Notiz für mich selbst

Luftaustausch für Fortgeschrittene

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Gestern komme ich in mein Studiobüro hoch und bemerke, dass dort schlechte Luft ist. Doch, was ist denn eigentlich schlechte Luft? Enthält sie etwa weniger Sauerstoff? Droht mir die Gefahr, zu Ersticken?

Als schlechte Luft bezeichnen wir Luft in einem geschlossenen Raum, die uns sensorisch auffällig erscheint. Wir riechen und schmecken auch ein bißchen, dass die Luft etwas unangenehm ist.
Um schlechte Luft durch etwas Besseres zu ersetzen, müssen wir lüften.
Dazu bedienen wir uns, durch jahrzehntelanges Brainwashing geschult, der urdeutschen Methode des Stoßlüftens. Das heißt, man reißt ein Fenster sperrangelweit auf, damit von draußen neue, andere Luft in den Raum strömen kann.

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Wer es genau wissen will: Für den Luftaustausch gilt, dass der grundlegende Effekt sich physikalisch über Dichteunterschiede beschreiben lässt: ρ = p / (R · T)

Mit steigender Temperatur T sinkt bei gleichem Druck (p) die Luftdichte ρ. Deshalb steigt warme Luft nach oben und kalte sinkt ab.
(Bedeutung der Formel: ρ = Luftdichte, p = Druck, R = Gaskonstante, T = Temperatur)

Man könnte natürlich auch einfach eines der Fenster kippen und so für einen längeren Luftaustausch sorgen. Aber das ist verpönt. Ich mache es trotzdem. Wofür haben wir schließlich Dreh-Kippfenster?
Es heißt, durch Stoßlüften würde man vor allem im Winter einen schnellen Austausch der Raumluft bewirken, ohne dass Wände und Mobiliar auskühlen.

Bemerkenswert ist außerdem, mit welcher Leidenschaft Menschen ihre persönliche Lüftungstechnik verteidigen. Der eine schwört auf Stoßlüften im Drei-Minuten-Takt, der nächste auf dauerhaft gekippte Fenster, wieder andere laufen wie U-Boot-Offiziere durch die Wohnung und kontrollieren hygrometergestützt die Luftfeuchtigkeit.

Kaum öffnet jemand ein Fenster auf die „falsche“ Weise, tritt sofort irgendwo ein selbsternannter Raumklima-Beauftragter auf den Plan. „Nicht kippen!“, heißt es dann streng, als hätte man gerade versucht, Uranstäbe im Wohnzimmer zu lagern.

Das Thema Lüften gehört damit zu den letzten großen deutschen Glaubensfragen. Andere Nationen diskutieren über Politik, Religion oder Fußball. Der Deutsche hingegen steht bibbernd im Durchzug und sagt mit todernster Miene: „Die schlechte Luft muss raus.“

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Entscheidend für meine Betrachtungen ist aber, was statt der schlechten Luft nun ins Zimmer kommt.
Frische Luft ist es nicht. Denn frische Luft gibt es, so wie wir diesen Begriff verwenden, nur draußen. „Geh‘ mal an die frische Luft!“, fordert einen ja nicht dazu auf, in ein frisch gelüftetes Zimmer, sondern gefälligst nach draußen zu gehen.
Gute Luft ist es auch nicht. Denn gute Luft gibt es nur dort, wo Kühe hingeschissen haben, bzw. wo Bauern ihre Felder mit stinkender Gülle besprüht haben. „Boah, riechst Du die gute Luft, das ist Landluft!“

Wenn meine Eltern mit mir damals ins nahegelegene Holland gefahren sind, wurden sogar die Autofenster runtergekurbelt, um den Kuhgestank ins Auto zu lassen. Dieser Jaucheduft sei ja so gesund, wurde behauptet. Kurz darauf steckten sich Mutter und Vater wieder eine Ernte23 in den Mund und pafften den VW-Käfer voll.

Was also kommt ins Zimmer, wenn man als Gegenmaßnahme gegen schlechte Luft das Fenster aufreißt? Frische Luft existiert definitiv nur draußen, sie wird nicht mehr als solche bezeichnet, wenn sie drinnen ist. Und gute Luft stinkt ja, wie wir jetzt wissen, nach Kuh oder Schwein. Die ist es mithin auch nicht.

Und so bleibt als wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis eigentlich nur noch eines übrig:
Wenn wir lüften, ersetzen wir schlechte Luft offenbar weder durch frische noch durch gute Luft, sondern lediglich durch andere Luft. Luft, die draußen war und deshalb gesellschaftlich höher angesehen ist.

Vielleicht besteht der eigentliche Sinn des Stoßlüftens auch gar nicht im Luftaustausch, sondern in einem kurzen Moment deutscher Selbstvergewisserung: Fenster aufreißen, energisch frieren, dabei etwas von „Durchzug“ murmeln und anschließend überzeugt feststellen: „So! Jetzt ist es wieder besser.“

Physikalisch betrachtet strömen dabei Milliarden Moleküle chaotisch durcheinander. Kulturell betrachtet handelt es sich hingegen um ein jahrhundertealtes Reinigungsritual mit Dreh-Kipp-Technologie.

Und vermutlich sitzt irgendwo seit Jahrzehnten ein einzelnes Luftmolekül aus Holland in einem Altbauwohnzimmer fest und riecht noch ganz leicht nach Kuh, Ernte 23 und VW Käfer.

Bildquellen:

  • lufti_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)