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Spitze Feder

Frieda

Mein Name ist Frieda, und ich bin eigentlich nur eine ganz gewöhnliche Vertreterin der Gattung Columbidae…

…allerdings in Weiß. Das hat Folgen, die anno 1961 begannen und bis heute nachhallen. Als ein andalusischer Womanizer namens Pablo Picasso mich nämlich damals malte, ging dieses Bild plötzlich weltweit viral, obwohl es zu dieser Zeit noch kein Internet gab.

Pablo Picasso hatte eine Zielgruppe getroffen, würde man im zeitgenössischen PR-Sprech wohl sagen. Auch heute noch, fehlen auf keiner Friedensdemo riesige blaue Flaggen mit meinem Konterfei. Weiße Taubem auf blauem Grund, gibt es ausserdem noch auf VW-Bussen, auf T-Shirts, auf Kaffeebechern, als Aufkleber, als Bettwäsche, und, und. und. All diese Peace-Merchandising-Artikel signalisieren, dass die Userinnen und User es ganz doll ernst meinen mit dem Weltfrieden. Deshalb nennt man mich und meine weißen Artgenossinnen und Artgenossen seither auch Friedenstauben. Gefragt wurden wir übrigens nicht, ob das für uns so OK sei. Schon seltsam: Ich hätte nicht gedacht, dass die Menschen in einem Atemzug friedliebend und übergriffig sein können.

Anyway:

Als mir der Autor dieses Beitrags ein Fotoshooting zum Thema Friedenstaube vorschlug, sagte ich spontan zu. Ich hatte mir vorgestellt, friedlich auf dem Zweig eines Apfelbaumes Platz zu nehmen. Wegen der Symbolkraft, wenn Ihr versteht, was ich meine. Martin Luther soll ja immerhin gesagt haben, er würde heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen, wüsste er, dass morgen die Welt unterginge. Angesichts der Bedrohungen der gesamten Menschheit, hat der deutsche Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth, bereits im Jahre 1985 (!), seinem Sachbuch auch den Titel „So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – Es ist soweit“ gegeben. Deshalb dachte ich, wenn schon Friedenstaube, dann mit maximaler Symbolik.

Aber der Autor dieses Beitrags fand dies nicht so prickelnd. Wir saßen deshalb ein Wenig zusammen, tranken einen Kaffee und überlegten uns, wie man das Motiv mit einer Friedenstaube heutzutage gestalten müsse, ohne das Risiko einzugehen, einen weiteres, oberflächlichen Peace-Merchandising-Statement, wie PLO-Halstücher, oder Che-Guevara-T-Shirts, abzugeben. Und so kamen wir auf die Idee, mich auf einem durchgeglühten Rohr in einer erkalteten Brandruine sitzend, abzulichten.

Denn schließlich ist es im 21. Jahrhundert mit dem Frieden nicht so weit her. Die Anzahl von Bränden und Ruinen in Folge zahlloser Kriege, nimmt weltweit rasant zu. Insofern wirkt Picassos weiße Taube auf blauem Grund mittlerweile beinahe schon wie ein Stück heimelige Folklore für die eigene Komfortzone. Wir waren uns deshalb einig, dieser Nostalgie ein Bild gegenüberzustellen, bei dessen Betrachtung man sich in genau jener Komfortzone gestört fühlen sollte. Und ich finde, das ist auf dem Foto gelungen, oder?

Gestern kam übrigens im Radio ein Bericht über ein britisches Forscherteam, das mit einer Open-Source-KI via Try-and-Error, Formeln für neue chemische Kampfstoffe entwickelte. Eigentlich wollte das Team „nur sehen, ob eine KI in der Lage sei, durch eigenständiges Lernen auf einen diabolischen Stoff, wie VX, zu kommen“. Heraus kam allerdings gleich eine ganze Armada tödlicher Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Strukturen, bei der OVCW noch nicht gelistet und ergo nicht verboten sind!

Ich schätze, dass wir mit dem Foto, das mich auf dem durchgeglühten Rohr in einer erkalteten Brandruine zeigt, den Nagel auf den Kopf getroffen haben, und ich mag mir nicht ausmalen, was beim nächsten Fotoshooting zum Thema Friedenstaube als Motiv herauskommen könnte.

Frieda.JPG

Bildquellen

  • Frieda: P. Grohmüller

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 4 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 27. April 2023

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