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Deutschlands größtes Geburtendefizit seit dem Krieg – irgendwann sind wir weg

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Was hinter Deutschlands größtem Geburtendefizit seit dem Krieg steckt – Die Zahl der Geburten in Deutschland ist 2025 auf den niedrigsten Stand seit 1946 gefallen. Gleichzeitig überstieg die Zahl der Sterbefälle die der Neugeborenen deutlich – so stark wie noch nie in der Nachkriegszeit. Das Statistische Bundesamt spricht von einem historischen Geburtendefizit.

Insgesamt wurden 2025 rund 654.000 Kinder geboren – ein erneuter Rückgang gegenüber dem Vorjahr. Dem standen über eine Million Todesfälle gegenüber, was zu einem Minus von mehr als 350.000 Menschen führte. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits seit den 1970er-Jahren besteht, sich aber in den vergangenen Jahren deutlich verschärft hat.

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Ein Grund liegt in der demografischen Struktur: Die heute gebärfähigen Jahrgänge sind selbst zahlenmäßig schwächer, da bereits in den 1990er-Jahren weniger Kinder geboren wurden. Hinzu kommt eine sinkende Geburtenrate pro Frau. Diese sogenannte „zusammengefasste Geburtenziffer“ beschreibt, wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt bekommen würde, wenn das aktuelle Geburtenverhalten konstant bliebe – und genau dieser Wert ist seit einigen Jahren rückläufig.

Neben diesen statistischen Effekten spielen gesellschaftliche Entwicklungen eine große Rolle. Studien verweisen auf eine Vielzahl gleichzeitiger Krisen, die junge Menschen verunsichern: Pandemie, Krieg, steigende Preise und Zukunftsängste. In einem solchen Umfeld wird der Kinderwunsch häufig aufgeschoben oder ganz aufgegeben.

Wohnungsnot, Bildung und Kita-Plätze

Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den Städten hat zur Folge, dass rund 40 Prozent der unter 25-Jährigen nicht über eine eigene Wohnung verfügen. Gleichzeitig zeigt sich seit etwa zwei Jahrzehnten ein klarer Trend: Nahezu jede vierte Frau mit akademischem Abschluss bleibt kinderlos. Im Durchschnitt bekommen hochqualifizierte Frauen etwa 1,3 Kinder, während Frauen ohne Hochschulabschluss auf rund 1,6 Kinder kommen. Ein weiterer Faktor ist die unzureichende Kinderbetreuung. Da vielerorts Plätze fehlen, befürchten viele junge Frauen, dass sich ein Kinderwunsch negativ auf ihre beruflichen Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten auswirken könnte.

Auch wirtschaftliche und strukturelle Faktoren tragen dazu bei. Hohe Lebenshaltungskosten, insbesondere in den Städten, sowie Wohnungsmangel erschweren die Familienplanung erheblich. Gleichzeitig hat sich die Priorität vieler junger Menschen verschoben: Ausbildung und Karriere stehen oft im Vordergrund, insbesondere bei gut ausgebildeten Frauen. Hinzu kommen Defizite bei der Kinderbetreuung, etwa fehlende Kitaplätze und unzureichende Ganztagsangebote, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschweren.

Immer spätere erste Geburt

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das deutlich gestiegene Alter der Frauen bei der Geburt ihres ersten Kindes. Während es früher als medizinisch riskant galt, wenn eine Frau jenseits der 30 erstmals Mutter wurde, hat sich dieses Bild heute grundlegend gewandelt. Im europäischen Durchschnitt lag das Alter bei der ersten Geburt im Jahr 2023 bereits bei knapp 30 Jahren. In einigen Ländern, etwa Italien oder Irland, sind Frauen im Schnitt sogar über 31 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen.

Das hat Folgen: Wer später mit der Familienplanung beginnt, hat rein biologisch oft weniger Zeit für mehrere Kinder. Zudem werden Schwangerschaften mit zunehmendem Alter komplizierter, und nicht jeder Kinderwunsch lässt sich dann noch problemlos realisieren. Der Trend zur späteren Mutterschaft ist eng verknüpft mit längeren Ausbildungszeiten, beruflichen Anforderungen und einem veränderten Lebensentwurf. Ausbildung, Karriere und persönliche Stabilität werden heute häufig vor die Familiengründung gestellt – mit dem Ergebnis, dass Kinder später kommen oder ganz ausbleiben.

Auch das trägt dazu bei, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau niedrig bleibt und die für eine stabile Bevölkerungsentwicklung notwendige Marke von 2,1 Kindern pro Frau deutlich verfehlt wird.

Diese Entwicklung ist kein rein deutsches Phänomen. Auch viele andere EU-Staaten verzeichnen sinkende Geburtenzahlen. In keinem europäischen Land liegt die Geburtenrate derzeit auf dem Niveau, das notwendig wäre, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung stabil zu halten.

Unterm Strich zeigt sich: Der Rückgang der Geburten ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus demografischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren. Eine schnelle Trendwende ist derzeit nicht in Sicht.

Wann wäre Deutschland rechnerisch leer?

Nur als kleines Zahlenspiel mit einem gewissen Gruselfaktor: Wenn man die aktuellen Werte ganz stumpf fortschreibt, also rund 352.000 mehr Sterbefälle als Geburten pro Jahr annimmt, und wenn man alle anderen Einflüsse wie Einwanderung, Auswanderung, medizinischen Fortschritt oder politische Veränderungen ignoriert, dann käme man bei rund 83 Millionen Einwohnern auf etwa 236 Jahre.

Mit anderen Worten: Bei unverändertem Tempo wäre Deutschland rechnerisch irgendwann um das Jahr 2261 herum leer. Natürlich ist das keine seriöse Prognose, sondern eine Milchmädchenrechnung mit Taschenrechner. Aber sie zeigt ganz hübsch, wie groß dieses Geburtendefizit inzwischen geworden ist.

Bildquellen:

  • geburten_800x500: Peter Wilhelm

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(©si)