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Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen mehr Mut

Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen mehr Mut

Mit dem ‚Blauen Bock‘ und Unterhaltungsdinosauriern wie Heinz Schenk oder der x-ten Auflage von „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff oder dem in die Jahre gekommenen Spiel mit Prominenten „Dalli Dalli“ konnten die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF kaum noch großartig Staat machen. Als große Zugpferde galten allenfalls noch Sendungen wie die mit prominenten Gästen aufgeblasene Wettshow „Wetten dass…?“ und die allgegenwärtigen Sportübertragungen.
Eine Programmvielfalt wie wir sie heute kennen und wie sie damals teilweise in anderen Ländern schon üblich war, gab es bis 1984 in Deutschland nicht.
Aber am 1. Januar 1984 startete in Ludwigshafen mit dem Kabelpilotprojekt Ludwigshafen in einem Kellerstudio das duale Rundfunksystem in Deutschland und damit war der Startschuss für das private, rein werbefinanzierte Fernsehen gegeben worden.

Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen mehr MutDie Öffentlich-Rechtlichen brauchen mehr Mut

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, in diesem Moment sind Sie Zeuge des Starts des ersten privaten Fernsehveranstalters in der Bundesrepublik Deutschland“, hieß es am 1. Januar 1984 um 9:58 Uhr. Aus einem Kellerstudio in Ludwigshafen begrüßte Jürgen Doetz gemeinsam mit der Moderatorin Irene Joest die Zuschauer. Die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS) war geboren, aus der ein Jahr später – im Jahre 1985 – Sat.1 wurde (damals mit Sitz in Mainz).
Einen Tag nach dem Sendestart der PKS bzw. von SAT.1, begann RTL plus (heute RTL Television) am 2. Januar 1984 seinen Sendebetrieb aus Luxemburg (heutiger Sitz Köln).(Quelle: Wikipedia: Privatfernsehen)

Einige von uns werden sich noch an die ersten Gehversuche der Privatsender erinnern, an stümperhafte Morgensendungen, an alberne Tittenshows wie „Tutti Frutti“ und die von telemedialen Nichtskönnern präsentierte Sendung „Alles nichts, oder?“ Aber obwohl diese Sendungen kaum einen qualitativen Vergleich mit irgendeiner der aufwendig und sorgfältig gemachten Sendungen von ARD und ZDF aushielten, wurden sie von den Massen angeschaut. Es gab etwas Neues, etwas Anderes und endlich gab es eine umschaltbare Alternative, die den Menschen, wenn auch mit idiotenleichter Unterhaktungskost, sehr viel Freude bereitete.

Und heute? Heute haben wir nach wie vor die öffentlich-rechtlichen Sender auf der einen Seite und eine nahezu unüberschaubare Masse von werbefinanzierten Privatsendern auf der anderen Seite. Für die einen kassiert die GEZ (Gebühreneinzugszentrale) eine quasi staatliche Zwangsgebühr und zwar vehement für alle rundfunktauglichen Geräte, ob man denn nun den öffentlich-rechtlichen Quark anschaut oder nicht; und die anderen finanzieren sich aus selbstverdientem Geld.
Der Mix, mit dem heute bei den Privaten Geld verdient wird, besteht aus den Werbeeinnahmen, Produktplacement, sogenannten Gewinnspielen, und dem Verkauf von Devotionalien und Zusatzangeboten. Die öffentlich-rechtlichen Sender dürfen auf fixe Einnahmen aus dem GEZ-Topf vertrauen, die sie langfristig verplanen können und mit denen sie aufwendig hochkarätige Sendungen produzieren. Und das tun sie, wie sie es schon immer taten, nicht nur für die werbeinteressante und konsumbereite Zielgruppe, die die Privaten nahezu einzig und allein im Auge haben, sondern für „den Zuschauer“. Und was „der Zuschauer“ ist, das ist den Öffentlich-Rechtlichen per Gesetz ins Gebetbuch geschrieben, denn sie haben auch die Minderheiten und Randgruppen zu bedienen und einen Mix anzubieten, der nicht nur dem reinen Geldverdienen dient, sondern Kultur, Bildung und Unterhaltung für jedermann vermitteln muß.

Ohne diesen öffentlich-gesetzlichen Auftrag, der quasi einer ärztlichen Approbation gleichkommt, tun sich die Privaten natürlich leichter. Ihr Staatsvertrag gleicht einer Heilpraktikerverordnung, die nicht sicherstellt, daß der Heiler auch heilen kann, sondern nur, daß er keinen stümperhaften Schaden verursachen kann.
Die Privaten produzieren und senden auf Teufel komm raus Material, das einzig und allein dem Zweck dient, die konsumbereiteste und für Werbebotschaften empfänglichste Schicht anzusprechen.
Vor Jahren sprach ich einmal mit einem der ganz Großen aus der Werbewirtschaft. Seine Agentur hatte gerade eine mehrjährige Kampagne für einen der, na sagen wir für den größten Putz- und Waschmittelhersteller bei uns an Land gezogen. Meine Frage war, warum denn ausgerechnet Putz- und Waschmittelwerbungen so absolut dämlich, dümmlich und scheinbar einfallslos gemacht sind.
Seine Antwort war ein Lächeln und ein Kopfschütteln. Es stecke ungeheuer viel Know-how in diesen Werbespots und sie seien ganz mit Absicht so gemacht, wie sie gemacht seien. Es handele sich um ganz einfache Botschaften, die von ganz einfachen Menschen verstanden werden müßten. Nur etwa 5% der Hausfrauen seien überhaupt für Werbebotschaften empfänglich und würden aufgrund von solchen Werbespots zum Wechsel ihrer Waschpulvermarke zu verleiten sein. Und das seien die 5% der einfachsten Frauen Deutschlands, um nicht seine Worte, „die dümmsten Waschweiber der Nation“ zu wiederholen.
Und Werbung für Doofe muß auch so gemacht sein, daß Doofe sie verstehen.

Ja und was für Waschpulver gilt, das gilt umso mehr natürlich auch für Produkte, die sich schon von ihren ohnehin anvisierten Kundenkreis am unteren Level der Denkskala befinden. Nehmen wir hier die unsägliche Tittenwerbung nachts und die Werbung für Klingeltöne, Handyspiele und Internetangebote. Hier ist die Botschaft nicht nur auf die sinnentleerte Dümmlichkeit reduziert, sondern sie wird, damit die absolut Hirnlosen sie dann auch wirklich noch mitbekommen, wenn sie onanierend oder klingeltonabspielend vor der Glotze hocken, auch noch endlos wiederholt. Bis zu achtmal hintereinander wird ein und derselbe Werbespot, eventuell abwechselnd mit anderen gleichartigen Idiotenspots, immer wieder wiederholt, bis auch der allergrößte Wichsdepp und die allerdümmste Ey-Alder-Schnalle die kurzen vier- bis fünfstelligen SMS-Nummern kapiert hat, die man anrufen muß, um für virtuelle Scheiße unendlich viel Geld loszuwerden.

Und ich glaube, es ist auch nicht weit hergeholt, wenn man feststellt, daß sich das umgebende Programm der geistigen Messlatte der zwischendurch abgespielten Werbebotschaften anpasst. Ja ich gehe sogar soweit, zu behaupten, daß sich die Programmmacher ganz bewusst darum bemühen, die Limbo-Latte unter der ihr Programm hindurch muß, um das richtige Publikum anzuziehen, noch niedriger zu legen.
Daß sich die Privatsender dem Diktat der Doofen bzw. dem Zwang, die Doofen anzuziehen, beugen, das sieht man ganz hervorragend an den zwischendurch zum Füllen der eigenen Kasse durchgeführten Gewinnspiele. Die Versammlung der Idioten vor der Mattscheibe sollen dann nämlich so schwierige Aufgaben lösen wie „Wo arbeitet Inspektor Columbo? a) bei der Mordkommission oder b) bei der Autobahnpolizei“. Dafür investiert der einzelne Doofmann 50 Cent und keiner der Idioten kommt auf die Idee, daß ja mit Sicherheit im Verlaufe einer Sendung oder gar Sendewoche weit mehr als 1.500 andere Idioten anrufen und den läppischen Hauptgewinn (z.B. ein LCD-Fernseher im Wert von 700-800 Euro) einfach nur kollektiv bezahlen, damit einer von ihnen kurzfristiges Glück haben darf. In Wahrheit rufen Zehn- bis Hunderttausende dort an und bescheren den gewinnspielveranstaltenden Sendern ein hübsches Kassenklingeln.
Das sei den Sendern gegönnt, die Art der Gewinnspiele (ständig wiederholter Text, dümmliche Fragen und Antworten, reißerische Aufmachung) zeigt aber deutlich, daß die ins Auge gefasste Zielgruppe die Gruppe der Blödiane ist.

Und wir sprechen hier von privaten Vollprogrammen, nicht von den Gewinnspielspartensendern, die auch ein Wörtchen wert wären, bei denen aber die Idiotie und die Abzocke so offensichtlich ist, daß man es nicht wirklich noch thematisieren muß.

Lassen wir einfach mal die Menschen außen vor, die auch den größten Quatsch gucken, um sich abzulenken, um nicht nachdenken zu müssen und um Ablenkung vom Alltag zu bekommen. Auch ich gehöre manchmal dazu und zappe über diese Sender hinweg oder schaue bewußt eine Weile Glücksspiel-TV, um mich zu amüsieren, wenn Sylvia (29) aus Bremen anruft und auf die Frage „Welche Stadt mit dem Anfangsbuchstaben H suchen wir?“ selbstbewußt „Hannover“ ins Telefon kräht, obwohl auf dem Bildschirm schon
_ A M B U R G zu lesen ist.
Nein, jeder kann und darf, ja soll diese Sendungen und Sender schauen, darum geht es nicht.

Es geht mir um die, die gar nichts anderes mehr schauen, weil sie nichts anderes verstehen. Ihnen wird, und damit kehren wir von meinem kurzen Ausflug zu den reinen Gewinnspiel-Spartenkanälen wieder zu den Privatsendern wie Super-RTL & Co. zurück, nichts anderes mehr serviert als andere Asoziale, die mal als prügelnder Jugendlicher, mal als hochverschuldete Hartz-IV-Familie und mal als trunksüchtige Austauschmutter vor die Kamera treten und schlecht auswendig gelernte Sätze in stupider Monotonie von sich geben. Der vor der Glotze hockende Asoziale empfindet kurzfristiges Glück in Form einer Ablenkung vom eigenen Elend und dem eigenen Sumpf, indem ihm Leute vor Augen geführt werden, die noch eine Stufe asozialer und hilfsbedürftiger sind als er selbst.
Und dann verheißt die Flimmerkiste auch noch die Botschaft, daß jeder aus diesem Elend, ob nun vor oder in der Glotze, wieder herauskommen kann, indem er die Hilfe von Spezialisten in Anspruch nimmt. Ob das nun der Schuldenberater, die Familien- und Ehetherapeutin oder das dauernd sauberwischende und aufräumende Putzkommando ist, das ist völlig egal, denn die meisten die da zuschauen würden ohnehin alle diese Therapie- und Hilfsformen in Anspruch nehmen müssen.

Das ist nicht so? Man muß auch für die Doofen und Asozialen ein Fernsehprogramm machen?
Ja sicher! Dem stimme ich ja auch zu, aber das muß doch nicht so sein, daß man ihnen nur noch größeres Elend und noch verkommenere Gestalten vor Augen führt, sondern indem man den Urauftrag des Fernsehens, wie ihn die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg und alle Regierungen danach in den Staatsvertrag der Öffentlich-Rechtlichen geschrieben haben, ernst nimmt. Gut gemachte Informationssendungen wie zum Beispiel WiSo im ZDF und keine Galileo-Scheiße, die zum hundertsten Mal erklärt wie man im XXL-Restaurant das größte Schnitzel der Welt zu braten versucht. Politische Magazine wie „Panorama“, „Monitor“ und Diskussionssendungen wie „Maischberger“ und „Hart aber fair“, die ganzen Ratgeber-Formate der ARD und gut gemachte Familienunterhaltung mit Schauspielern, die ihren Beruf auch beherrschen, das ist das Rezept, daß ich als Dr. TV diesen Patienten ausstellen würde.
Man muß den Menschen Wissen und Kultur vermitteln, meinetwegen einfach gestrickt und leicht verdaulich. Aber man muß ihnen zeigen, was erstrebenswert ist, was sinnbringend und lebenserfüllend sein kann und nicht nur wie schön das Elend, die Dummheit und die Scheiße doch sind, in der der sie haufenweise hocken.

Die Öffentlich-Rechtlichen brauchen mehr Mut

Es tut sich da derzeit recht viel. Das ZDF beispielsweise geht da in die richtige Richtung. Ende 2009 ersetzte es den ZDF-Dokukanal durch „ZDF neo“ und will damit ein unterhaltsames und informatives Programm für Familien und Berufstätige bringen. Und ich finde, das gelingt.
Auch die anderen Spezialangebote der Öffentlich-Rechtlichen wie der ZDF-Theaterkanal, arte, 3sat und eins_festival etc. bieten eine Fülle hochinteressanter und leicht verständlicher Dokumentationen, Spielfilme und Serien.
Letztenendes muß man sagen, daß man wirklich gutes Fernsehprogramm überhaupt nur bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern finden kann.
Große Serienhighlights wie LOST und Dexter oder Super-Spielfilmpremieren, bleiben leider -aufgrund der hohen Kosten und einer besseren Verhandlungstaktik- den Privaten vorbehalten und damit bleibe ich denen auch als Zuschauer erhalten, aber die aufwendigen Eigenproduktionen von ARD und ZDF könnten hier eine recht ordentliche Alternative bieten.
Doch leider scheint man bei den Öffentlich-Rechtlichen den Kampf um den Zuschauer weitestgehend aufgegeben zu haben. Und dabei hält man doch die Trümpfe eigentlich in der Hand: Ein großes und langfristig überschaubares Budget, Werbefreiheit in der Primetime und eine nahezu weltweit unvergleichlich gute Ausstattung und Logistik.
Nur spielt man diese Trümpfe nicht oder zumindest nicht richtig aus. Man schielt ganz offensichtlich auf die Zielgruppe der „Silverager“ der über 50jährigen Gebissträger, Inkontinenten und Prostatakranken und genau für die macht man derzeit fast ausschließlich Programm. Die mannigfaltigen Volksmusiksendungen und langatmigen Henning-Mankell-Verfilmungen sprechen genau diese Sprache und die Werbung die man in ARD und ZDF zeigt, macht mehr als deutlich, daß genau die oben genannte Zielgruppe mit ihrem Programm gemeint ist.

Was ist denn von der großen Samstagabend-Unterhaltung geblieben? Wo sind die großen Shows, die noch von der ganzen Familie geschaut werden konnten?
Geblieben sind „Verstehen Sie Spaß?“ mit nun dem achten Präsentator in der ARD und „Wetten, daß…?“ mit den in die Jahre gekommenen Thomas Gottschalk.
In was für einer Unterhaltungslandschaft leben eigentlich die ARD- und ZDF-Oberen, daß sie glauben, diese beiden „Zugpferde“ könnten das A und O sein?
Natürlich ist die Zeit vorbei, in der man mit langatmigen Ratespielen wie „Einer wird gewinnen“ und den Operetten- und Volksmusik-Bembeleien eines Heinz Schenk noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken konnte und so schade es um einen begnadeten Unterhalter wie Rudi Carrell ist, es ist gut, daß er heute keine Sendungen mehr machen kann. Das Publikum, der Zeitgeschmack und die nun vorhandene Konkurrenz haben sich gewandelt, das Geschäft ist eben einfach um einige Nummern härter geworden.
Doch müssen sich die Öffentlich-Rechtlichen endlich der Aufgabe stellen und den Spagat zwischen dem was sie tun müssen und dem was sie gut können (siehe Formate wie Tatort und Lindenstraße), und dem was das (jüngere) Publikum anziehen würde, schaffen.

Es ist schwer, aber mit Format und Niveau gute Unterhaltungssendungen machen zu können, das machen die Privaten den Öffentlich-Rechtlichen hin und wieder vor.
Manchmal gibt es da sogar Überschneidungen, wie jüngst beim Zusammenspiel von ARD und Pro7 bei der Wahl der Teilnehmerin für den Schlager-Grand-Prix.
Hier müssen sich die Oberen bei ARD und ZDF endlich mal von ihren Verkrustungen lösen und mehr Mut zum Experiment beweisen. Das was die Privaten nämlich gut beherrschen ist das schnelle Umsetzen neuer Ideen und die Bereitschaft, eine Idee auch schnell wieder einzustampfen.
Die Bis-zur-Rente-versorgt-sein-Mentalität der Öffentlich-Rechtlichen passt damit nicht zusammen.

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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