Von False Balance spricht man u.a., wenn in Talkshows Vertreter verschiedener Ansichten zu Gast sind, aber beim Zuschauer der Eindruck entsteht, alle Anwesenden würden für in etwa gleich große Meinungsgruppen sprechen.
Nehmen wir als Beispiel, wenn eine militante Veganerin und zwei Ernährungswissenschaftler eingeladen sind, und die Vertreterin der veganen Randgruppe mehr Zeit eingeräumt wird, als den Experten. Beim Zuschauer bleibt der Eindruck, es könnte sich bei den Ansichten der Veganerin um die Meinung einer entsprechend großen Gruppe handeln.
False Balance kann aber auch entstehen, wenn Nachrichtensendungen den falschen Themen die größte Aufmerksamkeit schenken. Schmutzportale in Internet nutzen das oft, um banale Kleinigkeiten zu sensationellen Meldungen aufzublasen und Stimmung zu machen.
Neulich habe ich, wie sich das für einen demokratisch gehirngewaschenen Deutschen gehört, um 20 Uhr die TAGESSCHAU eingeschaltet. Auf der Welt ist ja immer viel los, da giert es mich danach, Neuigkeiten aus aller Welt und Deutschland zu erfahren.
Die TAGESSCHAU sendet ja seit ungefähr 256 Jahren, also kurz nach der Erfindung der Nipkow-Scheibe, aus Hamburg und gilt gemeinhin als verlässliche Nachrichtenquelle. Während in den Privatsendern oft Themen aus dem Showbusiness im Vordergrund stehen, habe ich bei der ARD-Nachrichtensendung zumindest das Gefühl, noch halbwegs ordentlich informiert zu werden.
Aber heute beginnt die Sendung mit einem recht langen Beitrag über Bundestrainer Jürgen Klopp und den Kader, den er zusammengestellt hat.
Das ist für mich ein wenig bezeichnend für die Situation, in der wir uns befinden.
Wenn Fußball das Wichtigste ist, über das es zuerst zu berichten gilt, dann haben wir offenbar keine anderen Probleme…
Infokasten: Was bedeutet „False Balance“?
False Balance – auf Deutsch etwa falsche Ausgewogenheit – bezeichnet eine verzerrte Darstellung, bei der unterschiedliche Positionen so präsentiert werden, als seien sie hinsichtlich ihrer Verbreitung, ihres wissenschaftlichen Gewichts oder ihrer Beleglage ungefähr gleichwertig, obwohl das tatsächlich nicht der Fall ist.
Ein klassisches Beispiel ist eine Talkshow: Einer wissenschaftlich gut belegten Position wird eine Außenseitermeinung gegenübergestellt. Bekommen beide Seiten ähnlich viel Redezeit und werden sie journalistisch gleich behandelt, kann beim Publikum der Eindruck entstehen, unter Fachleuten herrsche ein Streit „fünfzig zu fünfzig“. Tatsächlich kann eine der Positionen von einer überwältigenden Mehrheit der Fachwelt getragen werden.
False Balance bedeutet deshalb nicht, dass Minderheitenmeinungen nicht vorkommen dürfen. Entscheidend ist der Kontext: Das Publikum sollte erkennen können, wie verbreitet eine Position ist und wie gut sie durch überprüfbare Tatsachen oder wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt wird.
Der Effekt kann auch durch die Auswahl und Gewichtung von Themen entstehen. Wenn ein vergleichsweise unbedeutendes Ereignis außergewöhnlich viel Aufmerksamkeit erhält, kann es wichtiger erscheinen, als es gemessen an seinen tatsächlichen Auswirkungen ist. Besonders zugespitzte Online-Medien nutzen solche Gewichtungsverschiebungen mitunter für Aufmerksamkeit und Reichweite.
Davon zu unterscheiden ist allerdings die normale Nachrichtenauswahl. Dass eine Redaktion ein bestimmtes Thema an den Anfang einer Sendung stellt, beweist für sich genommen noch keine False Balance. Nachrichten werden unter anderem nach Aktualität, öffentlichem Interesse, Nähe, Tragweite und redaktioneller Einschätzung gewichtet. Über diese Gewichtung kann man trefflich streiten – und genau das tut der vorliegende Artikel.
Fazit: Deutschland geht es offenbar hervorragend
Vielleicht habe ich die Sache aber auch völlig falsch verstanden. Vielleicht war der Fußball tatsächlich die wichtigste Nachricht des Tages. Dann können wir beruhigt schlafen gehen.
Kriege, Wirtschaft, soziale Spannungen, marode Infrastruktur, internationale Krisen und all das andere lästige Zeug können warten. Der Bundestrainer hat schließlich einen Kader zusammengestellt. Und da muss man Prioritäten setzen.
Das eigentlich Beruhigende daran ist: Wenn eine Nachrichtensendung ihre wichtigste Sendezeit einem Fußballkader widmen kann, muss es diesem Land und vermutlich auch dem Rest der Welt gerade sensationell gut gehen. Offenbar sind die großen Probleme gelöst, die Akten abgearbeitet und die Krisen vorsorglich bis morgen vertagt worden.
Oder Nachrichten funktionieren inzwischen ein wenig wie die Auslage beim Bäcker: Nach vorne kommt nicht unbedingt das, was besonders nahrhaft ist, sondern das, von dem man weiß, dass die Leute danach greifen.
Natürlich entscheidet eine Redaktion, was sie für wichtig hält. Das ist ihr Job. Ebenso darf ich mich allerdings wundern, wenn mir die Auswahl vermittelt: Meine Damen und Herren, dies sind die wichtigsten Ereignisse dieses Tages – und zunächst zur Mannschaftsaufstellung.
Vielleicht brauchen wir deshalb gar keine False Balance mehr. Es genügt inzwischen gelegentlich schon eine False Importance: Man muss Unwichtiges nicht zur Wahrheit erklären. Man muss es nur groß genug auf die Titelseite stellen.
Und sollte morgen tatsächlich die Welt untergehen, hoffe ich nur, dass sie damit bis nach dem Sportblock wartet. Sonst wird es mit der Sendezeit knapp.

















