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Der Zwiebelkuchen

Der Zwiebelkuchen

Der Zwiebelkuchen

– eine Geschichte in zwei Akten –

„Mach doch mal wieder Zwiebelkuchen!“, lautete die Ansage der Allerliebsten und weil mir die so liebevoll vorgetragenen Wünsche meiner Angetrauten sehr wichtig sind, ignorierte ich es auch dieses Mal.
So ein Zwiebelkuchen hätte mir überhaupt nicht in meine Küchenplanung gepasst. Nun ist die Allerliebste nicht nur meine angetraute Ehefrau, sondern schlicht und ergreifend die beste Ehefrau von allen. (Gruß an Ephraim!). Deshalb ignoriert sie in der Regel meine Ignoranz und nimmt hin, daß ich eben doch nur ein Dreibein bin. Also wurde kein Zwiebelkuchen gemacht, nicht an dem Tag, an dem sie es sagte, nicht in den nächsten Wochen und auch nicht in den nächsten drei Monaten.

Aber selbst wenn sie mir aus Langmut mal den einen oder anderen Triumph gönnt, was selten genug vorkommt, so hat diese Frau das Gedächtnis eines Elefanten. Okay, sie vergisst von Jetzt auf Nachher, wo ihr linker Hausschuh ist und kann sich seit Jahren nicht mehr daran erinnern wo die Armbanduhr mit dem niedlichen silbernen Armband geblieben ist, aber so einen Zwiebelkuchen und die damit verbundene, bei mir liegende Bringschuld, den würde sie niemals vergessen.
Hätte sie nun nicht doch wieder daran gedacht und ich wäre inzwischen verstorben, so hätte sie mich garantiert mit bloßen Händen aus der rauhen Friedhofserde gescharrt, meinen leblosen Körper geschüttelt und mir nur das Wort „Zwiebelkuchen“ um die Ohren gehauen, wetten?

Jetzt bin ich aber im Moment alles andere als tot und deshalb war es für sie mit weitaus weniger Mühe verbunden, mir dieses Wort zu kredenzen.
„Schahatz, wahann machst du mahal wieder Zwihiebelkuhuchen?“


Wenn sie die Vokale schon schon so verdoppelt und dehnt, dann ist Gefahr im Verzuge! So eine mit etwas geschürzten Lippen und großen Kinderaugen vorgetragene Bitte bedarf der sofortigen und unverzüglichen Erfüllung. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was sich diese Frau alles einfallen lassen würde, wenn ich es nicht täte! Der geneigte Leser wird eventuell von der gemutmaßten Herkunft meiner Gattin vom Balkan wissen. Irgendwo da liegt auch Transylvanien! Muß ich noch was sagen?

Beim nächsten Einkauf überlege ich fieberhaft, wie man nochmal Zwiebelkuchen macht. Ist das nicht ein Quark-Öl-Teig, oder war es doch ein Hefeteig so wie bei Pizza. Ganz sicher bin ich mir nicht und deshalb nehme ich vorsichtshalber eine Backmischung mit. Alles fix und fertig, nur 15 Minuten Arbeit. Das klingt ja prima, denke ich und nehme noch so eine Packung mit.

Zwei Tage später habe ich gerade etwas Luft in meinem Küchenfrondienst und rühre beide Backmischungen an. Das geht wirklich ganz einfach, man braucht nur etwas Öl und Milch, der ganze Rest ist sonst schon dabei. Den Teig auf dem Backblech ausrollen, die Zwiebelmischung obendrauf und kurz später duftet es in der Wohnung schon herrlich nach frischem Zwiebelkuchen.

Als er fertig ist, schneide ich ein besonders schönes Stück für die Allerliebste ab und bringe es ihr. Ihr Reaktion ist allerdings, na ich würde mal sagen, eher unbefriedigend. „Will keinen!“

„Schatz, ich hab den extra für dich gemacht, der ist lecker!“

„Ich weiß daß der lecker ist, aber ich will jetzt keinen.“

„Probier doch wenigstens mal.“

Sie probiert ein kleines Stückchen, wobei man sich das kleine Stückchen etwa so groß vorstellen muss, daß es auf der Spitze eines Streichholzkopfes Platz gefunden hätte. Mit den Schneidezähnen zwickt sie dieses Krümelchen ab, ein Krümelchen, so winzig, daß darin unmöglich irgendeine Geschmacksinformation enthalten sein kann. Aber wahrscheinlich hat die Allerliebste so eine Art Gaschromatographen eingebaut und ist in der Lage auch winzigste Molekularstrukturen zu analysieren. So ähnlich muß es jedenfalls sein, denn obwohl sie ja nur diesen zehnmillionsten Teil von einem Gramm im Mund hat, sagt sie: „Schmeckt doch nicht!“

„Ja wie jetzt? Schmeckt doch nicht?“, frage ich.

„Fehlt Schinken, Frischkäse und irgendein Gewürz.“

Wie kann diese Frau das feststellen? Sie hat nur die vorderste Krümelspitze vom Boden des Kuchens probiert. Ja, ich gebe zu, auf der Packung stand drauf, daß man den Geschmack des Zwiebelkuchens noch erheblich verbessern könnte, würde man Frischkäse und Schinken hinzufügen. Habe ich aber nicht gemacht. Und sie hat es sofort gemerkt!

Meine jahrelangen Erfahrungen als Ehemann haben mich gelehrt, daß es nun auch in den nächsten zwölf Jahren keinen Zweck hat, auch nur den Versuch zu unternehmen, der Allerliebsten diese Art Zwiebelkuchen vorzusetzen. In der Küche habe ich aber ein Riesenblech voll mit dem Zeug. Naja, die Kinder werden ihn schon essen.
Unsere Kinder sind, man entschuldige diese Aussage, kleine verfressene Raupen. Sie vertilgen alles, gnadenlos und unerbittlich. Wenn unsere Josie beispielsweise nur für 20 Sekunden die Kühlschranktür öffnet, sieht er anschließend aus, als sei ein ganzer Schwarm Heuschrecken darüber hergefallen. Rouven, mein Sohn, muß gar nicht hingucken, ich glaube der atmet die Lebensmittel gleich ein.
Manchmal, ehrlicherweise meistens, ärgern die Allerliebste und ich uns, wenn die beiden Heuschreckenraupen mal wieder alles angenagt oder gänzlich vertilgt haben, aber ab und zu ist das auch ganz praktisch. Wenn mal was weg muß oder wenn wir mal was nicht mögen, dann müssen wir bloß beiläufig äußern, wir hätten da noch etwas ganz Besonderes im Kühlschrank das bitteschön nur für uns Erwachsenen sei. Man kann Gift darauf nehmen, am nächsten Morgen ist es zuverlässig vertilgt.
Wir nutzen diesen Effekt sehr gründlich aus. Auch Medikamente, die bei unseren Kindern eine eher geringe Akzeptanz finden, verabreichen wir auf diese Weise. Sehr beliebt bei unseren Kindern ist Pudding mit Fiebersaft oder Frikadellen mit Grippetropfen. Selbst Zäpfchen applizieren wir nicht mehr rektal, das gab immer ein Riesentheater, seit die sogenannte Schwiegermutter, also die Oma der Kinder, diesen klar gemacht hat, das täte fürchterlich weh. Die Allerliebste hat Zäpfchen seit jeher mit etwas Creme ummantelt und rutsch-flutsch waren die Dinger drin. Keines unserer Kinder hat da jemals länger als zwei Sekunden drüber nachgedacht. Die Oma jedoch packte die Zäpfchen schon mit den Worten aus: „Das wird aber gleich wieder fürchterlich weh tun!“ Sehr beliebt auch: „Jetzt mußt du aber sehr, sehr tapfer sein.“ Und kurz vor der Anwendung: „Jetzt halte die Luft an, denn jetzt kommt der große Schmerz!“
Diese Art der kindgerechten Beruhigung führt garantiert dazu, daß Kinder blau anlaufen und laut schreiend, weinend und strampelnd die Einführung des Zäpfchens verweigern.
Jetzt ist es ja so, daß Rouven, mein Sohn, zunehmend Freude am Tanz findet. Er hüpft und singt in einem fort, vor allem dann, wenn man es so ganz und gar nicht gebrauchen kann. Anke und ich vermuten schon länger, daß er möglicherweise eine Tendenz zur gleichgeschlechtlichen Liebe hat. Das untermauerte er unlängst als er mal äußerte, er wolle gerne Friseur, Kosmetiker oder Florist werden.
Nun müssen wir uns nicht darüber unterhalten, was es für Eltern bedeuten kann, wenn ihr einziger Sohn solche Neigungen zu entwickeln scheint. Aber auf der einen Seite ist er erst zwölf und da kann sich ja noch viel tun und andererseits wird Anke zum gegebenen Zeitpunkt ihre Lippen etwas schürzen, große Kulleraugen machen und dem Jungen einfach befehlen, heterosexuell zu sein.
Dennoch, vor diesem Hintergrund fände ich persönlich es gar nicht verkehrt, würde der Junge sich zumindest anhand von Zäpfchen schon an diverse eher rückwärts gelegene Applikationsverfahren gewöhnen.
Wie ich aber schon schrieb, hat die Großmutter hier einfühlsam entgegengewirkt und beide Kinder sind davon überzeugt, daß einen das Einführen eines Zäpfchens quasi im gleichen Moment zerreißt.

Kommen wir also wieder auf unseren Kühlschrank und anschließen auf den Zwiebelkuchen zurück.
Seit die Kinder keine Zäpfchen mehr in der vorgesehenen Weise nehmen wollen, bekommen sie sie auch mit unserem Kühlschranktrick verabreicht. Ich stecke die Zäpfchen einfach in kleine Wiener Würstchen. Bis jetzt haben wir nicht feststellen können, daß Zäpfchen weniger wirken, wenn sie gemeinsam mit Wiener Würstchen gegessen werden. Sie kommen vielleicht nur etwas später dort an, wo sie wirken sollen.

So und nun zurück zum Zwiebelkuchen.
Den wollte Anke nicht und ich war etwas angesäuert. Schließlich hatte ich wertvolle 40 Minuten meines Lebens in die Zubereitung dieser elsässischen Spezialität investiert. Also schneide ich mir selbst ein wunderschönes großes Stück ab und probiere.
Bääääh, der ist ja wirklich nicht lecker. Die Allerliebste hat Recht, es fehlen eindeutig Schinken, Frischkäse und irgendein Gewürz. Aber das würde ich ihr gegenüber natürlich niemals zugeben, da wird sie mich schon mit den Händen aus der rauhen Friedhofserde scharren müssen, bevor ich das zugeben würde….

Sie, lieber Leser, und ich wissen, was nun geschah, oder?
Ich ließ den Kuchen erkalten und stellte ihn in den Kühlschrank. Mit den Worten: „Das ist aber nur für Mama und Papa“, leitete ich die nächste Freßattacke unserer Kinder ein. Das würde dem Kuchen den Garaus machen, da war ich sicher.

Am nächsten Morgen, und damit lieber Leser haben Sie nicht gerechnet, stand der Kuchen nahezu unangetastet im Kühlschrank. Der schmecke komisch, äußerten sich meine beiden Kinder zu dem Thema, mehr sagten sie nicht.
Da fressen die beiden kleinen Ferkel Joghurt mit Magentropfen, Würstchen mit Zäpfchen und Weichkäse mit Fiebersaft, aber meinen hervorragenden elsässischen Zwiebelkuchen verschmähen sie. Undankbares Pack!

„Na, will niemand deinen Zwiebelkuchen essen?“ fragt die Allerliebste und hat dabei so einen spöttischen Unterton in der Stimme, daß ich innerlich zur Hyäne werde, das zeige ich ihr aber nicht.

„Nein“, sage ich, „der ist für mich ganz alleine!“

Dann schnitt ich mir ein großes Stück ab und aß es im Beisein der Allerliebsten in Sekundenschnelle auf. Dabei machte ich mehrmals „Hmmm“ und „Aaaaah“.

Anke schüttelte nur mit dem Kopf. Sie und ich wußten, daß der Kuchen ekelhaft schmeckte, aber mein Stolz ließ es nicht zu, das zuzugeben und sie kannte einmal mehr kein Erbarmen.
„Schatz, wenn es dir so gut schmeckt, dann willst du doch bestimmt noch ein Stück, oder?“

Nein, ich wollte nicht, denn der Kuchen schmeckte warm schon schlecht, kalt war er nahezu ungenießbar. Aber ich wollte das nicht zugeben und deshalb nahm ich mir noch ein Stück, ein sehr großes!

Die Allerliebste kann in so einem Moment nicht einfach nur ruhig sein. Nein, sie muß ihren Triumph auskosten und immer wieder ihren salzigen Finger in die frische Wunde legen: „Los, gib doch zu, daß er nicht schmeckt!“

„Der schmeckt wirklich gut!“

„Haha! Ich sehe es deinem Gesicht doch an, daß er dir nicht schmeckt. Du Dreibein willst das jetzt bloß nicht zugeben!“

Wollte ich auch nicht und weil ich ihr ihren Sieg nicht gönnte, nahm ich mir noch ein drittes und kurz darauf noch ein viertes Stück.

Nunja, eine halbe Stunde später hatte ich den ganzen Kuchen vertilgt. Sieg!
Kopfschüttelnd verließ die Allerliebste die Küche und ich glaube, sie murmelte noch: „Der spinnt, der Alte!“

Pah! Hatte ich den Kuchen gegessen, oder nicht?

Frauen!

-Fortsetzung folgt im zweiten Teil-

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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