Ich kaufe ein N. Und das N ist sogar umsonst. Während man in der Spielshow Glücksrad1 nur Vokale kaufen konnte, bietet ein chinesischer Händler auf einem bekannten Portal auch den Konsonanten N an.
Besagtes N kannst Du als Variante des Produkts auswählen, so wie man eine bestimmte Farbe oder Größe auswählen kann. Und wenn Du das N mit in den Warenkorb legst, dann sendet Dir der chinesische Händler eine Uhr der chinesischen Phantasiemarke OMOS mit einem N davor.

Und dann wird aus der unbekannten Uhrenmarke OMOS auf einmal NOMOS.
NOMOS ist eine Uhrenmanufaktur in Glashütte.2
Das Unternehmen druckt seinen Namen mit dem Zusatz Glashütte und unten dem Vermerk Made in Germany auf die Zifferblätter seiner schönen Uhren.
Dabei wird das zentrale M in NOMOS immer etwas breiter dargestellt.
Ja, und genauso macht es der chinesische Uhrenhersteller auch.
Ich bin sehr überrascht, dass die von mir bestellte Uhr tatsächlich nicht mit OMOS, sondern mit NOMOS/Glashütte gekennzeichnet ist. Die Chinesen schämen sich nicht. Skrupellos missbrauchen sie hier den wertvollen Namen eines renommierten Unternehmens aus Deutschlands Uhrenhauptstadt Nummer Eins.
Leute, ich liebe Hommage-Uhren. Wer kann sich denn schon Uhren für 50.000 oder gar 170.000 Euro leisten? Schön, dass es manche können – gegönnt. Aber für die große Masse der Uhrenliebhaber bleiben doch nur Uhren, die die Formensprache teurerer Marken aufgreifen, und die ordentliche Armbanduhren zu erträglichen Preisen liefern.
Das wissen auch die Luxusmarken und gehen deshalb gegen Nachahmungen, die nicht ihren Namen tragen, auch nicht nachhaltig vor. Hommage-Uhren sind sozusagen die Coverversionen bekannter Uhren.
Aber, was die Chinesen hier machen, und was sie abseits der großen Handelsplattformen überall machen, das ist eine bodenlose Frechheit. Dreist und kackfrech bieten sie dem Kunden an, einfach noch das fehlende N gleich mitzubestellen, um aus der harmlosen OMOS-Uhr eine Fälschung namens NOMOS zu machen.
Das Unternehmen NOMOS und die Zürich Weltzeit
Nomos Glashütte
Nomos Glashütte ist eine deutsche Uhrenmanufaktur aus dem sächsischen Glashütte und gehört zu den bekanntesten modernen Herstellern mechanischer Armbanduhren. Das Unternehmen wurde 1990 von Roland Schwertner gegründet und verbindet klassisches Uhrmacherhandwerk mit einem klaren, minimalistischen Design.
Gefertigt werden sowohl Handaufzugs- als auch Automatikuhren. Besonders bemerkenswert ist der hohe Eigenfertigungsanteil: Bis zu 95 Prozent der Wertschöpfung erfolgen direkt in Glashütte und Umgebung. Damit erfüllt Nomos die strengen Voraussetzungen für die Bezeichnung „Glashütter Uhr“ deutlich.
Heute zählt Nomos zu den wichtigsten deutschen Uhrenmarken im Bereich moderner mechanischer Luxusuhren und ist international für seine sachlich-elegante Gestaltung bekannt.
Die Uhren von NOMOS gefallen mir ausgesprochen gut. Sie sind zurückhaltend, haben eine klare Linie und bestechen durch ein absolut sauberes Design. Sie kommen sehr nahe an meine Traumuhren von A. Lange & Söhne, die 1 und 31, heran. Besonders gut gefällt mir die NOMOS Zürich Weltzeit.3

Die Zürich Weltzeit ist eine komplexe Uhr, die die normale Zeit über Stundenzeiger und Minutenzeiger, sowie die Sekunde dezentral bei der 6 anzeigt. In einem umlaufenden Band unterhalb des Zifferblattes werden wichtige Weltstädte angezeigt und die offene 24-Stunden-Anzeige liegt bei der 3. Neben der Krone hat die Zürich noch einen Drücker für die Einstellung der Weltzeitfunktion.
Angetrieben wird das Ganze durch ein sehr hochwertiges Kaliber von Nomos, das aufwendig, aber nicht übertrieben, verziert ist.

Zum Uhrwerk schreibt NOMOS auf seiner Webseite:
Dieses Automatikkaliber ist ausgestattet mit Weltzeit- und 24-Stundenanzeige. Und mit hauseigenem Assortiment, dem NOMOS-Swing-System. In der Glashütter Manufaktur nach allen Regeln des traditionellen Uhrmacherhandwerks hergestellt, weist dieses Werk hochpräzise und verlässlich die Zeit, zuhause und in weiteren 23 Zeitzonen. NOMOS
Die NOMOS Zürich kostet je nach Ausführung ab knapp 3.400 Euro bis knapp über 5.000 Euro. Damit sind NOMOS-Uhren im mittleren Glashütter Preisgefüge einzuordnen, und gehören sicherlich zu den Uhren, die man sich – wenn auch mit Schmerzen und Sparen – durchaus leisten könnte. Um die 4.000 Euro ist ja eine andere Hausnummer, als 50.000+, die andere Glashütter Unternehmen aufrufen.
Die Fälschung OMOS mit N
Die echte Zürich Weltzeit misst in der Diagonale knapp 40 Millimeter, in der Höhe knapp elf Millimeter. Die Fälschung hat den gleichen Durchmesser bei einer Höhe von 12 mm.
Das Gehäuse ist dem Original nachempfunden, mehr aber auch nicht. Man greift hier keck die Formensprache aus Glashütte auf, kriegt es aber nicht hin, so ausdrucksstark zu sein.
Der zweite Drücker fehlt komplett, da es sich bei der (N)OMOS nicht um eine Weltzeituhr handelt. Statt der Weltstädte haben die Chinamänner die ausgeschriebenen Datumsangaben aufs Zifferblatt in der zweiten Ebene geschrieben. 1st, 2nd…, twelfth…, fifteenth usw.
Das müssen die so machen, weil das verbaute Kaliber mehr als Zeit- und Datumsanzeige einfach nicht hergibt. Zentrale Stunde und Minute, dezentrale Sekunde bei der 6. Schöne, gebläute Zeiger, die mir sehr gut gefallen, weil die Uhrzeit dadurch sehr gut ablesbar ist. Das Original hat facetierte Zeiger in Hochglanz. Da sind schon allein diese Zeiger ein Meisterstück und ein Hingucker.
Das Zifferblatt der (N)OMOS ist silbern mattiert und sieht sehr ordentlich aus. Auch unter der Uhrmacherlupe entdecke ich da keine großen Unsauberkeiten oder gar Fehler.
Sämtliche Indizes sind aufgedruckt.
Ich muss sagen: Das machen die Chinesen schon verdammt gut.
Die Krone ist, anders als beim Original, nicht mit einem Logo verziert. Sie ist aber sauber verarbeitet, rastet gut in den einzelnen Positionen ein. Aufgrund ihrer schmalen Bauform, die nahe am Gehäuse anliegt, ist das Aufziehen etwas mühsam.
Echter Minuspunkt: Das Glas ist nur Mineralglas und kein Saphirglas. Das gilt für das Schauglas, wie auch für den durchsichtigen Boden.
Egal, was Uhreninfluencer und angebliche Experten da im Internet sagen: Bei dieser Uhr findet man nichts, das auf billig oder schlampig hindeuten würde.
Es ist keine NOMOS aus Glashütte, aber für eine Fälschung sieht die Uhr wirklich sehr gut aus.
Ein dekoratives Skelettwerk mit barocker Anmutung
Ein Leckerli ist das Uhrwerk.
Das kann man mit dem Kaliber aus Glashütte in keinster Weise vergleichen. Aber immerhin haben sich die chinesischen Uhrmacher die Mühe gemacht, es aufwendig zu verzieren.

Bei dieser Verzierung handelt es sich nicht um einen klassischen Schliff, sondern um ornamentale Arabesken-Gravuren. Die geschwungenen Linien erinnern an historische Metallornamente und verleihen dem Uhrwerk einen fast barocken, kunsthandwerklichen Charakter. Solche Verzierungen kennt man sonst eher von edlen Jagdwaffen, Schmuck oder historischen Taschenuhren. Die feinen Schnörkel sollen zeigen: Hier geht es nicht nur um Technik, sondern auch um dekorative Uhrmacherkunst.

Unter der Uhrmacherlupe erkenne ich, dass diese Arabesken tatsächlich nicht alle identisch sind. Man sieht, wo der Gravierstichel angesetzt und abgehoben wurde. Ob sie nun einzeln von Hand gesetzt sind, wage ich in dieser Preisklasse zu bezweifeln. Ob nun direkt von Hand oder handgeführt mit einem Kopiergravierer, das lasse ich dahingestellt.
Jedenfalls macht es Spaß, die einzelnen schön verzierten Teile des Uhrwerks, bis hin zum offenen Federhaus, in Aktion zu sehen. So ein schön bearbeitetes Uhrwerk habe ich in dieser Preisklasse auf gar keinen Fall erwartet.
Es ist und bleibt natürlich ein einfaches Automatikuhrwerk, weitab von dem exklusiven Kaliber, das tatsächlich in Glashütte verwendet wird. In 24 Stunden weicht es derzeit 2 sek+ ab.
Das hier gezeigte Uhrwerk ist ein sogenanntes skelettiertes Automatikwerk. Dabei wurden große Teile der Werkplatinen und Brücken ausgeschnitten, damit man möglichst tief in die Mechanik hineinschauen kann. Zahnräder, Schrauben, Lagersteine und die arbeitende Unruh werden dadurch sichtbar und machen das Uhrwerk selbst zum eigentlichen Schmuckstück.

Auffällig ist die ausgesprochen verspielte Gestaltung. Die Brücken sind mit zahlreichen Arabesken- und Scrollwork-Gravuren versehen – geschwungene Ornamentformen, wie man sie sonst eher von historischen Taschenuhren, Jagdwaffen oder klassischer Metallgravur kennt. Dadurch erhält das Werk fast einen leicht barocken Charakter.
Die Oberflächen zeigen zusätzlich einen feinen linearen Schliff beziehungsweise eine satinierte Bürstung. Dieser technische Grundschliff bildet einen interessanten Kontrast zu den organischen Schnörkeln der Gravuren.
Besonders schön wirkt der offene Aufbau bei wechselndem Lichteinfall. Durch die Aussparungen entstehen ständig neue Reflexionen zwischen polierten Kanten, gebläuten Schrauben und den goldfarbenen Zahnrädern. Gerade bei bewegtem Rotor verändert sich das Erscheinungsbild permanent.
Der halbkreisförmige Rotor übernimmt den automatischen Aufzug der Uhr. Durch die offene Gestaltung bleibt trotzdem ein großer Teil des Räderwerks sichtbar. Das ist typisch für moderne Skeleton-Konstruktionen: Die Technik soll nicht verborgen, sondern bewusst präsentiert werden.
Interessant ist außerdem, dass die Gravuren trotz maschineller Fertigung nicht völlig identisch wirken. Unter der Lupe erkennt man kleine Unterschiede in Tiefe, Schwung und Ausführung. Das spricht dafür, dass hier zumindest teilweise handgeführte Nachbearbeitung oder manuelles Finishing eingesetzt wurde. Für eine Uhr dieser Preisklasse ist das bemerkenswert aufwendig.
Solche Werke sind weniger auf höchste uhrmacherische Perfektion im Sinne einer Schweizer Haute Horlogerie ausgelegt. Ihr Reiz liegt vielmehr in der sichtbaren Mechanik, der dekorativen Gestaltung und dem faszinierenden Zusammenspiel aus Technik und Ornamentik. Genau deshalb erfreuen sich skelettierte Werke besonders bei Liebhabern mechanischer Uhren großer Beliebtheit.
Auffällig sind außerdem die vergleichsweise kurzen, geschwungenen Brücken des Uhrwerks. Während viele einfache Skelettwerke eher große, grob ausgeschnittene Träger verwenden, arbeitet dieses Werk mit mehreren kleinen und elegant geformten Brückenelementen. Dadurch wirkt die Konstruktion filigraner und deutlich aufwendiger.
Bemerkenswert ist auch, dass sich die Ornamentgravuren nicht nur auf den sofort sichtbaren Oberflächen befinden. Selbst tiefer im Werk liegende Bauteile und verdecktere Bereiche tragen noch dekorative Schnörkel und Verzierungen. Das zeigt, dass man sich bei der Gestaltung nicht nur auf die „Schauseiten“ beschränkt hat, sondern dem gesamten Werk eine einheitliche dekorative Anmutung verleihen wollte.
Das Armband
Das Armband ist aus etwas steifem, aber sehr ordentlichem Leder. Die Nähte sind extrem sauber verarbeitet und die Beschriftung der längeren Seite lautet „Shell Cordovan handmade“. Demnach soll es aus Pferdeleder bestehen. Ob das so ist? Ich glaube den Chinesen gar nichts mehr. Auf der kurzen Armbandseite haben sie auf jeden Fall frech NOMOS Glashütte eingeprägt. Nomos steht auch auf der stabilen Dornschließe.
Die Löcher des Armbands sind sauber ausgestochen und die Kanten sind schwarz abpoliert. Dadurch wirkt das Armband wie aus einem Guss und sieht edler aus, als man es von anderen Uhren kennt.
Den Rest wird die Zeit offenbaren. Gute Armbänder werden im Laufe der Zeit schöner, billige Armbänder altern einfach nur.
Was gibt es sonst noch zu sagen?
Die Uhr wiegt 64 Gramm und soll laut Gravur am Rand des Bodens bis 3 ATM wasserdicht sein. Mehr als leichten Regen würde ich ihr aber nicht zumuten.
Geliefert wird das gute Stück in einer popeligen Pappschachtel mit etwas ausgeschnittenem Schaumstoff. Sonst ist nichts dabei.
Mein Fazit? Ich bin hin- und hergerissen.
Auf der einen Seite finde ich es unerträglich, mit welcher Dreistigkeit hier ein renommierter deutscher Hersteller kopiert wird. Das ist keine harmlose Hommage mehr. Wer den fehlenden Buchstaben gleich mitbestellen kann, damit aus OMOS eine NOMOS wird, der bewegt sich ganz bewusst im Bereich der Produktfälschung. Und das schadet am Ende genau den Firmen, die mit viel Aufwand, Können und echter Uhrmacherkunst hochwertige Produkte entwickeln.
Auf der anderen Seite muss ich leider anerkennen: Die Chinesen können inzwischen Uhren bauen. Und zwar nicht nur billige Wegwerfware, sondern durchaus ordentlich verarbeitete mechanische Uhren mit erstaunlich liebevollen Details. Gerade das dekorierte Uhrwerk dieser Uhr hat mich ehrlich überrascht. Vor zehn oder fünfzehn Jahren hätte man in dieser Preisklasse klappernde Blechtechnik mit grobem Schliff bekommen. Heute erhält man ein sauber laufendes Automatikwerk mit Skelettierung, Ornamentgravuren und erstaunlich hübscher Gesamtwirkung.
Das macht die Sache so schwierig. Denn die Uhr ist objektiv betrachtet gar nicht schlecht. Im Gegenteil: Für ihren Preis ist sie sogar verblüffend gut gemacht. Aber sie bleibt eben trotzdem eine Fälschung. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen einer ehrlichen Hommage und einer dreisten Kopie.
Eine Hommage sagt: „Wir finden dieses Design schön und interpretieren es auf unsere Weise.“ Eine Fälschung dagegen versucht, den Käufer glauben zu machen, er halte etwas anderes in der Hand, als es tatsächlich ist.
Ich persönlich hätte die Uhr vermutlich sogar sympathisch gefunden, wenn die Chinesen einfach OMOS aufs Blatt geschrieben und die Gestaltung nur lose an die Zürich Weltzeit angelehnt hätten. Dann wäre das eine charmante kleine Hommage gewesen. Aber dieses zusätzliche, kostenlos mitbestellbare N zeigt leider ziemlich deutlich, worum es hier wirklich geht.
Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie ich immer wieder durch den Glasboden auf dieses absurd verschnörkelte Uhrwerk schaue.
Bildquellen:
- nomos01_800x500: Peter Wilhelm
- innerw: Peter Wilhelm
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