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Warum Columbo auf DVD zwischendurch Englisch spricht

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Über Synchronisationslücken, gekürzte Fernsehfassungen und empörte Sammler – Kaum etwas bringt Fans klassischer Fernsehserien zuverlässiger in Wallung als ein plötzlicher Sprachwechsel. Man sitzt gemütlich vor der DVD, freut sich auf Columbo, lauscht der vertrauten deutschen Stimme – und mitten in der Szene sprechen die Figuren plötzlich Englisch.

Untertitel erscheinen, der Ton bleibt fremd. Für manche ist der Fall klar: fehlerhafte DVD, schlampige Produktion, Abzocke am zahlenden Kunden.

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Dass diese Empörung regelmäßig in Foren aufploppt, ist verständlich – aber sie geht meist an der Ursache vorbei.

Das eigentliche Problem liegt Jahrzehnte zurück

Der Kern der Sache ist simpel, aber historisch gewachsen: Columbo wurde im deutschen Fernsehen über viele Jahre nicht vollständig ausgestrahlt. Öffentlich-rechtliche wie private Sender kürzten die Filme regelmäßig. Gründe waren feste Sendeplätze, Programmabläufe, Werbefenster oder schlicht redaktionelle Eingriffe. Ganze Szenen fielen weg – oft ohne dass der Zuschauer davon wusste.

Und was nicht ausgestrahlt wurde, wurde in der Regel auch nicht synchronisiert. Synchronisation kostet Geld, Zeit und Studioressourcen. Niemand synchronisiert Szenen, die ohnehin im Archiv verschwinden. Das war kein Versehen, sondern ökonomische Normalität im Fernsehbetrieb der 1970er bis 1990er Jahre.

DVDs sind ungekürzt – die deutsche Tonspur aber nicht

Mit der DVD änderte sich der Anspruch: Plötzlich sollten Serien vollständig, originalgetreu und unkomprimiert vorliegen. Also wurden die ungekürzten Originalfassungen veröffentlicht. Doch die deutsche Synchronspur stammt oft noch aus der Zeit der gekürzten TV-Versionen. Ergebnis: Dort, wo früher geschnitten wurde, existiert schlicht keine deutsche Synchronisation.

Die DVD-Hersteller stehen dann vor einer Wahl:
Entweder die Szene erneut schneiden – oder sie im Originalton belassen. Die meisten entscheiden sich (völlig zu Recht) für Letzteres. Denn alles andere hieße, dem Käufer erneut eine gekürzte Fassung zu verkaufen.

Dass dabei mitten im Film die Sprache wechselt, wirkt ungewohnt, ist aber kein Fehler – sondern die ehrlichste Lösung.

„Aber im Fernsehen war das doch deutsch!“ – ja, manchmal

In Foren wird gern argumentiert, bestimmte Szenen seien „doch komplett deutsch synchronisiert worden“, schließlich habe man sie im Fernsehen so gesehen. Das ist nicht zwingend falsch – aber auch nicht zwingend relevant.

Denn Columbo lief bei mehreren Sendern, zu verschiedenen Zeiten, mit unterschiedlichen Bearbeitungen. Teilweise entstanden später Ergänzungssynchronisationen oder neue deutsche Fassungen für einzelne Ausstrahlungen. Diese Tonspuren gehören aber oft nicht dem DVD-Label, sondern dem jeweiligen Sender oder einer anderen Rechtepartei.

Eine DVD kann nur das verwenden, wofür sie die Rechte besitzt. Dass irgendwo einmal eine vollständig deutschsprachige TV-Version lief, bedeutet nicht automatisch, dass diese Tonspur heute frei verfügbar oder lizenzierbar ist.

Warum man nicht einfach „alles neu synchronisiert“

Der Ruf nach kompletter Neusynchronisation klingt auf dem Papier einfach. In der Praxis ist er problematisch. Die ursprünglichen Sprecher – allen voran die prägenden Stimmen der frühen deutschen Fassungen – sind teilweise verstorben oder nicht mehr verfügbar. Neue Sprecher würden auffallen, der Stil wäre ein anderer, der Tonfall nicht mehr derselbe.

Hinzu kommt: Eine Ergänzungssynchronisation aus heutiger Zeit klingt technisch anders als eine aus den 1970er-Jahren. Selbst sorgfältig gemacht, bleibt ein Bruch hörbar. Viele Fans empfinden das als störender als ein paar Minuten Originalton mit Untertiteln.

Der wahre Irrtum vieler Kritiker

Was in vielen empörten Forenbeiträgen mitschwingt, ist eine falsche Erwartungshaltung: die Annahme, DVDs müssten exakt das liefern, was man aus dem Fernsehen kennt – nur „besser“. Tatsächlich ist es oft umgekehrt: Das Fernsehen zeigte jahrelang eine vereinfachte, gekürzte, angepasste Version, während die DVD erstmals das vollständige Original offenlegt – mitsamt der historischen Lücken in der deutschen Bearbeitung.

Dass einige Zuschauer das als Qualitätsmangel empfinden, ist menschlich. Es ist aber kein Beweis für Schlamperei, sondern für den langen Weg, den Serien wie Columbo durch Archive, Schnitträume, Studios und Rechteabteilungen genommen haben.

Fazit: Kein Skandal, sondern Mediengeschichte

Die englischen Passagen auf deutschen Columbo-DVDs sind kein Defekt, keine Abzocke und kein Zeichen mangelnder Wertschätzung. Sie sind das Ergebnis früherer Fernsehpraktiken, wirtschaftlicher Entscheidungen und komplexer Rechtefragen.

Wer heute eine DVD einlegt und plötzlich Originalton hört, erlebt nicht den Fehler der Gegenwart – sondern das Erbe der Vergangenheit. Und vielleicht ist genau das der Preis dafür, Columbo endlich so zu sehen, wie er ursprünglich gedacht war: vollständig, ungekürzt und ehrlich.

Oder, um es columbotypisch zu sagen:
Nur noch eine Kleinigkeit – früher hat man einfach mehr weggeschnitten, als man heute wahrhaben will.

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(©si)