Spurhalteassistent

Das zeitgenössische Automobil hat mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 nur noch die Gemeinsamkeit, auf Rädern ohne Zuhilfenahme der Kraft eines oder mehrerer Exemplare der Gattung Equus Caballus von A nach B zu gelangen, wenn die Distanz per Pedes zu überbrücken, der Konstitution, oder der Bequemlichkeit diametral entgegengesetzt erscheint.

Bei den sogenannten Premiummodellen verliert gar die Bezeichnung Individualverkehr mehr und mehr den wörtlichen Sinn. Das State-of-the-Art-Automobil verfügt über ein schieres Universum an Systemen, denen die Sicherheit der Fahrzeuginsassen und der anderer Verkehrsteilnehmer anheimgestellt werden. Dies geht mittlerweile soweit, dass selbst der letzte, individuelle, quasi archaische Akt des Lenkens beileibe nicht mehr ausschließlich manuell vonstatten geht.

Eines dieser Systeme trägt nämlich den selbsterklärenden Titel Spurhalteassistent und entzieht dem Wagenlenker, je nach Situation, die Entscheidungsgewalt, wohin die Reise geht. Wer einmal erlebt hat, mit welch stoischer Präzision sich der Wagen an der Mittellinie orientiert und schnurstracks geradeaus fährt, gerät schnell in die Gefahr, ein zuweilen schon grotesk wirkendes Verhältnis zu seinem Auto-Mobil zu entwickeln. Eine Art zwischenmenschliche Beziehung, die der schwäbischen Bezeichnung „heiligs Blechle“ eine völlig neue Dimension verleiht.

Nach dem Motto: Mein Auto weiß schließlich, was sich gehört, und es hält immer die Spur. Alles andere wäre ja fahrlässig. Denn bei den Spuren habe sich die Verkehrswegeplaner schließlich etwas gedacht. Wenn man sich innerhalb diesen Spuren bewegt, ist man stets auf der sicheren Seite und kollidiert nicht mit anderen Autos rechts oder links. Man könnte mit Fug und Recht auch behaupten, dass es zu diesen Spuren keinerlei Alternative gibt und man quasi einen Spurhalteassistenten zwingend braucht.

Es soll zwar schon mehrfach vorgekommen sein, dass sich so mancher strikt an die Anweisungen einer weiteren technischen Errungenschaft namens Navigation-System gehalten hat und in einen Fluss gefahren ist, weil sich die Fähre über eben jenen Fluss gerade auf der gegenüberliegenden Seite befand. Dank des Spurhalteassistenten wussten die Bergungsdienste allerdings immer stets genau, wo genau sie in den Fluten das havarierte Fahrzeug nebst deren Insassen fanden. Insofern beweisen die zeitgenössischen Assistenzsysteme in den State-of-the-Art-Automobilen stets aufs Neue ihre uneingeschränkte Wichtigkeit.

Das gesellschaftspolitische Pendant zum Spurhalteassistenten sind die Medien. Ihnen obliegen zum einen die immens wichtige Aufgabe, die vorgegebenen Spuren zur Orientierung stets tagesaktuell zu justieren, und zum anderen, die Beweisführung, dass es, wie beim Fahren auf jenen, richtigen Spuren, zum politischen Handeln ebenfalls keine Alternativen gibt. Wie schwierig diese Aufgabe zuweilen ist, und wie sie dann und wann gar zum veritablen geistige Spagat, gespickt mit schmerzlichen Logiklöchern ausufert, kann man an Gestik und Mimik des Leiters der Bundespressekonferenz unschwer erkennen, auch ohne die Bücher Samy Molchos gelesen zu haben.

Bevor Steffen Seibert die quasi höchste journalistische Weihe erhielt und Leiter der Bundespressekonferenz und Regierungssprecher Angela Merkels in Personalunion wurde, berichtete er als Auslandskorrespondent des ZDF aus Washington, D.C., dem Epizentrum transatlantischer Wahrheit. Nicht zu verwechseln mit Wirklichkeit. Das ist eine völlig andere Baustelle. Aber um Wahrheit und Wirklichkeit nachhaltig dauerhaft gleichzusetzen, benötigen die Konsumentinnen und die Konsumenten der hiesigen Qualitäts-Medien jenen geistig, moralischen Spurhalteassistenten, fleischgeworden in Seiberts stets säuerlich gequältem Lächeln.


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Mit transatlantischer Wahrheit gebrieft bis in die Haarspitzen, kennt der linientreue Regierungssprecher sämtliche Vorgaben aus Übersee, in deren definierter Spurbreite sich der staatstragende Journalismus hierzulande zu bewegen hat, millimetergenau und fungiert entsprechend als loyaler Spurhalteassistent der US-Geopolitik, respektive als treuer Verkünder der Oval-Office-Definition über die Wahrheit.

Als Reinkarnation eines Universalgelehrten, äussert sich Seibert zu jedem Thema der Tagespolitik, ohne auch nur den leisesten Verdacht zu erwecken, dies mit gesundem Menschenverstand zu tun. Mit einem äusserst überschaubaren Repertoire sinnfreier, sedierender Standard-Formulierungen beglückt er die Journallisten-Darstellern der Qualitätsmedien mit den immer gleich klingenden, aber stets verlässlich unkonkreten Teflon-Worthülsen, die sich Stande Pede in den Leitartikeln wiederfinden. Sämtliche Fragen jenseits der transatlantisch vorgegebenen Spuren bügelt er rigoros und mit harschen Unverschämtheiten ab. Betrachtet er diese doch als Majestätsbeleidigung, als Respektlosigkeit, als Affront und als Infragestellung an seiner Kompetenz.

Es wäre müßig, an dieser Stelle das ganze sinnfreie Geblubber zu wiederholen, das Steffen Seibert von 2003 bis 2010 als Anchorman der heute-Nachrichten und in den letzten 14 Jahren als Merkels hauptamtliche Gebetsmühle von sich gegeben hat. Wer jedoch über mehr als die Anzahl an Gehirnzellen verfügt, die zur diskreten Verrichtung der Notdurft benötigt werden, sollte auf eine solche Art Spurhalteassistenten tunlichst verzichten.

Ich überlege mir gerade, ob man überhaupt noch dahin gelangt, wohin man möchte, sollten dereinst die selbstfahrenden Autos in der Realität angekommen sein, oder ob der Spurhalteassistent komplett das Kommando übernimmt – über den Weg und das Ziel.

Bild von Free-Photos auf Pixabay


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