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Uhren aus China: Was kann ich erwarten?

Temufail 800x500

Wenn Du Dich im Internet auf die Jagd nach extrem billigen Hommage-Uhren machst, wirst Du früher oder später auf Angebote stoßen, die zu schön wirken, um wahr zu sein – und meistens sind sie auch genau das.

Ja, okay. Alles gut und schön, was Du hier in den letzten Monaten über Hommageuhren geschrieben hast.
Aber ich habe zur Hochzeit von meinen Bestmen eine Tudor Submariner geschenkt bekommen.
Langsam will ich mir eine kleine Sammlung aufbauen. Deine Tipps zu den Hommageuhren habe ich gelesen. Nun habe ich es gewagt und bei TEMU eine Role)( Hommage für 21 Euro gekauft.
Was habe ich bekommen? Deinem Rat folgend, habe ich darauf geachtet, dass sie ein automatisches Aufziehwerk hat.
Das Armband ist dünn und rappelig. Die Schließe ist nur aus dickem Blech gestanzt. Die einzelnen Glieder sind scharfkantig und kneifen.
Die Uhr selbst hat kaum polierte Konturen, einfach alles nur glänzend. Ich bezweifle, dass es wirklich Edelstahl ist. In der Beschreibung heißt es Alloy.
Das angebliche Saphirglas ist nur bei direkter Draufsicht klar, etwas von der Seite wirkt es trübe.
Die Krone lässt sich nur ruckelig und schwer herausziehen. Das Uhrwerk geht pro Tag 5 Minuten vor.
Das ist doch das Geld nicht wert! Ralf

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Lieber Ralf, ich will es gleich ganz deutlich sagen: Nein, da hast Du nicht nur Pech gehabt. Du hast vor allem zu viel erwartet.

Und zwar sehr viel zu viel.

Für 21 Euro darfst Du gar nichts erwarten

Das klingt hart, ist aber die Wahrheit.

Für 21 Euro bekommst Du keine anständige, wertige, sauber verarbeitete mechanische Armbanduhr. Punkt. Für 21 Euro bekommst Du bestenfalls etwas, das wie eine Uhr aussieht und halbwegs funktioniert. Mehr nicht.

Wer in dieser Preisklasse ernsthaft erwartet, eine solide Rolex-Hommage mit brauchbarem Automatikwerk, vernünftigem Armband, sauberer Schließe, ordentlicher Krone und gar noch echtem Saphirglas zu bekommen, erwartet im Grunde ein Wunder. Und Wunder werden bei TEMU nicht verschickt.

Schon das Werk ist für 21 Euro eigentlich ein Witz

Allein dieser Punkt müsste jeden stutzig machen.

Ein mechanisches Uhrwerk ist keine Kleinigkeit. Auch ein einfaches Werk besteht aus einer Vielzahl feinster Bauteile: Zahnräder, Lager, Wellen, Federhaus, Unruh, Spirale, Aufzugskomponenten, Zeigerwerk, Datumsmechanik, falls vorhanden. Das alles muss gefertigt, zusammengesetzt, geölt und irgendwie zum Laufen gebracht werden.

Schon der vernünftige Einbau eines Uhrwerks in ein Gehäuse kostet, nüchtern betrachtet, fast das Geld, das Du für die komplette Uhr bezahlt hast. Wenn also eine komplette Automatikuhr für 21 Euro angeboten wird, dann muss jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar sein: Irgendwo wird nicht nur gespart. Es wird brutal gespart. An allem.

Lieber Quarz als schlechter Automat

Wenn man schon nur sehr wenig Geld ausgeben will, dann sollte man sich den Wunsch nach einem mechanischen Uhrwerk in dieser Preisklasse wirklich von der Backe putzen.

Dann ist ein Quarzwerk fast immer die bessere Wahl.

Ein einfaches Quarzkaliber kann für kleines Geld deutlich zuverlässiger laufen als ein billiges mechanisches Werk aus dem untersten Regal. Es braucht weniger Platz, weniger Justage, weniger Sorgfalt, weniger Qualitätskontrolle und liefert trotzdem meist bessere Ergebnisse im Alltag.

Auch, wenn ich selbst mein Augenmerk im Alter jetzt ausschließlich auf Automatikuhrwerke lege, muss ich sagen: Für 21 Euro ist ein ehrliches Quarzwerk deutlich glaubwürdiger als ein angebliches Automatikwunder.

Die Realität in der Billigproduktion

Jetzt kommt ein Punkt, den viele nicht verstehen: Natürlich können die Chinesen Uhren bauen. Und zwar inzwischen erstaunlich gute. Ich habe oft genug darüber geschrieben, wie ordentlich manche Hommage-Uhren aus China heute verarbeitet sind. Aber das gilt eben nicht für das absolute Billigsegment.

In den riesigen chinesischen Uhrenfabriken fallen selbstverständlich auch Uhrwerke durchs Raster. Werke, die zu ungenau laufen, die sich nicht sauber regulieren lassen, bei denen irgendetwas nicht hundertprozentig passt. Und jetzt stelle man sich die wirtschaftliche Frage: Was macht man mit solchen Werken? Nachregulieren? Zerlegen? Aufarbeiten? Neu prüfen? Noch einmal fein einstellen?

Das wäre viel zu aufwendig.

Also werden solche Werke oft zu Schleuderpreisen an Hersteller verkauft, die genau im untersten Billigsegment arbeiten. Dort zählt nicht Präzision, sondern nur eines: Es muss irgendwie ticken. Wenn es dann am Handgelenk drei Tage, drei Wochen oder drei Monate läuft, ist das aus Sicht dieser Anbieter oft schon vollkommen ausreichend.

Die wichtigsten Automatik-Uhrwerke in Hommage-Uhren – ein Überblick

Wer sich mit Hommageuhren beschäftigt, stolpert früher oder später über bestimmte Kalibernamen, die immer wieder auftauchen.

Und das ist kein Zufall. Die meisten Hersteller – vor allem im günstigen bis mittleren Segment – greifen auf bewährte Standardwerke zurück, die millionenfach produziert werden.

Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Automatikkaliber, die Du heute in Hommage-Uhren findest – vom absoluten Einstiegswerk bis zur gehobenen Klasse.

Einstiegsklasse (unter ca. 150 Euro)

Miyota 8215

  • Herkunft: Japan (Citizen)
  • Frequenz: 21.600 Halbschwingungen/Stunde
  • Ganggenauigkeit: ca. -20 bis +40 Sekunden/Tag
  • Gangreserve: ca. 40 Stunden

Der Klassiker im Billigsegment. Robust, bewährt, millionenfach im Einsatz. Aber: Ältere Versionen ohne Sekundenstopp und Handaufzug. Der Rotor ist oft hörbar und „rappelig“.
Fazit: Funktioniert – aber fühlt sich auch genau so an.

DG2813 (China)

  • Herkunft: China
  • Frequenz: 21.600 A/h
  • Ganggenauigkeit: stark schwankend

Das absolute Billigwerk. Hier gilt: Kann laufen – muss aber nicht gut laufen.

Fazit: Nur für sehr günstige Uhren sinnvoll.

Mittelklasse (ca. 150–400 Euro)

Seiko NH35 / NH36

  • Herkunft: Japan
  • Frequenz: 21.600 A/h
  • Ganggenauigkeit: ca. -20 bis +40 Sekunden/Tag (oft besser)
  • Gangreserve: ca. 41 Stunden
  • Features: Sekundenstopp + Handaufzug

Das mit Abstand wichtigste Werk im Hommage-Bereich.

Extrem zuverlässig, leicht zu warten und weltweit verfügbar.1

Fazit: Der VW Golf unter den Uhrwerken – unspektakulär, aber immer eine gute Wahl.

Miyota 9015

  • Herkunft: Japan
  • Frequenz: 28.800 A/h (High Beat)
  • Ganggenauigkeit: ca. -10 bis +30 Sekunden/Tag
  • Gangreserve: ca. 42 Stunden

Deutlich moderner als das 8215. Höhere Frequenz, flacher Bau, sauberer Sekundenlauf.2

Fazit: Für viele die beste Alternative zum NH35.

Seagull ST16 / ST25

  • Herkunft: China
  • Frequenz: meist 21.600 A/h

Chinesische Mittelklassewerke. Solide, aber stark abhängig von Verarbeitung und Qualitätskontrolle.

Fazit: Gut möglich – aber nicht immer konstant.

Gehobene Mittelklasse (ca. 300–600 Euro)

Hangzhou PT5000

  • Herkunft: China
  • Basis: ETA 2824-2 Klon
  • Frequenz: 28.800 A/h
  • Ganggenauigkeit: ca. -10 bis +30 Sekunden/Tag

Ein sehr spannendes Werk. Technisch stark am ETA 2824 orientiert und oft deutlich genauer als NH35.

Fazit: Preis-Leistungs-Kracher – mit leichtem „China-Stigma“.

Seagull ST19 (Chronograph)

  • Herkunft: China
  • Typ: mechanischer Chronograph
  • Frequenz: 21.600 A/h

Das berühmte Chronographenwerk aus der Seagull 1963. Schaltradsteuerung – eigentlich Luxusklasse.

Fazit: Unglaublich viel Technik fürs Geld.

Oberklasse (ab ca. 400–800 Euro und mehr)

ETA 2824-2

  • Herkunft: Schweiz
  • Frequenz: 28.800 A/h
  • Ganggenauigkeit: je nach Ausführung bis Chronometer-Niveau

Das legendäre Schweizer Standardwerk. In verschiedenen Qualitätsstufen erhältlich – von Standard bis Chronometer.3

Fazit: Der Maßstab für zuverlässige Automatikwerke.

Sellita SW200

  • Herkunft: Schweiz
  • Basis: ETA 2824-Klon
  • Frequenz: 28.800 A/h

Heute in vielen Microbrands Standard, da ETA eingeschränkt liefert. Technisch nahezu identisch mit ETA.

Fazit: ETA ohne ETA-Schriftzug.

Fazit

Die Welt der Hommageuhren wird von erstaunlich wenigen Uhrwerken dominiert.

Im Grunde gilt:

  • NH35 = solide Basis
  • Miyota 9015 = moderner Allrounder
  • PT5000 = günstiger Präzisionsanspruch
  • ETA/Sellita = gehobene Klasse

Alles darunter ist Kompromiss. Alles darüber ist Liebhaberei.

Oder anders gesagt: Nicht das Logo auf dem Zifferblatt entscheidet über die Qualität einer Uhr – sondern das, was darunter tickt.

Warum Reklamationen einkalkuliert sind

Und natürlich wissen die Anbieter ganz genau, was sie tun. Sie gehen völlig zurecht davon aus, dass für 21 Euro die allermeisten Käufer sich die Tortur des Reklamierens, Rücksendens, Diskutierens und Belegeschreibens sparen werden. Viele schimpfen kurz, legen die Uhr in eine Schublade, verbuchen es als Lehrgeld und machen weiter.

Genau darauf ist dieses Geschäftsmodell aufgebaut.

Nicht auf Kundenzufriedenheit im klassischen Sinn. Sondern auf Masse, Impulskäufe und die Hoffnung, dass wegen solcher Kleckerbeträge kaum jemand ernsthaft auf die Barrikaden geht.

Und man muss es ganz offen sagen: Viele „Uhrenmarken“ und vor allem Uhrenshops auf den asiatischen Plattformen leben genau von diesem Geschäftsmodell. Sie schleudern massenhaft Schrottprodukte auf den Markt und verschwinden dann sang- und klanglos.

Rechne doch einmal die Materialien zusammen

Es hilft, sich das einmal ganz schlicht vor Augen zu führen.

Eine solche Uhr besteht nicht aus einem einzigen Stück Blech. Schon das Armband kann aus 20 oder 30 Einzelteilen bestehen. Diese Teile müssen gefertigt, gestanzt, gebogen, verbunden und montiert werden.

Dann kommt die Schließe hinzu. Dann das Gehäuse. Dann der Gehäuseboden. Dann das Glas. Dann Krone, Tubus, Dichtungen, Zeiger, Werkhalter, Federstege, Verpackung, möglicherweise noch ein Tuch, ein Faltblatt, ein Karton.

Und das Uhrwerk selbst ist dabei noch gar nicht eingerechnet.

Nun muss das Ganze auch noch zusammengebaut werden.

Das Zusammensetzen einer Uhr umfasst schnell zehn bis zwanzig Arbeitsschritte, eher mehr. Werk einsetzen, Werk fixieren, Zifferblatt montieren, Zeiger setzen, Krone einpassen, Gehäuse schließen, Armband anbauen, Sichtprüfung, Verpackung.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass Arbeitskraft, Energie, Mieten und allgemeine Produktionskosten in China teilweise deutlich niedriger sind als bei uns, bleibt es doch ein Rechenexempel, das nicht aufgeht. Eine anständige, verlässliche Uhr aus hochwertigen Komponenten lässt sich für 21 Euro praktisch nicht seriös herstellen.

Das angebliche Saphirglas und das „Alloy“-Gehäuse

Schon Deine Beschreibung zeigt sehr schön, wo es hakt.

Ein Glas, das bei direkter Draufsicht klar wirkt und schräg milchig oder trübe erscheint, ist sehr oft eben kein hochwertiges Saphirglas, sondern irgendein billigeres Material oder bestenfalls ein schwacher Versuch, ein hochwertiges Glas zu simulieren.

Und auch hier gilt, was für die Uhrwerke oben schon gesagt wurde. Saphirglas ist, anders als der Name vorgaukelt, gar kein Glas, sondern – um es vereinfacht zu sagen – ein technisch gezüchtetes Material, dessen Herstellung nicht ganz einfach ist. Bei der Herstellung von Rollen, Stäben und Platten dieses Materials, aus dem dann u.a. Uhrengläser geschnitten werden, entstehen auch massenhaft leicht eingetrübte, verfärbte und mit Schlieren behaftete Gläser. Und nun die Frage: Was machen die Saphirglashersteller in China damit? Richtig! Sie verkaufen diesen Ausschuss an die Hersteller von absoluten Billiguhren.

Und wenn in der Beschreibung „Alloy“ steht, dann sollte ebenfalls jeder Alarmglocken hören.

Alloy heißt erst einmal nur Legierung. Das kann vieles sein. Es klingt technisch. Es klingt metallisch. Es sagt aber nichts darüber aus, dass es sich um einen wirklich hochwertigen Edelstahl handelt.

Oft heißt das im Klartext einfach: Irgendein günstiges Metallgemisch, das sich formen und verchromen oder beschichten lässt.

Das Armband ist oft das erste Opfer des Sparzwangs

Dass das Armband rappelig ist, die Schließe nur aus dickem Blech gestanzt wirkt und die Glieder kneifen, überrascht mich überhaupt nicht. Gerade das Armband verrät bei Billiguhren fast immer sofort die wahre Klasse. Ein ordentliches Armband kostet in der Herstellung Geld. Es muss sauber entgratet, vernünftig verbunden, ordentlich geschlossen und angenehm tragbar sein. Genau dort sparen Billiganbieter mit Vorliebe, weil viele Käufer beim ersten Blick vor allem auf das Zifferblatt und das Gehäuse achten.

Am Handgelenk zeigt sich dann die Wahrheit.

Die magische Grenze liegt deutlich höher

Ich sage es ganz offen: Wer für eine Hommage-Uhr nur 21 Euro ausgeben will, darf sich hinterher nicht wundern, wenn er Ramsch bekommt.

Schon im Bereich von 80 bis 150 Euro kann man, wenn man aufpasst, sehr ordentliche Hommage-Uhren finden. Und zwischen 150 und 300 Euro wird es bei guten Marken wie San Martin, Pagani Design in bestimmten Modellen und einigen anderen Herstellern teilweise richtig interessant.

Aber 21 Euro? Das ist nicht „günstig“. Das ist das Niveau von Karnevalsschmuck mit Zeitanzeige.

Was die Uhr trotzdem kann

Jetzt will ich nicht ganz ungerecht sein.

Auch so eine 21-Euro-Uhr kann ihren Sinn haben. Sie kann Spaß machen, sie kann neugierig machen, sie kann ein Spielzeug für den Uhrensammler sein. Vielleicht trägt man sie im Garten, beim Basteln, beim Streichen oder als Experiment.

Ich habe hier im Dreibeinblog.de auch schon über meine Nautilus-Hommage berichtet. Sie hat übrigens exakt das Gleiche, nämlich 21 Euro gekostet. Damit habe ich in meinem Sammelkasten nun eine Nautilus, der Vollständigkeit halber. Die Uhr sieht schön aus, erinnert recht ordentlich an das Original, hat aber überhaupt nicht den Anspruch, auch nur im Geringsten eine hochwertige Uhr zu sein. Es ist einfach nur eine Uhr, die halbwegs einem berühmten Original ähnelt.

Täglich tragen würde ich diese Uhr nicht. Das Armband und die Federstege würden sich nicht bewähren, vermute ich. Die Uhr läuft auch halbwegs genau. Aber ich erwarte auch nicht mehr davon, als dass sie überhaupt läuft. Sie ist als Schmuckstück zum Anzug oder zum Vorzeigen in der Uhrenbox super geeignet. Mehr nicht.

So musst Du Deine 21-Euro-Uhr eben auch sehen, nämlich als das, was sie ist:

Keine echte Alternative zu einer ordentlichen Uhr, sondern ein sehr billiger Versuch, wie eine Uhr auszusehen.

Fazit

Du bist nicht hereingelegt worden, weil diese Uhr schlecht ist. Du bist nur mit völlig falschen Erwartungen an eine 21-Euro-Uhr herangegangen.

Für dieses Geld darfst Du kein gutes Armband erwarten, keine brauchbare Schließe, kein präzises Werk, keine fein gearbeiteten Konturen, kein hochwertiges Gehäusematerial und schon gar keinen luxuriösen Gesamteindruck.

Wenn man so wenig Geld ausgeben will, sollte man bei Quarz bleiben und die Sache sportlich sehen. Wer hingegen eine wirklich brauchbare Hommage-Uhr möchte, muss schlicht mehr investieren.

Oder anders gesagt: Für 21 Euro bekommt man vielleicht eine Uhr-Attrappe mit Taktgefühl. Eine anständige Armbanduhr bekommt man dafür nicht.

Bildquellen:

  • temufail_800x500: Peter Wilhelm ki

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