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Handy

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„Ich brauche mein Handy nur zum Telefonieren!“, sagt Elvira und zeigt ein unglaublich großes und schweres Nokia-Handy aus der Steinzeit vor. „Das habe ich schon ewig, mindestens 4 Jahre.“

Es gab einmal eine Zeit, da überlegte man wochen-, ja monatelang, bevor man eine Investition von sagen wir mal 600 Mark tätigte. Den Artikel, den man sich für dieses Geld kaufte, wollte man über viele Jahre benutzen und genau so waren die Sachen früher auch mal gebaut, sie hielten eine Ewigkeit.

Ein Handy hat heute eine Halbwertzeit von rund 6 Monaten. Als ich neulich für mein niegelnagelneues Motorola V3 RAZR einen USB-Winkeladapter kaufen wollte, mußte ich mich vom freundlichen Türken an der Ecke belehren lassen, daß ich ja quasi im Besitz eines vollkommen veralteten „Schrotte-Teil“ bin. Dabei hatte ich das Handy doch erst sechs Monate vorher genau bei ihm als das „Non-Plus-Ultrakrass“ gekauft.

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„Da gibbe es schon drei Nachfolge von!“, belehrt mich Ulkan, der Türke, „alles jetzt in Ultra-UMTS!“

Elvira bleibt eisern. Sie sagt, ihr reiche dieses alte Handy, sie brauche keine Kamera, kein Farbdisplay und keinen MP3-Player. Ich eigentlich auch nicht. Aber warum habe ich dann schon das achte oder neunte Handy?

Mein erstes Handy war eins von Motorola. Da musste man vor dem Telefonieren unten eine Klappe aufmachen und oben eine Antenne rausziehen. Das war ziemlich unpraktisch. Außerdem war der Akku immer schon nach 2-3 Stunden leer, auch doof.

Das nächste war von Ericcsson (da weiß ich immer nicht, wie viele R’s, C’s und S‘ in den Namen kommen, aber vermutlich ist das wie bei dem Wort Missi-ssippi: alles so oft wie möglich.)

Das Handy fand ich ganz praktisch, aber da kuckte oben aus dem Gehäuse so eine kleine Gummiantenne heraus. Dieses Gummi hatte die üble Eigenschaft, immer so komisch in der Hosentasche kleben zu bleiben, wie ein elektrisch aufgeladenes Radiergummi. Bis ich das Handy aus der Tasche hatte, war der Anruf meist schon wieder weg.

Das Ericcsson habe ich verkauft, weil das Display so winzig war und ich zunehmend Spaß an SMS bekommen habe. Da war das Eingeben und Lesen mit dem zweizeiligen Display ziemlich fummelig.

Warum ich dann noch ein paar Mal gewechselt habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Vermutlich hat mir das eine Mal ein Handy einfach besser gefallen und ein anderes Mal hat mein Netzbetreiber mir ein günstiges Gerät angeboten.

Jedenfalls habe ich, wenn man das mal so richtig überlegt, in den letzten 5-6 Jahren ein Schweinegeld für die Anschaffung immer neuer Handys ausgegeben. Das wäre ein schöner Karibik-Urlaub.

Vielleicht sollte ich es so machen, wie Elvira und sagen, daß jetzt Schluß ist. Das Handy, was Ulkan als „Schrotte-Teil“ bezeichnet und was seiner Meinung nach keineswegs „volle-ultra-krass“ ist, erfüllt alle meine Wünsche und kann Dinge, die ich sowieso nie brauche, bzw. die ich nach der kurzen Phase des enthusiastischen Ausprobierens nie wieder gebraucht habe.

Ich brauche keinen MP3-Player! Ich habe niemals einen Walkman besessen und auch keinen tragbaren CD-Player. Mir geht Musik unterwegs auf den Keks und wenn ich mal Bock auf Musik oder Informationen habe, bin ich sowieso mit dem Auto unterwegs und da habe ich ein Radio. Außerdem finde ich Leute doof, die immer und überall irgendwelche Stöpsel in den Ohren haben, vor allem wenn die Selbstberieselung so laut ist, daß auch alle Umstehenden damit belästigt werden.
Ich will auch im Grunde keine Kamera in meinem Handy. Die billigen Plastiklinsen und die schlechte Optik sind für mich als ambitionierten Hobbyfotografen eine Beleidigung. Ich benutze die Kamera sowieso nur, um mal Rüdiger oder Franz zu knipsen, damit ich ihr Bild für den Telefonbucheintrag habe. Aber auch auf diese Einträge könnte ich verzichten.

Mein Handy müßte auch keine 499 Klingeltöne haben. Wozu? Unser Telefon zu Hause hatte früher eine Schelle, eine Glocke und hat gebimmelt. So habe ich es gelernt: Wenn’s klingelt, will einen jemand sprechen und man geht ran. Mir würden ein paar Klingeltöne ausreichen, gerade so viele, daß ich einen auswählen kann, den in meiner Familie noch keiner hat. Außerdem gäbe es ab sofort keine einzige Klingeltonwerbung mehr im Fernsehen, wenn Handys keine neuen Töne dazuladen könnten. Allein deshalb wäre es schon wünschenswert, daß sowas abgeschafft wird.
Wichtig für mich ist, daß das Handy lange durchhält, also nicht schon nach dem dritten Telefonat an die Ladestation muß. Es muß ein großes Display mit deutlich erkennbaren Buchstaben und Symbolen haben, damit ich es, trotz meiner Sehschwäche, noch gut ablesen kann. Die Tasten müssen groß genug sein und gut funktionieren, damit ich auch gut etwas eintippen kann.

Hingegen brauche ich keine Spiele, schon gar keine JAVA-Abenteuerspiele, die Stunden dauern. Ich will auch keinen E-Mail-, Web-, WAP- oder Internetclient. Erstens funktioniert das meistens sowieso nicht richtig und zweitens mache ich Internet doch ohnehin tagtäglich am PC.

Wallpapers und Screensaver für’s Handy will ich auch nicht. Wozu? Die Hersteller haben meinem Handy eine schöne helle und gut ablesbare Menüoberfläche mit auf den Weg gegeben. Die ist klasse! Warum sollte ich das dunkle und zudem noch blinkende „Nightrider-Design-Theme“ für 4,99 Euro installieren? Und einen Bildschirmschoner für’s Handy? Wozu? Wozu? Bildschirmschoner hatten bei Röhrenmonitoren ihre Berechtigung. Damit sich lange angezeigte Bildschirminhalte nicht in die Reflexionsschicht auf der Innenseite der Röhre einbrennen, blendete sich früher automatisch nach einer Weile ein bewegtes Bild ein. Es hätte auch gereicht, den Monitor einfach dunkel zu schalten, aber die bewegten Bilder waren was Neues und oft ziemlich lustig. Und nur weil das lustig ist, hat man Screensaver auch heute noch auf Laptops und schließlich auf auf Handys. Brauchen tut die da kein Mensch!

Die Terminverwaltung finde ich ganz gut, da kann ich auch unterwegs mal nachschauen, wessen Geburtstag ich schon wieder vergessen habe. Ein umfangreiches Adressbuch im Handy brauche ich nur, wenn der Abgleich quasi von alleine mit meinem Outlook vom PC vonstatten geht. Wenn ich da er noch Felder definieren oder unnötige Eingaben löschen muß, ist das schon wieder doof.

Ach ja, klein muß es trotzdem sein. Denn als Mann habe ich nie eine Handtasche dabei und weiß, vor allem im Sommer, gar nicht, wo ich alles unterbringen soll (Geldbeutel, Schlüssel, Handy, Zigaretten, Feuerzeug usw.). Da wäre ein Riesenhandy ziemlich lästig.

Damit große Tasten und großes Display Platz finden können und das Handy trotzdem nicht zu groß wird, kommt nur ein Klapphandy in Frage.

Vielleicht mache ich es so wie Elvira. Ein neues Handy kommt mir erst ins Haus, wenn das „Schrotte-Teil“ wirklich Schrott ist.

Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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