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1945: Die Stadt, in der sich über 1.000 Menschen das Leben nahmen

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Die Stadt, in der sich über 1.000 Menschen das Leben nahmen. Als der Zweite Weltkrieg seinem Ende entgegenging, geschah in einer kleinen deutschen Stadt etwas, das selbst im Zusammenhang mit den Schrecken jener Zeit bis heute fassungslos macht.

In meinem großen Roman „MORI – Der Teufel von Waibstadt“ erzähle ich tagesgenau über die Schreckensherrschaft, die 1945 über die süddeutsche Stadt Waibstadt hereingebrochen ist. Am Rande der Geschichte erzähle ich auch davon, dass sich mit dem Näherrücken der siegreichen alliierten Streitkräfte viele Nazis und Gefolgsleute des Regimes aus Verzweiflung und Perspektivlosigkeit das Leben nahmen.

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Weiter im Osten nahmen sich im April 1945 innerhalb weniger Tage Hunderte, vielleicht sogar mehr als tausend Menschen das Leben.

Die Stadt, in der das passiert ist, heißt Demmin.

Kaum jemand kennt diesen Namen. Dabei ereignete sich dort Ende April und Anfang Mai 1945 vermutlich der größte Massensuizid der deutschen Geschichte.

Die letzten Tage des Krieges

Ende April 1945 war das Deutsche Reich militärisch am Ende. Berlin wurde bereits von sowjetischen Truppen eingeschlossen. Adolf Hitler saß in seinem Bunker. Die Niederlage war unausweichlich.
Während der Führer noch nicht mehr existierende Armeen über Landkarten jagte, lag um ihn herum Berlin schon in Schutt und Asche. Die Gebiete weiter östlich hatten es aber schon miterlebt, was es bedeutete, von der Roten Armee überrannt zu werden.

Anders als die Amerikaner im Westen kamen die Rotarmisten nicht nur feindlich gesinnt und mit Strenge und Skepsis, sondern mit dem erklärten Auftrag, Rache zu nehmen, zu zerstören und zu vertreiben.
Dabei gingen sie äußerst brutal zu Werke. Männer wurden oft einfach erschossen oder erschlagen, Frauen jeden Alters wurden Opfer von Massenvergewaltigungen und Erniedrigung übelster Art.
Was nicht niet- und nagelfest war, wurde geplündert, der Rest angezündet oder mit Panzern überrollt. Gnade kannten die Soldaten keine.

Auch in Demmin, einer Kleinstadt in Vorpommern, wusste jeder, dass der Krieg verloren war, und jeder wusste auch, was mit den Russen auf sie zukam.

Die Wehrmacht zog sich zurück. Verwaltungsbeamte, Parteifunktionäre und viele Verantwortliche verließen die Stadt in Richtung Westen. Zurück blieben die Einwohner – und Tausende Flüchtlinge aus Ostpreußen, Pommern und anderen Gebieten, die bereits vor der Roten Armee geflohen waren.

Die Menschen waren erschöpft, verängstigt und voller Gerüchte.

Seit Jahren hatte die nationalsozialistische Propaganda ein Bild der sowjetischen Soldaten gezeichnet, das sie als grausame Bestien erscheinen ließ. Gleichzeitig berichteten Flüchtlinge von tatsächlichen Gewalttaten, Plünderungen und Vergewaltigungen in den bereits eroberten Gebieten.

Die Angst war real.

Die Falle

Am 30. April 1945 erreichten sowjetische Truppen Demmin.

Kurz zuvor hatte die Wehrmacht die wichtigsten Brücken der Stadt gesprengt. Militärisch sollte damit der Vormarsch verzögert werden. Für die Bevölkerung hatte dies jedoch fatale Folgen. Die Stadt wurde praktisch zur Falle. Sowjetische Einheiten konnten zunächst nicht weiterziehen und blieben in Demmin hängen. Hunderte Soldaten stauten sich in den Straßen. Es kam zu Plünderungen. Alkohol wurde gesucht, Häuser wurden durchsucht, Frauen und Mädchen wurden Opfer sexueller Gewalt.

Gleichzeitig gingen große Teile der Stadt in Flammen auf.

Bis heute ist nicht vollständig geklärt, wer alle Brände gelegt hat und wie viele verschiedene Ursachen dafür verantwortlich waren. Fest steht nur, dass innerhalb kurzer Zeit ein großer Teil Demmins brannte. Für viele Einwohner schien die Welt buchstäblich unterzugehen.

Der Beginn der Selbstmordwelle

Dann geschah etwas, das kaum vorstellbar ist. Menschen begannen, sich umzubringen. Nicht vereinzelt. Nicht in kleinen Gruppen. Sondern in einer Zahl, die Historiker bis heute erschüttert.

Familien vergifteten sich gemeinsam. Eltern töteten ihre Kinder und anschließend sich selbst. Menschen erschossen sich, erhängten sich oder schnitten sich die Pulsadern auf.

Besonders häufig war eine andere Methode. Die Menschen gingen zu den Flüssen Peene, Tollense und Trebel. Viele banden sich Steine an den Körper. Viele hielten ihre Kinder fest im Arm. Dann gingen sie ins Wasser.

Eine Stadt voller Leichen

Zeitzeugen berichteten später von Flussufern, an denen kilometerweit Leichen trieben. Von Familien, die gemeinsam im Wasser gefunden wurden. Von Friedhofsarbeitern, die wochenlang Tote bergen mussten. Von Kindern, die ohne Eltern zurückblieben.

Niemand weiß heute mit absoluter Sicherheit, wie viele Menschen starben. Eine unmittelbar nach dem Krieg angelegte Liste dokumentierte mehr als 400 Selbstmorde. Spätere Behördenberichte sprachen von rund 700 Opfern.
Andere Untersuchungen gehen von weit über 1.000 Toten aus.

Selbst die vorsichtigsten Schätzungen liegen bei mehreren Hundert Menschen. Für eine Stadt dieser Größe war das eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

Warum taten sie das?

Die Frage lässt Historiker bis heute nicht los.

Eine einzige Antwort gibt es nicht.

Viele Menschen hatten Angst vor den sowjetischen Soldaten und den bereits bekannt gewordenen Übergriffen. Andere konnten sich ein Leben nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nicht vorstellen. Wieder andere waren von Jahren nationalsozialistischer Propaganda geprägt worden, die den Tod häufig als ehrenvoller darstellte als eine Niederlage. Hinzu kamen Scham, Verzweiflung, persönliche Verluste und die Erkenntnis, dass alles, woran man geglaubt hatte, zusammengebrochen war.

Historiker sprechen von einer Art kollektiver psychologischer Katastrophe.

Die Menschen verloren innerhalb weniger Tage nicht nur ihre Heimat, ihre Sicherheit und ihre Zukunft. Viele verloren auch jeden Sinn, weiterzuleben.

Psychologische Einordnung: Warum nahmen sich so viele Menschen das Leben?

Historiker und Psychologen gehen heute davon aus, dass die Selbstmordwelle des Frühjahrs 1945 nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist. Vielmehr trafen zahlreiche Faktoren aufeinander und verstärkten sich gegenseitig.

Für viele überzeugte Nationalsozialisten bedeutete die Niederlage Deutschlands nicht nur das Ende eines Krieges, sondern den vollständigen Zusammenbruch ihres Weltbildes. Über Jahre hinweg hatte die NS-Propaganda den Glauben an den endgültigen Sieg und an ein angeblich „tausendjähriges Reich“ vermittelt. Als sich herausstellte, dass dieses Reich nach nur zwölf Jahren in Trümmern lag, verloren manche Menschen jede Hoffnung und jede Orientierung.

Hinzu kam die Angst vor der Zukunft. Zahlreiche Parteifunktionäre, Angehörige von NS-Organisationen und Personen, die sich an Verbrechen beteiligt oder davon profitiert hatten, mussten damit rechnen, für ihr Handeln zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Furcht vor Bestrafung, gesellschaftlicher Ächtung oder persönlicher Rache spielte für viele Betroffene eine erhebliche Rolle.

Andere Menschen wiederum hatten zwar keine eigene Schuld auf sich geladen, sahen aber angesichts von Krieg, Flucht, Verlusten, Gewalt und der völligen Zerstörung ihrer bisherigen Lebenswelt keine Perspektive mehr. Der Zusammenbruch staatlicher Ordnung, die Unsicherheit über das Schicksal von Angehörigen und die Angst vor den Besatzungstruppen verstärkten die Verzweiflung zusätzlich.

Historiker sprechen deshalb von einer Mischung aus Angst, Scham, ideologischer Verblendung, persönlicher Schuld, traumatischen Kriegserfahrungen und existenzieller Hoffnungslosigkeit. In vielen Fällen dürfte erst das Zusammenwirken all dieser Faktoren zu den tragischen Entscheidungen geführt haben.

Kein Einzelfall – aber der größte

Demmin war nicht der einzige Ort, an dem sich Menschen in den letzten Kriegstagen das Leben nahmen.

Auch in anderen Städten kam es zu Selbstmordwellen. Doch nirgendwo sonst scheinen die Zahlen so hoch gewesen zu sein wie in Demmin.

Deshalb gilt die Stadt bis heute als Symbol für den psychologischen Zusammenbruch Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eine Tragödie, die fast vergessen wurde

Nach dem Krieg wurde über die Ereignisse lange kaum gesprochen.

In der DDR passte das Thema nicht in das offizielle Geschichtsbild. Die Rolle der Roten Armee durfte nicht kritisch hinterfragt werden.

Erst Jahrzehnte später begannen Historiker, Zeitzeugenberichte auszuwerten und die Geschehnisse systematisch zu erforschen.

Heute erinnert in Demmin eine Ausstellung an jene Tage.

Sie erzählt von Angst, Gewalt, Verzweiflung und menschlichen Entscheidungen unter extremen Bedingungen.

Vor allem aber erinnert sie daran, wie schnell eine Gesellschaft in einen Zustand geraten kann, in dem Menschen keinen Ausweg mehr sehen.

Die Geschichte von Demmin ist deshalb nicht nur ein Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Sie ist auch eine Geschichte darüber, was Angst, Propaganda, Krieg und Hoffnungslosigkeit mit Menschen machen können.

Bildquellen:

  • demmin_800x500: Peter Wilhelm

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(©si)