Gestern musste im Fernsehen jemand Lebertran probieren. Da fragte ich mich spontan, was Lebertran eigentlich genau ist. Es ist, anders als ich im ersten Moment glaubte, nicht vom Wal, sondern wird aus Fischleber gewonnen.
Und ich habe mich gefragt, ob ich als Kind auch Lebertran einnehmen musste. Von Lebertran, das weiß ich genau, war jedenfalls bei uns daheim nie die Rede.
Aber dann fiel mir ein, dass mindestens bis zu meinem 12. Lebensjahr der tägliche Löffel TETRAVITOL zur morgendlichen Routine gehörte.
Ja, und TETRAVITOL war damals eine sirupartige Flüssigkeit aus Malz und Orangenextrakten, die aber nur die Basis für Heilbutt-Lebertran sowie den Vitaminen A,B,C und D.
Also hat man auch mich als Kind mit Lebertran gefüttert. Nur kann ich über den kittartigen und als eklig empfundenen Geschmack reinen Lebertrans nichts sagen, denn anders als der pure Tran schmeckte TETRAVITOL süß nach Apfelsine.
Warum machte man das? Ich bin Ende der 1950er-Jahre geboren worden und das auch noch im Ruhrgebiet. Dort gab es noch viel Industrie und Bergbau. Hausfrauen beklagten, dass draußen aufgehängte Wäsche binnen einer Stunde von Ruß geschwärzt werden konnte, wenn der Wind schlecht stand. Insgesamt war die Luftqualität nicht die beste.
Damit Kinder unter diesen Lebensumständen nicht per se krank wurden, schickte man sie beispielsweise zur Luftveränderung in die Sommerfrische an die Nordsee oder in die Berge. Außerdem hielt man Sonnenlicht für unglaublich heilsam. Und damit die Kinder nicht die englische Krankheit (Rachitis) bekamen, schaufelte man ihnen das dagegen wirksame Lebertrangesöff in den Hals.
Geworben wurde unter anderem mit der Hoffnung auf bessere Schulnoten, stärkerer Widerstandskraft gegen Erkältungen und anderen Ansteckungen.
3,40 DM kostete eine normale Flasche Tetravitol, eine für die damalige Zeit ordentliche Summe. Der Wochenendeinkauf beim Metzger kostete 8 DM.
Der Hersteller empfahl, den Kindern dreimal täglich einen Löffel voll einzuflößen. Ich bekam immer nur einen am Morgen. Ganz sicher, damit die Flasche länger hielt.
Übrigens: Es gab auch noch ein paar Konkurrenzprodukte, das bekannteste dürfte wohl Sanostol sein.
Gut zu wissen, dass diese Säfte nicht aus Walen, sondern aus Fischen gewonnen wurden, die sowieso gefangen und gegessen wurden.
Für mich hat also mutmaßlich noch kein Wal sterben müssen.
In dem Zusammenhang fällt mir ein, dass es noch eine Maßnahme gab, die die Gesundheit fördern sollte. Und zwar wurde uns im Kindergarten jeden Morgen eine grausam trockene Kalktablette verabreicht, die man zerkauen musste, was die Tablette im Mund zu einer Art Moltofill werden ließ.
Hiervon versprach man sich eine Stärkung des Knochenbaus und der Zähne.
Ein Freund erzählt mir gerade, das seien seiner Meinung nach Zymaflour-Tabletten gewesen, die auch Vitamin D und Flour enthalten haben sollen.
Ach so, und viele Mädchen bekamen im Kindergarten noch jeden Tag auf einem Esslöffel einen Streifen einer apfelsinigen Paste, die wohl Mulgatol geheißen haben soll.
Wenn man sich das mal überlegt, was einem da als Kind einfach so verabreicht wurde.
Moderne Eltern würden sicher auf die Barrikaden gehen, wenn ihren Kindern von den Erziehern einfach Medizin oder Nahrungsergänzungsmittel verabreicht würden.

















