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Warum ich keinen Marzipan mag

Warum ich keinen Marzipan mag

Wir, also die Allerliebste namens Anke und ich, kannten uns zwar schon eine Weile, aber Ankes Eltern waren mir noch nicht begegnet. So kam es, daß die Allerliebste eines Tages beschloß, ich müsse unbedingt ihre Eltern kennenlernen.

„Es wird Zeit, dass du meine Eltern kennen lernst!“, sagt sie.

Im Grunde hab ich dagegen nichts einzuwenden, aber mir ist klar, dass die Beziehung zu einem Mädchen durch einen Besuch bei ihren Eltern auch verkompliziert werden kann. Dennoch ziehe ich mir Sachen an, die meiner Meinung nach für einen solchen Anstandsbesuch besonders geeignet sind.

„Du siehst aus, als hättest du deinen Kommunionsanzug an!“, meckert Anke und ich denke: ‚Das kann ja heiter werden!’ Ankes Eltern sind sehr nett. Sie freuen sich, dass ihre Tochter, nach einigen diesbezüglichen Ausrutschern, einen Mann mitbringt, der wenigstens aufrecht gehen und sich verständlich auf Deutsch ausdrücken kann.

Warum ich keinen Marzipan magWarum ich keinen Marzipan mag

„Sie haben keinen Zopf!“, stellt ihr Vater fest und damit ist für ihn wohl alles Notwendige gesagt.

Ihre Mutter ist aber offensichtlich mehr um mein leibliches Wohl bemüht.

„Sie mögen Marzipan! Wunderbar!“, flötet sie: „Ich mache jedes Jahr selbst Marzipan!“

Wenig später steht ein etwa zwei Kilogramm schweres Marzipanbrot vor mir. Mit einem Harakiri-Säbel schneidet sie mir eine etwa zwei Zentimeter dicke Scheibe davon ab: „Kosten sie, kosten sie!“

Gerade will ich mir von der Scheibe ein kleines Stück abbrechen, da fordert sie mich auf: „Nehmen sie doch die ganze Scheibe, das wird ihnen munden!“

So sitze ich da, mit einer Riesenscheibe selbst gemachten Marzipans. Man will ja nichts falsch machen! Nun ist das Herstellen von Marzipan eine Kunst, die vor allem von Konditoren in Lübeck beherrscht wird. Und sicherlich gibt es vieles, was man zu Hause auch selbst machen kann. Marzipan gehört aber ganz offenbar nicht zu den Sachen, die Ankes Mutter gut selbst machen kann.
Die Masse ist gleichzeitig trocken wie alter Lehm und dennoch erstaunlicherweise klebrig wie Erdnussbutter. Vor allem hat sie es geschafft, die Zutaten zu einem Marzipanbrot zu formen, ohne sie auch nur im Geringsten zu zerkleinern.
Eine trockene, klebrige und bröckelige Masse staubt und klebt mir im Mund herum. Altes Paniermehl zu kauen, kann nicht anders sein. Es ist mir absolut unmöglich, soviel Speichel zu entwickeln, um das marzipanähnliche Trockenprodukt in irgendeiner Weise zum Schlucken vorzubereiten. Ich kaue und kaue. Der Verzweiflung nahe, suche ich nach einem Blumentopf oder einem anderen Gefäß, um in einem geeigneten Moment die Bröckelmasse loszuwerden.

Doch Ankes Mutter kennt kein Erbarmen: „Das schmeckt, nicht wahr? Das ist lecker, oder?“
Widerspruch ist zwecklos, das merke ich. Also kaue ich weiter. Ich will ja auch nicht riskieren, gleich beim ersten Mal einen schlechten Eindruck zu machen. Endlich geht sie in die Küche. Schnell ziehe ich mein Taschentuch heraus und spucke die Bröckelmasse hinein. Gerade kann ich es noch in der Jackentasche verschwinden lassen, da steht sie auch schon neben mir: „Das schmeckt, nicht wahr? Das ist lecker!“ Ich nicke stumm, meine Zähne kleben noch aneinander. Immer noch halte ich die angebissene Scheibe in der Hand, als sie unbarmherzig sagt: „Essen sie tüchtig, ich schneide Ihnen noch was ab!“ Mit der angebissenen Scheibe mache ich eine abwehrende Handbewegung und will etwas sagen, aber die Klebemasse hält meine Zunge am Gaumen fest. Schon hat sie mit dem Harakiri-Säbel wieder zugeschlagen. Ankes Vater war aus dem Zimmer geflüchtet, als er des Marzipanbrotes angesichtig wurde, jetzt kommt er wieder herein.

Mit hochgezogenen Augenbrauen sagt er: „Ach was, Sie mögen Marzipan?“ Irgendwie gelingt es mir, obwohl meine Zunge mittlerweile irgendwo am hinteren Teil des Gaumens klebt, zu sagen: „Eigentlich schon!“
Offenbar kennt er die hervorragenden Eigenschaften des Marzipans seiner Frau und macht eine beschwichtigende Handbewegung, als er zu mir sagt: „Keine Sorge, der bekommt Ihnen noch besser, wenn Sie etwas dazu trinken!“
Er holt mir aus der mobilen Hausbar, dem Statussymbol der Bessergestellten, eine dunkelgrüne Flasche, auf der ‚Cognac’ steht und gießt mir davon ein und sagt nur: „Cognac!“

Ich habe schon oft Cognac getrunken und ich habe auch schon einmal viel Cognac getrunken. Aber ich habe noch niemals zuvor soviel Cognac auf einmal in einem Glas gesehen. Der Glasbläser, der diesen riesigen Cognacschwenker geblasen hatte, musste wohl den Auftrag zur Fertigung eines mittelschweren Kronleuchters mit der Herstellung des Cognacschwenkers verwechselt haben.

Einen halben Putzeimer voll Cognac in der Rechten, die große Scheibe des Ungenießbaren in der Linken schlittere ich meinem Untergang entgegen. Aber der Cognac hilft! Die alkoholischen Bestandteile haben auf den klebrig-trockenen Überzug in meinem Mund die Wirkung eines Lösungsmittels. Meine Zunge, die mittlerweile von einem Klebebrocken nach hinten in den Rachen gezogen worden war und in der Speiseröhre zu verschwinden drohte, löst sich. Wunderbar! Abwechselnd ein Schluck Cognac und einen kleinen Bissen vom Ungenießbaren. Noch ein Schluck! Noch einen Bissen! Bald habe ich es geschafft! Doch das Harakiri-Schwert schwenkend nähert sich Ankes Mutter: „Lecker, nicht wahr? Ihnen schmeckt’s, das sieht man!“

Und schon hab ich eine weitere Scheibe des Ungenießbaren in der Hand! Ich protestiere, doch es hilft nichts. Der Vater schenkt nach. Seiner gleichzeitig mitleidigen und doch schadenfrohen Miene entnehme ich, dass er weiß, was ich durchmache. Er sieht meinen waidwunden Blick und meint grinsend zu mir: „Ich vertrage leider kein Marzipan! Essen Sie nur tüchtig!“ Der Cognac beginnt Wirkung zu zeigen und allmählich wird es mir wohlig warm. Merkwürdigerweise beginnt der Marzipan zu schmecken. Irgendwie klebt er gar nicht, wenn man drei Schlucke Cognac nimmt und einmal abbeißt. Mit vier Schlucken Cognac geht es sogar noch besser.

In kürzester Zeit bin ich betrunken.

Anke behauptet später, ich hätte mir sogar selbst noch eine dritte Scheibe des Ungenießbaren abgeschnitten und ihr Vater habe Spaß daran gehabt, wie trinkfest ich sei. Aber davon weiß ich nichts mehr. Auch nicht davon, dass ich, meine Jacke über dem Kopf schwenkend, auf dem Sessel Samba getanzt habe, mit den Schwiegereltern Brüderschaft getrunken und den ausgestopften Wildschweinkopf über dem Kamin in lallender Extase verführen wollte.

Anke hat mich dann nach Hause gefahren, wo ich stundenlang gegen den Würgereiz ankämpfe, bis es mir gelingt, das unentwegt schwankende und sich drehende Bett zu verlassen, um dem erlösenden Gefühl andauernden Kotzens nachzugeben. Welch eine Erleichterung!

Bei den Eltern meiner Angebeteten habe ich aber offenbar einen guten Eindruck hinterlassen. Inzwischen sind Anke und ich verheiratet und haben zwei Kinder. Das kleinere Mädchen heißt Josie und der größere Junge Rouven.

Wir sind eine glückliche Familie, nur Marzipan kommt uns nicht ins Haus! Warum ich keinen Marzipan mag

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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Wer es ruhig mag…

...der kann sich hier mal umschauen.

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