Notiz für mich selbst

Eisgeschichten

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Eis ist meine Lieblingsspeise. Also jetzt nicht so zum Sattessen, aber als Leckerei ist mir Eis am liebsten.

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Meine drei Eisgeschichten

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Ich erinnere mich noch ganz genau an diese Situation, obwohl ich erst zwei Jahre alt war. Ich habe genau visuelle Erinnerungen daran.
Als ich ein kleines Kind war, galten noch andere Sachen als gesund oder krankmachend, als es heute der Fall ist. So viele Krankmacher wie heute gab es indes noch nicht, aber man glaubte an allerlei Gesundheitsförderer.
Ganz vorne mit dabei: Luft und Sonne!
Wer nicht täglich jede Menge frische Luft abbekam, musste nach Ansicht der Mütter binnen kürzester Zeit sterben. Wobei ich bis heute nicht verstanden habe, wodurch sich die Luft in meinem Kinderzimmer von der Außenluft des Ruhrgebiets der 1960er-Jahre unterschieden haben soll.
Und der Sonne wurden wahrhafte Wunderwirkungen zugeschrieben. Das ging so weit, dass sich Menschen künstliche Sonnen als elektrisches Gerät in die Wohnung holten und sich davorsetzten, um wenigstens etwas Sonnenlicht abzubekommen. Diese Geräte hießen „Höhensonne“.
Leute, die im Gebirge Urlaub machten, schworen auf die gesundheitsfördernde Wirkung der dort stärkeren UV-Strahlung. Und genau die konnte man sich mit der Höhensonne auch ins Wohnzimmer holen. Die heizlüftergroßen Geräte hatten eine Quarzlampe, die so starke UV-Strahlen aussandten, dass die Zimmerluft begann, sich in ihre Bestandtteile zu zerlegen, was man am starken Ozongeruch feststellen konnte.
Wer auch nur im Geringsten Anzeichen von Schwäche, Blassheit oder Erkältung zeigte, wurde unbarmherzig vor den Heimgrill gesetzt und musste sich ein paar Minuten bestrahlen.
Wie stark die Bratleistung dieser Apparate war, kann man daran erkennen, dass ein Modell, das ich noch persönlich miterlebt habe, auch horizontal über einem Blechbehälter angebracht, zum Grillen von Brathähnchen verwendet werden konnte. Echt jetzt!

Dass diese Dinger stark krebserregend waren, wusste man damals noch nicht. Man hielt so etwas für absolut gesundheitsfördernd. Das ist auch mit ein Grund dafür, dass wir jedes Jahr ans Meer fuhren und ich quasi gezwungen wurde, mich permanent in der prallen Sonne aufzuhalten. Dass sich mir der Rücken schälte und ich fußballgroße Sonnenbrandblasen davontrug, wurde als Kollateralschaden in Kauf genommen. „Macht nix, Sonne is‘ gesund!“
Damals gab es auch Sonnenöle, die nicht etwa einen Sonnenschutzfaktor hatten, sondern durch lupenartige Perlentropfen die Brand- und Bräunwirkung der Sonne noch verstärken sollten. Je mehr man brutzelte und je mehr man Sonnenbrand bekam, umso besser war das. „Du wirst uns eines Tages noch dankbar sein, dass wir mit Dir immer in die Sonne gefahren sind!“

Die Dermatologen haben heute volle Wartezimmer mit Hautkrebspatienten, so gesund war das alles.

Zu den ungesunden Sachen gehörten zahlreiche Sachen aus dem Bereich der Ernährung. Fett war gesund. Speck musste an jedes Essen, egal ob das passte und schmeckte oder nicht. Wasser mit Kohlensäure war ungesund und Cola brannte einem den Magen aus. Ein Mythos besagte, dass kleine Kinder, die zu früh Eis essen, weiche Knochen und platte Füße bekommen.

Eisgeschichte 1

Und so kam es, dass meine Mutter, die sehr gerne Eis aß, mir als kleinem Kind immer nur ein Hörnchen mit Schlagsahne kaufte.
Ich kannte also das kalte Eis gar nicht und mir war auch gar nicht bewusst, dass ich mit einem Ersatzprodukt abgefertigt wurde.
Bis der Tag kam, an dem mein verantwortungsloser Vater in verabscheuungswürdiger Weise auf dem Nachhauseweg bei der Eisdiele Palermo angehalten und für die daheim Wartenden zwei große, sehr gefährliche Eishörnchen gekauft hat.

Nun, wo es schon mal da war, willigte meine Mutter notgedrungen ein, mich der großen Gefahr für Knochenerweichung, Plattfüße und krumme Knie auszusetzen, und mir den Verzehr des Eishörnchens zu erlauben.
Da ich aber nur Sahnehörnchen gewohnt war, die ja mitnichten eiskalt sind, war ich von der Konsistenz des Eises ebenso überrascht, wie von seiner brutalen Kälte geradezu erschlagen. Mit meinen zweieinhalb Jahren habe ich mir nicht anders zu helfen gewusst, als das Eishörnchen an die Flammen unseres Gasherdes zu halten.
Das hat weder dem Eis, noch dem Herd gutgetan.

Ich bin trotzdem ein Eisfan geworden.

Eisgeschichte 2

Bei uns in Essen-Kray gab es eine Eisdiele, die Firma Eis Bertram. Das Besondere an dieser Eisdiele war es, dass dort das Eis nicht mit diesen metallenen Eiskugelmachern aufs Hörnchen apliziert wurde, sondern mit diesen Gummischabern, die man auch zum Ausschaben von Kuchenteigschüsseln verwendet. Die Frauen, die dort bedienten, schmierten einem eine scheinbar riesige Menge Eis aufs Hörnchen. Das kam einem so vor, als bekäme man besonders viel für sein Geld. Und ausgesprochen gut war das Eis auch noch.

Eis Bertram hatte im Steeler-Rott noch eine kleine Filiale. Nicht weit entfernt davon war die alte Schule. In meiner Klasse gab es einen großmäuligen Jungen, den Holger. Der konnte gut Fußball spielen, und das zählte im Ruhrgebiet damals mehr, als wenn einer was im Kopf hatte. Holger war auch immer einer der Ersten, wenn es darum ging, andere Kinder zu verkloppen oder einem Neuen eine Lektion zu erteilen. Mit anderen Worten: Vor dem hatte man Respekt, sonst gab’s ein paar auf’s Maul.

Eines Tages, wir hatten mal wieder den Bus verpasst, musste die halbe Klasse an der Bushaltestelle warten. Nebenan war der kleine Laden von Eis Betram, und mich juckte eine Mark Taschengeld in meiner Hosentasche.
Also kaufte ich mir ein Hörnchen für 50 Pfennig. Dafür gab es beim Italiener 5 kleine Kugeln, und bei Bertram gab es ordentlich was mit dem Gummischaber aufs große Hörnchen geschabt.
Ich wollte gerade bezahlen, da boxt mir von hinten jemand in die Nieren. Holger drängte sich an mir vorbei und nahm der Verkäuferin mein Eis aus den Händen, grinste nur und ging nach draußen.
Notgedrungen opferte ich meine letzten 50 Pfennig und kaufte mir ein neues Eis.

Als ich wieder rauskam, stand Holger da, leckte genüsslich mein erstes Eis, grinste frech und meinte: „Du Arsch!“
Ich fuhr herum, machte aber nichts. Aber diese Bewegung reichte aus, um Holger zurückzucken zu lassen. Vielleicht hatte er damit gerechnet, ich würde mich jetzt wehren oder so was.
Jedenfalls geriet der aufgeschmierte Eisberg auf seinem Hörnchen ins Rutschen, und er versuchte, das mit einem raschen Auflecken zu stoppen. Dabei hat sich Holger hinsichtlich der kinetischen Energie seines Schädels verrechnet und landete mit seinem ganzen Gesicht in dem Eisberg von Bertram.

Seltsamerweise haben aber alle anderen Kinder aufgrund der seitlichen Perspektive nur gesehen, dass ich mich auf Holger zubewegt hatte, und dass er dann mit eisverschmiertem Gesicht dastand.
So entstand die Geschichte, der Peter habe dem Holger eine Lektion erteilt und ihm ein Bertram-Eis ins Gesicht gehauen.

Von da an war ich der Starke und der, vor dem man sich besser in Acht nehmen sollte. Zumindest eine Weile lang bescherte mir das einen gewissen Schutz vor Schulhofrempeleien.

Eisgeschichte 3

Wenn wir gerade bei dem Namen Bertram sind, so geht es mit meiner nächsten Eisgeschichte nahtlos weiter, eben mit diesem Namen.
Nur handelt es sich bei diesem Bertram nicht um eine Eisfirma, sondern um einen angeheirateten Schwippschwager. Ich war noch keine 10 Jahre alt, als dieser Bertram, von seiner Gattin genervt, Lust auf eine Erfrischung außer Haus verspürte. Ein Bierchen wollte er trinken gehen. Und um das nachmittags konfliktfrei in die Tat umsetzen zu können, gab er vor, mir in einer Eisdiele ein Eis spendieren zu wollen.
Dass es in der Eisdiele auch leckeres Bier für ihn gab, na, das war ja nur der pure Zufall.

Die Eisdiele wurde von einem gewissen Josef betrieben. Und als große Besonderheit, die mir Bertram bei dieser Gelegenheit vorstellen wollte, gab es in dieser Eisdiele Spaghettieis.
Nun werden manche sagen, dass Spaghettieis doch was völlig Normales ist.
Mag sein, heute, ja. Aber damals war das gerade erst erfunden worden.

Nun ist das mit den Erfindungen immer so eine Sache. Viele Sachen gibt es, die gleich von mehreren Personen nahezu zeitgleich erfunden worden sind. Manchmal ist einer dieser Erfinder ein jämmerlicher Trittbrettfahrer, manchmal hat einer bloß mehr Geld, um sich ein Patent zu sichern, und stiehlt dem wahren Erfinder Ruhm und Reichtum, ja, und manchmal ist die Zeit einfach reif für eine bestimmte Erfindung.
Die Umstände sind da, das Bedürfnis ist weltweit gegeben und die technischen Voraussetzungen durch Vorerfindungen liegen auf dem Tisch. Dann ist es oft nur ein winziger Schritt, um aus einer Idee eine großartige Erfindung zu machen. So kann es passieren, dass an zwei Enden der Welt zwei Menschen, die noch nie etwas voneinander gehört haben, fast zur selben Zeit dasselbe erfinden.

Wer nun genau den Gyros-Drehspieß erfunden hat, wer nun der Erfinder der Currywurst ist, ja, darüber streitet man sich seit Generationen.
Wer aber der Erfinder des Spaghettieis ist, das glaubt man ziemlich genau zu wissen. Es war der Mannheimer Eisfabrikant Dario Fontanella, der das Spaghettieis am 6. April 1969 erfunden haben will.1

Es gibt da zwar noch einen anderen Mann, der das für sich reklamiert, aber den halte ich persönlich für einen Neider und Trittbrettfahrer, tut mir leid.
Ich habe den Siegeszug des Spaghettieises von Anfang an mitbekommen. Und der Siegeszug begann ganz eindeutig hier in der Region um Mannheim. In meiner Heimat, dem Ruhrgebiet und dem Rheinland, war diese Eisspezialität noch auf fast ein ganzes Jahrzehnt absolut unbekannt. Erst so ab 1977 begannen auch Eisdielen im Ruhrgebiet, Spaghettieis anzubieten, und dann oft in abenteuerlichen Varianten, weil die für die Herstellung erforderliche Spätzlepresse eben im Rheinland und in Westfalen nicht gebräuchlich war.

Und lasst mich hinzufügen, dass selbst die richtigen Spaghetti-Nudeln Ende der 1960er-Jahre nicht so verbreitet und populär waren, wie heute. Makkaroni kannte man, aber in erster Linie aß man Bandnudeln.

Spaghettieis besteht aus einem kleinen Berg Schlagsahne in einer flachen Schale. Mit einer vorgekühlten Spätzlepresse wird nun nicht zu hartes Vanilleeis in nudelförmige „Würmchen“ über die Sahne gepresst.
Erdbeersoße ersetzt dann die Tomatensoße auf den Eisspaghettis und Kokosstreusel ersetzen den Parmesankäse.
Nur so geht richtiges Spaghettieis.

Und genau so ein Spaghettieis habe ich bei Josef serviert bekommen. Ich konnte gar nicht glauben, dass es so etwas wie Spaghetti auch in lecker und kalt und süß geben konnte.
Ich habe sofort das Spaghettieis zu meinem absoluten Lieblingseis erkoren. Bis heute ist es mein allerliebstes Eis.

Diese Schicht, wo die Sahne leicht am Vanilleeis gefriert und sich dann mit der Erdbeersoße vermischt…
…ein Hochgenuss!

Ich kann mir nicht helfen. Aber wenn ich zurückrechne, und ich habe das schon oft getan, dann komme ich bei meinem ersten Spaghettieisgenuss auf ein Jahr früher als 1969.

Eine Zeit lang war das Spaghettieis so beliebt, dass die Eisdielenbesitzer schon stöhnten, wenn noch ein Kunde diese Spezialität bestellte.

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Spätzlepresse

Denn das Durchdrücken des Vanilleeis durch die dafür ja gar nicht vorgesehene Spätzlepresse war jedes Mal ein Kraftakt, der auf Dauer ganz schön in die Arme ging.
Das wurde erst besser, als sich zum Ende der 1970er-Jahre das Spaghettieis so weit durchgesetzt hatte, dass Eismaschinenhersteller die elektrische Spaghettieispresse auf den Markt brachten.

Schlussbemerkung

Ich hatte diese drei Geschichten letzte Woche meiner Tochter erzählt. Sie ist jemand, der sich auch in vielen Jahren noch an Papas altes Zeug erinnern wird.
So überleben vielleicht ein paar von den Erinnerungen.
Ich meine, ich erzähle heute noch Geschichten, die meiner Großmutter passiert sind. Und die ist seit 1957 tot, ich habe sie gar nicht gekannt.
Lustiges, Bemerkenswertes, Besonderes, all das wurde über Generationen in der Familie weitererzählt. War mir als Kind danach, fragte ich meine Mutter, ob sie nicht etwas von früher erzählen könne.
Begierig habe ich aufgesaugt, wie es vor dem Krieg war, wie der Krieg war, wie Kinder früher erzogen wurden und welche Leute was gemacht hatten.

Die heutige Generation derer, die so etwas aufsaugen könnten, sackt hinter ihrem Handy weg, und man sieht ihren Gesichtern an, dass nichts sie so sehr langweilt, wie dieser analoge Gedächtnissscheiß.

Bildquellen:

  • spaghieisi_800x500: basierend auf: Ziko van Dijk, CC BY-SA 4.0, wikimedia.org
  • Spaetzlepresse2_800x500: Stefan-Xp, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

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