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Dreibein kauft online ein

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Es ist ja bald Ostern und meine Kinder machen mich durch lauter kleine und absolut nicht versteckte Hinweise darauf aufmerksam, daß sie fest damit rechnen, der Osterhase könne in diesem Jahr zu einem Christkind mutieren.

Eine Playstation III will der Junge und ein neues Handy die Kleine. Ich glaub‘ die spinnen!
Ich erinnere mich noch sehr gut an die Osterfeste meiner Kindheit. Mutter holte da immer eine Schachtel vom Dachboden in der sich Ostergras, also grüngefärbte Holzwolle, befand welches schon seit Generationen in Familienbesitz war. Das wurde etwas aufgelockert und in einen Brötchenkorb gelegt. Da kamen dann bunte Eier rein und


wenn es besonders gut für mich lief, auch ein paar Süßigkeiten. An Geschenke war überhaupt nicht zu denken! Allenfalls der jährliche Osterbild das man in der Kirche geschenkt bekam und in sein Gebetbuch legen konnte, hätte man als Geschenk bezeichnen können. Ostern war eher ein Fest des guten Essens und der unvermeidlichen Osterspaziergänge, keinesfalls aber das Fest der Geschenke.

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Nun denn, vielleicht haben sich die Zeiten geändert. Also mache ich mich, schon um dem vorprogrammierten Genörgel der Kinder aus dem Weg zu gehen, im Internet auf die Suche nach geeigneten und vor allem günstigen Geschenken.

Eine Seite springt mir bei Google ganz besonders ins Auge: „Günstig Ostern! Jetzt billig ein Ostern kaufen! Ein Ostern für 75% Ersparnis kaufen!“

Jaja, die wollen mich nur verarschen! Also wende ich mich der Seite zu, die da verspricht:
„Alles zu Ostern günstig und schnell“.
Das klingt doch gut!

Die Seite baut sich schnell auf, sieht professionell aus und bietet tatsächlich eine schöne Anzahl von Produkten, die ich schon immer zu Ostern haben wollte. Auf der Startseite finden sich untereinander folgende Produkte:

Plexiglas-Weinkühler
Riesenpackung Kondome
Dackel mit Wackelkopf

Ja klar, es ist ja Ostern! Und wenn ich bisher an Ostern gedacht habe, dann war das immer mit Saufen, Fi**** und Wackeldackeln verbunden, immer!

Es dauert eine Weile, bis ich tatsächlich entdeckt habe, wie man Osterprodukte findet. Dazu muß man auf „Saison-Artikel“ klicken und landet im österlichen Reich des Konsums. Besonders interessant: Das Piepei! Piepeier gibt es in verschiedenen Farben und sie alle sind aus Plastik. Diese Piepeier soll man mit seinen Hühnereiern in den Kochtopf legen. Je nachdem, ob man weiche oder harte Eier bevorzugt, nimmt man ein anderes Piepei. Ja und wenn die Eier dann die passende Festigkeit erkocht haben, piept das Piepei. Toll! Meine Güte, wie rückständig ich doch bisher war, ich habe immer nur auf die Uhr geguckt!

Anke findet das wohl zum Piepen, denn als ich ihr begeistert von meinem Internetfund berichte, tippt sie sich nur an die Stirn und gibt zu bedenken, daß Piepeier nicht die Voraussetzungen erfüllen, damit ich dreibeinmäßig begeistert sein darf. „Dreibeine wollen immer Sachen, die piepsen, wo kleine Lämpchen dran leuchten und wo Batterien reinkommen. Piepeier leuchten nicht!“

Da hat sie Recht! Da hat der Piepei-Hersteller etwas Wichtiges vergessen und somit kommen die bunten Plastikdinger nicht auf meinen Einkaufszettel.
Dafür klicke ich aber einen Kleiderhalter aus Edelstahl an. Der piept und blinkt zwar auch nicht, aber so einen wollte ich immer schon mal haben. Den werde ich seitlich an der Garderobe noch anbringen, da fehlen noch ein paar Haken.
Anke tippt auf einen Papierkorb mit Deckel. Den räume der Hund nicht so schnell aus, meint sie und ich klicke erneut. So haben wir schon zwei, nicht gerade besonders österliche Artikel in unserem Warenkorb.

Die Kinder, ach du meine Güte, die hätten wir fast vergessen. Josie soll einen Kuschelhasen bekommen. Der ist billig, groß und hübsch. Und für meinen Sohn wollen wir ein kleines elektronisches Teil kaufen, das dem Gameboy nachempfunden ist und drei Spiele beinhaltet: Das fröhliche Hasenjagen, eine Tetris-Variante und „The dark revenge of the universal masters of remind in the glowing dark of the dawn“ oder so….
Mir ist zwar klar, daß das nur ein unvollkommener Ersatz für die eigentlich gewünschte Playstation III ist, aber wenn ich keine Playstation III bekomme, kriegt der auch keine! So!

Nun habe ich also für jeden etwas gefunden und klicke erwartungsvoll auf „Zur Kasse gehen“.
Es öffnet sich ein Fenster, daß mich als Nichtkunden identifiziert und auffordert, „die wichtigsten Daten zur Abwicklung des anstehenden Geschäfts“ einzugeben.

Ich muß angeben:

Name
Vorname
akademische Titel
Straße
Hausnummer
Ort
Postleitzahl
Land
Nation
Telefonnummer
Faxnummer
Geburtsdatum
E-Mail-Adresse
wie haben Sie von uns erfahren?

Ich fülle das alles ordnungsgemäß aus. Manche Sachen will ich nicht sagen, kann sie aber nicht abwählen, ich muß alles ausfüllen. Also schreibe ich bei der Telefon- und Faxnummer Quatsch hin. Das merkt das System aber, weil es wohl die Vorwahlen abcheckt. Also gebe ich Phantasienummern mit der richtigen Vorwahl ein, ich will nämlich nicht, daß die mich anrufen. Vermutlich rufen die mich sowieso nie an, aber dann irgendwelche Weinhändler und so.

Mich ärgert, daß ich immer das „Land“ angeben muß. Was macht es für die Abwicklung für einen Unterschied, ob ich aus Niedersachsen oder Bayern komme? Und das Geburtsdatum? Naja, vielleicht wollen die prüfen, ob ich schon bestellen darf, ich könnte ja auch die Kondome bestellen wollen.

Auf der zweiten Seite wollen die meine Zahlungsweise wissen. Ich kann zwischen Kreditkarte, Bankeinzug und PayPal wählen und entscheide mich für Bankeinzug.
Bevor ich aber die Bankdaten eingeben kann, soll ich die AGBs lesen. Die sind ewig lang, ausgedruckt wären die 10 Din-A-4 Seiten lang und winzig klein gedruckt. Während ich sie lese bekomme ich das Gefühl, als ob ich die Firma bestehlen würde und mein einziger Wunsch sein könne, Waren dort zu bestellen, diese kaputt zu machen und zurückzuschicken.

Ich gebe an, daß ich die AGBs gelesen habe, doch das System sagt: „Sie müssen die Bedingungen bis zum Ende lesen, bevor sie fortfahren!“
Aha, ein schlaues System, ich scrolle also bis ganz unten, wo steht, daß der Gerichtsstand Panama-City ist und der Inhaber ein gewisser Rechtsanwalt Raoul Ramirez ist. Sehr vertrauenserweckend!

Nun gebe ich meine Bankverbindung an und schließe die Eingabe mit einem weiteren Klick ab.
Auf dem nächsten Bildschirmfenster erfahre ich dann, daß ich einerseits ein Neukunde sei und andererseits somit nicht auf Rechnung kaufen dürfe.

Das will ich aber gar nicht, sondern ich möchte, daß die Firma den Kaufbetrag von meinem Konto abbucht. Okay, die wollen ganz sicher gehen und deshalb folge ich der Anweisung: „Wählen sie eine andere Zahlungsart!“

Nun will ich mit Kreditkarte bezahlen, muß wieder die AGBs anschauen und bis zu Raoul Ramirez heruntersrollen. Dann darf ich meine Kreditkartendaten eingeben. Für diese Zwecke nehme ich keine unserer normalen Karten, sondern immer eine sogenannte Prepaid-Kreditkarte, auf der nur soviel aufgeladen ist, wie ich für diese Geschäfte im Internet benötige. So bin ich vor unliebsamen Transaktionen sicher.

Nach der Eingabe der erforderlichen Daten sagt mir das System erneut, daß ich ein Neukunde sei und nicht auf Rechnung einkaufen darf.
Ja was wollen die denn von mir? Soll ich das Geld vorher persönlich nach Panama zu Herrn Ramirez bringen?

Soll ich mal bei denen anrufen und fragen? Au ja, da oben ist ein Fragezeichen, da gibt es Hilfe. Ich klicke das Fragezeichen an und erfahre, daß mir die Hotline täglich von 14-18 Uhr (außer Freitag, Samstag, Sonntag) zu sagenhaft günstigen 1,99 Euro pro Minute zur Verfügung steht.
Die können mich mal!

Na gut, einen letzten Versuch will ich noch starten. Man kann ja auch per PayPal bezahlen und so ein Konto habe ich auch. Ich schließe das Hilfe-Fenster und befinde mich wieder auf der Startseite, wo es den Weinkühler, die Kondome und den Wackeldackel gibt. Mein Warenkorb ist leer und ich habe keine Lust mehr.

Ich glaube, ich hole etwas Ostergras und lege ein paar bunte Eier ins Brotkörbchen.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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