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Der Umlauf

Der Umlauf

Heute streikt die Bahn und viele werden wohl zu spät oder gar nicht zur Arbeit kommen. Als ich heute unseren Filius an der Schule absetzte, hörte ich wie dort über Lautsprecher eine Durchsage kam: Ding, Ding, Dong. „Achtung, Achtung, wegen des Streiks der Bahn, fällt die erste Stunde aus.“ Ding, Ding, Dong.
Nun, gegenüber gibt es einen Bäcker, einen Metzger und einen Freizeit- und Survival-Laden, da wird mein Sohn diese eine Stunde ohne väterliche Obhut überstehen und so fuhr ich dann trotzdem los.

Während der Fahrt begann ich dann über dieses „Ding, Ding, Dong“ nachzudenken und wehmütige Erinnerungen an meine Schulzeit im letzten Jahrhundert kamen in mir hoch. Heute gibt es in allen Klassen einen Lautsprecher und die Schulleitung gibt wichtige Mitteilungen per „Ding, Ding, Dong“ durch. Das ist zeitgemäß und praktisch. Früher war das anders. Da gab es den berühmten Umlauf.

Der Umlauf bestand aus einer grünen Kladde und selbst das muss man jungen Leuten heute erklären. Eine Kladde war ein dickes fadengebundenes Schreibheft mit einem festen Deckel, also quasi ein Hardcoverbuch mit leeren Seiten, aber ich bin mir nicht sicher, ob unsere Kinder überhaupt noch wissen, was ein fadengebundenes Heft ist oder gar was ich mit dem Wort Buch meine.
Immerhin hatten wir damals so eine Kladde, die war grün und in ihr schrieb der Direktor unserer Schule mit der ihm vorbehaltenen grünen Farbe mit Tinte seine Nachrichten an die Schüler nieder.
Dann gab die Schulsekretärin diese Kladde in der nächstgelegenen Schulklasse ab, der dortige Lehrer laß die wichtige Botschaft aus dem Direktorat mit ehrfürchtiger Stimme vor, zeichnete ab und einer von uns Schülern durfte dann die Kladde zur nächsten Klasse tragen, wo sich dieser Vorgang wiederholte. So kam die Kladde in Umlauf, daher der Name.
Ich habe Umläufe geliebt. Sie waren eine herrliche Unterbrechung des monotonen Einerleis und holten mich wieder in die Realität zurück, wenn ich im Mathematikunterricht schon mehr als eine halbe Stunde lang gelangweilt aus dem Fenster gestarrt hatte. Die Umläufe waren immer unglaublich sinnlos, wurden aber behandelt, als handele es sich um eine päpstliche Enzyklika. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, daß durch einen solchen Umlauf jemals etwas Interessantes mitgeteilt wurde.

Der UmlaufDer Umlauf

Ich habe mich immer bemüht, derjenige zu sein, der den Umlauf weitertragen durfte. Da unser Klassenzimmer etwas abseits lag, war das eine willkommene Pause. Als ich noch kleiner war, nutzte ich die Zeit zum Trödeln, später dann, um heimlich eine Zigarette zu rauchen.
Aber ich liebte diese Atmosphäre der absoluten Ruhe und Leere in den Gängen der Schule, die man sonst nur mit rennenden Kindern sah. Man konnte durch die Türen gedämpft hören, was für ein Unterricht dahinter abgehalten wurde, wenn gesungen wurde, dann war da Frau Maurer am Werk, die unverwüstliche Vorkriegsjungfer. Wurde gejohlt und geschrien, dann war das die Stunde von Fräulein Mittenzwei, die hatte keine Klasse im Griff. Etwas leid taten mir die Schüler in den Klassen, aus denen gar kein Geräusch nach draußen klang, die schrieben sicherlich gerade eine Arbeit.
Vom Fenster am Ende des Ganges konnte man ins Lehrerzimmer im Erdgeschoss schauen, die Lehrer die Freistunde hatten, saßen dort, tranken Kaffee und rauchten. Uns hielten sie Vorträge übers Rauchen und rauchten alle selbst. Herr Herrmanns kam sogar mit der brennenden Zigarette zum Unterricht in die Klasse und löschte sie immer am letzten Tropfen Wasser, der sich am Wasserhahn des Waschbeckens gesammelt hatte.
Von diesem Fenster sah man übrigens auch, wie sich der Hausmeister seine Zeit vertrieb. Wann immer er konnte, lag er faul auf der Terrasse seines Diensthauses neben dem Schulgelände. Kurz vor den Pausen streifte er sich seinen grauen Kittel über, schlenderte über den Schulhof oder durchs Schulgebäude um Geschäftigkeit vorzutäuschen.
In diesen Jahren war Schulhausmeister mein Traumberuf. Mindestens viermal im Jahr Ferien und nur während der Schulpausen so tun, als ob man arbeitet…

Obwohl, fast noch schöner fand ich den Beruf des Sportlehrers. Der durfte den ganzen Tag Kinder quälen und die unmöglichsten Verrenkungen und Übungen verlangen, ohne selbst jemals irgendetwas Sportliches zu tun. Ich fand die Macht der Trillerpfeife einfach geil.

Nur eines wollte ich niemals werden, Mathematik- oder Lateinlehrer. Nach meinem damaligen Verständnis waren das die einzigen Lehrer, die irgendetwas wissen oder können mussten. Warum ich dann später während meines langen Berufslebens ausgerechnet mal als Lateinlehrer in einem Internat arbeiten musste, ist mir heute auch nicht mehr klar.

Zurückblicken finde ich es etwas schade, daß es heute nur noch dieses „Ding Ding Dong“ gibt.

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peter wilhelm autorenlesung
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