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Sehen statt hören

Sehen statt hören

Ich bin ja ein Zapper. Alle Männer sind Zapper. Kein Mann kann es ertragen, nicht zu wissen, was woanders läuft. So verstreicht keine Werbepause, ohne dass ich durch die Kanäle zappe.

Manchmal bleibe ich auch bei ungewöhnlichen Sendungen hängen. Heute Morgen war es „Sehen statt hören„, die Sendung für Gehörlose und Gehörgeschädigte. Früher hätte man gesagt: für Taube und Schwerhörige. Aber das wäre ja politisch inkorrekt. Was sagt man eigentlich jetzt statt ‚blind‘. Ist man dann sehlos, sichtlos, gucklos? Warum fühlt sich eigentlich jede Minderheit heutzutage durch seit Ewigkeiten angestammte Bezeichnungen diskriminiert? Wenn ich bloß an die vielen ‚Personen mit Migrationshintergrund‘ denke, die früher einfach nur Ausländer waren.

Aber zurück zu ‚Sehen statt hören‘. In dieser Sendung werden aktuelle und unterhaltsame Themen in einer für Gehörgeschädigte geeigneten Form aufbereitet. Untertitel und Gebärdensprache ergänzen oder ersetzen die gesprochenen Texte.

Sehen statt hörenSehen statt hören

Gebärdensprache kennt man ja inzwischen. Es gibt auch Nachrichtensendungen, bei denen so ein kleines Fenster mit einem Gebärdendolmetscher eingeblendet wird. Neulich sah ich auch, dass bei Reden von Dschordsch Dabbeljuh Bush nebendran einer mit den Händen redete. Gut, das macht meine Frau auch immer, aber bei ihr hat das was mit Temperament zu tun, während ich bei Bush denke: Jetzt hilft es nichtmals, sich die Ohren zuzuhalten.

Was mich an der Sendung ‚Sehen statt hören‘ stört, ist die Tatsache, dass sich mir beim Ansehen immer der Eindruck aufdrängt, diese Sendung sei für Grenzdebile gemacht worden. Insbesondere, wenn die Darsteller dort so etwas wie Comedy bieten, sind das nicht nur die ältesten Witze, sondern die werden auch noch saumäßig schlecht gespielt. Mit den Themen der Sendung kann ich in den meisten Fällen sowieso nichts anfangen, ich gehöre eben nicht zur Zielgruppe. Allenfalls weckt die Sendung in mir einerseit Betroffenheit und andererseits weckt sie mein Verständnis für Menschen mit dieser Behinderung. (Oder darf man das auch nicht mehr sagen? Aber um eine freiwillig gewählte Lebenseinstellung handelt es sich ja wohl auch kaum.)

Ich muss aber zugeben, dass es viele Sendungen gibt, bei denen ich nicht zur Zielgruppe gehöre. Und das, obwohl ich statistisch gesehen mit 47 Jahren dazu gehören müsste. Aber wenn es zum Beispiel um Volksmusik geht, kann ich mich überhaupt nicht an dieser Musik erfreuen und überlege nur, wem ich am liebsten zuerst in die Fresse hauen will: Florian Silbereisen, Stefan Mross oder Maxi Arland?

Das fing im Grunde schon in der Schule an. Mittwochs morgens mussten wir immer in den niegelnagelneuen Medienraum. Da gab es dann Schulfernsehen ‚Mathematik‘. Da es in meiner Kindheit noch keine Videorecorder gab, mussten wir live in Echtzeit vor dem Fernseher hocken, wenn ein unglaublich langweiliger Opa in Schwarzweiß die wunderbare Welt der Zahlen erklärte.
Unser Mathematiklehrer, Herr Witthoff, hüpfte vor Vergnügen und das trotz einer leichten Tendenz zum Übergewicht. Da gehörte ich eindeutig auch nicht zur Zielgruppe.

Auch bei den meisten Sendungen, die die Allerliebste gucken will, gehöre ich nicht zur Zielgruppe. Nein, sie guckt nicht ‚Verliebt in Berlin‘ oder sowas. Sie will das ‚Kettensägen-Massaker‚ sehen. In nichts sind wir so wenig kompatibel, wie bei den Vorlieben für Serien und Spielfilme. Glücklicherweise ist es der Allerliebsten oft egal, was da läuft, und so komme ich doch zu meinem Recht. 🙂

Ich gehöre, glaube ich, zu überhaupt keiner Zielgruppe. Ich gucke gerne die Sendung mit der Maus, Wiederholungen von Raumschiff Orion, Pastewka, Psychothriller, alle Arten von Dokumentationen (außer über Tiere) und sehr gerne Kulturbeiträge über Literatur und Theater.
Jedenfalls glaube ich an den Produkten, für die beim jeweiligen Sender geworben wird, erkennen zu können, für welche Zielgruppe das Programm gedacht ist. Wird nur noch Klingeltonwerbung gemacht, ist die Zielgruppe zwischen 12 und 22 Jahren alt. Kommt hingegen Antistax, die Venencreme, zum Einsatz oder diese Kürbiskerne, dass man nachts nicht mehr raus muss, dann bin ich garantiert beim ZDF und die Zielgruppe ist über 40.

Ach ja, ich gehöre wohl doch zu einer Minderheit. Ich gehöre zu den Anti-Senioren! Ich sehe es gar nicht ein, dass man heute schon mit Mitte Vierzig zu den Senioren zählen soll.

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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