Ich höre schlecht. Nein, das ist nicht ganz richtig: Ich höre wenig. Ein Hochtonsteilabfall in Folge einer Presbyakusis macht mir zu schaffen.
Presbyakusis beschreibt die Formen der Schwerhörigkeit, die vorwiegend mit zunehmendem Alter auftreten. Ein Hochtonsteilabfall bedeutet, dass man vor allem die für das Sprachverstehen wichtigen hohen Töne nicht mehr gut hört.
Dabei ist eine Altersschwerhörigkeit keine unausweichliche Erscheinung, die durch das Altern an sich zustande kommt, sondern meist das, sich im Alter eben bemerkbar machende Aufsummieren vieler schädlicher Schallereignisse, denen man im Laufe des Lebens ausgesetzt war.
Schädliche Schallereignisse waren bei mir wohl Schüsse aus M16-Sturmgewehren und Colt-1911A1-Pistolen. Bei der Schießausbildung neuer Leute stand ich oft rechts von den Schützen, weshalb trotz Gehörschutz vor allem mein linkes Ohr stark betroffen ist.
Eine solche Schwerhörigkeit kann man sehr gut mit Hörgeräten ausgleichen. Als Hörgeräteträger muss ich regelmäßig zum HNO-Arzt und zum Hörakustiker.
Beim Hörakustiker bin ich etwa zweimal im Jahr, beim HNO-Arzt nicht. Das liegt an verschiedenen Faktoren.
In erster Linie liegt es daran, dass mein Hörakustiker sehr gute Testmöglichkeiten für das Gehör hat und sich wesentlich mehr Zeit dafür nimmt, als es in der HNO-Praxis geschieht.
In zweiter Linie hasse ich die ewigen Wartezeiten auf einen Termin in der HNO-Praxis und dann vor Ort im Wartezimmer.
Außerdem gibt’s beim Hörakustiker Kaffee…
Ich habe das Gefühl, als sei mein linkes Ohr verstopft, und möchte das vom HNO-Arzt nachschauen lassen. Bei der Gelegenheit möchte ich auch einen Hörtest durchführen lassen.
Also rufe ich in einer HNO-Praxis in der benachbarten Stadt an. Es ist die Praxis, wo mir vor Jahren das erste Hörgerät verschrieben worden ist, inzwischen arbeitet dort aber ein anderer Arzt als Praxisinhaber.
Ich sage der Dame am Telefon, dass ich Hörgeräteträger bin, einen Hörtest möchte und mal die Ohren kontrollieren lassen will.
Ich bekomme einen Termin für drei Wochen später. Das geht. Da habe ich mit mehr Vorlaufzeit gerechnet.
Heute war dieser Termin.
Ich hatte ganz vergessen, dass es in dem Haus dort keinen Aufzug gibt. Vier Treppen später stehe ich japsend und schwitzend an der Rezeption.
Die Frau ist freundlich, zieht mein Kärtchen durch, nimmt die Überweisung an und händigt mir ein Schreibbrett mit Kuli aus: „Unterschreiben Sie nur noch die aktuelle Datenschutzerklärung.“
Die angebliche Datenschutzerklärung beschränkt sich auf einen Standardsatz am Ende eines längeren Formulars, mit dem Krankheiten, Diagnosen, Medikamente und sonst noch alles Mögliche abgefragt werden.
Das nervt. Vor allem nervt mich an diesen Zetteln immer, dass ich dort nochmals Name, Adresse usw. angeben muss, alles Daten, die schon im Computer gespeichert sind.
Immerhin ist es hier nur ein Blatt, woanders hat man mir schon acht Seiten zum Ausfüllen aufgenötigt.
Ich sitze im Wartebereich. Der ist offen und man bekommt alles mit, was an der Rezeption geschieht. Genauer gesagt: Man hört alles, was dort in großer Lautstärke gesprochen wird. Diagnosen, Beschwerden, Vorerkrankungen, persönliche Daten, alles wird laut durch den Raum posaunt. So viel zum Thema Datenschutz.
Nur 20 Minuten muss ich warten, dann kommt der Onkel Doktor und holt mich ab.
Er schaut mir in die Ohren, entfernt zwei winzige Krümelchen Ohrenschmalz und ist alles in allem zwar freundlich, aber furchtbar klugscheißerisch. Klugscheißerisch in der Form, dass er alles, was ich sage, in Frage stellen oder negieren muss. Ich sag besser gar nix mehr, beschließe ich. Nach nur drei bis vier Minuten werde ich wieder ins Wartezimmer geschickt und soll dort auf den Hörtest warten, wegen dem ich ja eigentlich gekommen bin.
Ja, da wird ja nun nix draus. Man sei ja personell so unterversorgt, dass man das heute unmöglich noch machen könne.
Ja, aber deshalb bin ich doch extra gekommen, und ich habe doch einen Termin dafür.
Ja, nee, das könne man erst morgen machen. Morgen um zehn müssen Sie nochmal kommen…
Okay. Ich stelle fest: Ich habe nicht lange auf einen Termin in dieser Praxis warten müssen. Ich habe auch nicht unendlich lang im Wartezimmer sitzen müssen. Das ist gut.
Aber ich war im Grunde genommen völlig umsonst da und muss nochmal wiederkommen.
Bildquellen:
- tut_800x500: Peter Wilhelm Symbolbild

















