere Hotline, die im Abwimmeln geschult ist, aber manche versuchen es immerhin.
Umso wichtiger muß ein Anruf sein, der direkt zu mir durchkommt. Da muß sich jemand richtig viel Mühe gegeben haben, da muß jemand ein echtes Interesse haben, mir etwas mitzuteilen.

So war das auch gestern Morgen. Gegen 7.30 Uhr klingelt das Telefon und ich melde mich. Am Apparat ist offenbar eine ältere Dame und ich wäre zunächst nicht im Traum auf die Idee gekommen, daß sie Bezug auf das Internet nimmt:


„Sie sind doch der Mann aus dem Internet, oder?“

Lorentz mit TZLorentz mit TZ

„Ja, um was geht es denn bitte?“

„Der Mann aus Heidelberg, ja?“

„Ja genau.“

„Sie schreiben doch das Dreibeinblog, oder?“

„Ja, was kann ich denn für Sie tun?“, erkundige ich mich erneut. Im Grunde weiß ich ja, was sie will. Das wird eine meiner treuen anonymen Leserinnen sein, die den bekannten Schriftsteller einmal persönlich hören möchte. Vermutlich will sie gar, daß ich ihr ein Buch signiere und zuschicke.

„Ich rufe Sie an, weil ich Sie um was bitten möchte.“

„Ja, dann sagen Sie mir doch einfach, was Sie gerne wollen.“

„Ich will nichts, ich möchte etwas, denn Sie kennen ja den Spruch: Kinder die was wollen, kriegen was auf die Bollen!“

Sie lacht meckernd ins Telefon, bekommt einen leichten Hustenanfall und während sie sich aushustet und wieder beruhigt, tue ich so, als hätte ich ihren Spruch sehr lustig gefunden, mache ein paar Mal „Hehe Haha“ ins Telefon und harre dann der Dinge, die da kommen.
Nachdem sie sich beruhigt hat, sagt sie:

„Wegen dem Buch rufe ich an.“

Aha, hatte ich also doch Recht! Sie will eines meiner Bücher! Nette Frau!

„Ja und was soll ich Ihnen ins Buch schreiben?“

„Sie sollen gar nichts in ein Buch schreiben. Könnten Sie bitte mal im Heidelberger Adressbuch von 1930 nachschauen, ob es da am Bahnhof eine Firma Lorentz gab, Lorentz mit TZ.“

„Bitte?“, ich glaube meinen Ohren nicht recht trauen zu können. Was will die Alte von mir? Doch ich habe mich nicht verhört. Sie wiederholt ihr Anliegen gerne:

„Im Heidelberger Adressbuch von 1930 nachschauen, wegen der Firma Lorentz mit TZ.“

„Ja also, hören Sie mal, ich bin doch nicht die Auskunft, außerdem habe ich so ein Adressbuch gar nicht.“

„Ich habe aber in der Zeitung gelesen, daß sie über 4.000 Bücher besitzen.“

„Das sind sogar noch mehr, aber ich habe wirklich kein einziges altes Adressbuch.“

„Auch nicht von Heidelberg?“

„Nein, auch nicht von Heidelberg.“

Es herrscht Ruhe in der Leitung. Hat sie etwa aufgelegt? Ich hüstele… Keine Reaktion. Die Sekunden verrinnen und dann sage ich fragend:

„Hallo?“

„Ja, haben Sie’s? Mit TZ, Lorentz mit TZ.“

„Ich habe gar nicht nachgeschaut.“

„Dann seien Sie doch bitte so freundlich und machen Sie das mal, das ist schließlich ein Ferngespräch.“

„Ich kann da nichts nachschauen, ich habe so ein Adressbuch nicht.“

„Also stimmt das gar nicht, was in der Zeitung stand? Sie haben gar nicht so viel Bücher? Sie haben gar keine 4.000 Bücher?“

„Was?“ frage ich und fühle mich etwas hilflos. Soll ich einfach auflegen?

„Das ist doch die Höhe“, redet die Anruferin weiter, „da kauft man sich jeden Tag die Zeitung und die kostet schließlich auch einen Euro und dann schreiben die auch noch falsche Sachen, ich glaube da ruf ich gleich mal an. Die haben doch geschrieben, daß Sie 4.000 Bücher haben und jetzt stelle ich fest, daß Sie nur 3.999 Bücher haben.“

Mir fällt nichts anderes ein, als erneut „Was?“ zu fragen.

„Ach ja, stimmt doch! Ausgerechnet das Buch, auf das es mir angekommen wäre, das haben Sie nicht.“

„Das tut mir jetzt wirklich leid für Sie, aber ich habe überhaupt keine Adressbücher.“

„Dann ruf ich jetzt bei der Zeitung an!“

„Heute ist aber ein Feiertag, da werden Sie da kaum jemanden erreichen.“

„Gut, dann ruf ich morgen wieder an, bis dahin werden Sie es ja gefunden haben, mit TZ.“

Sprachs und legte auf…..

Ich habe dann gestern Abend den Stecker vom Telefon rausgezogen. Morgens um halb Acht sind mir solche Gespräche einfach zuviel.

Auch wenn’s in „Satirische Geschichten“ einsortiert ist, das ist gestern wirklich exakt so passiert.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


peter wilhelm autorenlesung
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