Spott + Hohn und Politik

Was für ein Spiel! Herr Merz, wir sind empört!

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Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist bei der diesjährigen Fußball-WM im Sechzehntelfinal-Spiel gegen Paraguay ausgeschieden. Das tut vielen Fußballfans weh, anderen ist es egal.

Wenn so etwas passiert, was für einen Teil der Bevölkerung eine gewisse nationale Wichtigkeit hat, ist es durchaus Aufgabe von Politikern, sich dazu zu äußern.

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Bundeskanzler Friedrich Merz hat direkt nach dem Ausscheiden über seinen Account Folgendes verbreitet:

„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“Bundeskanzler Friedrich Merz

Das hat bei vielen zu Irritationen geführt, ja, manche sahen darin einen weiteren Beweis für die Realitätsfremdheit des CDU-Politikers.
Man fragte sich, angesichts der schlechten Spielleistung der deutschen Mannschaft, welches Spiel Merz da gesehen haben will, und wie er zur Einschätzung „Was für ein Spiel“ und zum Lob des Einsatzes und Teamgeistes kommen konnte.

Ich bin der Meinung, dass Merz das genauso gemeint hat. Angesichts des aufziehenden Shitstorms bevorzugt das Kanzleramt jedoch, richtigzustellen, diese veröffentlichte Version sei nur eine von mehreren vorbereiteten Reaktionen gewesen, und das Social-Media-Team habe schlichtweg die falsche gepostet.

Das bezweifle ich mal. Denn dann bleibt ja die Frage, in welchem Fall, bei welchem Spielausgang und in welcher Situation des Ausscheidens dieses Posting das richtige gewesen wäre.

Die Allerliebste und ich waren auch schon mal in einer Opernaufführung eines Stückes von Alban Berg. Grauenvoll! Hinterher haben wir auch gesagt: „Was für eine Oper!“
So mag das „Was für ein Spiel“ auch gemeint gewesen sein, denke ich. Tja, und welche Aufgabe kommt denn dem Chef unserer Regierung zu, wenn nicht das aufmunternde Schulterklopfen und das Loben des Einsatzes und des Teamgeistes der geschlagenen Mannschaft.
Recken, die in einer Schlacht geschlagen wurden, tritt man nicht noch in den Rücken, sondern lobt tunlichst wenigstens das, was halbwegs geklappt hat. Auch das kann Kritik beinhalten.

Wenn Tante Jutta fragt, wie einem ihr schreckliches Tofu-Gericht geschmeckt hat, kann man ja auch sagen: „Na ja, die Soße war ganz gut.“ Auch da hat man gelobt und trotzdem ausgesagt, dass der Rest einfach nur scheiße war.

Man kann aber über Friedrich Merz’ Aussage denken, wie man mag, mir geht es um noch einen ganz anderen Aspekt.

Eine Bekannte schilderte mir ihre Gedanken zu diesem Post, von dem sie über Facebook erfahren hatte.
Sie schimpft auf Merz, wirft ihm Unfähigkeit und Dummheit vor, würdigt den Mann herab und hält sich selbst für intelligenter und klüger.

Das Erschreckende: Die Frau hat den Post von Friedrich Merz gar nicht gelesen, sondern nur die Reaktionen von Facebook- und Whatsapp-Nutzern darauf.
Vor allem aber hat sie den ersten Teil von Merz’ Aussage überhaupt nicht gekannt. Dass der Kanzler gesagt hat: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt…“ war ihr völlig unbekannt.
In den sozialen Medien ist vor allem der zweite Teil des Merz-Postings verbreitet worden, der losgelöst natürlich den Eindruck erweckt, Merz habe ein schlechtes Spiel gelobt.

Solche Menschen glauben auch, Politiker würden den ganzen Tag in Social-Media mitlesen und ständig irgendwelche Posts absetzen. Dass hier professionelle Social-Media-Teams dahinterstecken, wissen solche Leute nicht. Daher rührt auch die Aussage dieser dummen Frau, sie habe gelesen, dass „der Merz nachts besoffen mit dem Kopp auf die falsche Taste geknallt sei„.

Und diese Frau, die ihre Dummheit wirklich nicht verbergen kann, sagt dann auch noch: „Ich hab‘ da gleich was zu auf Facebook geschrieben und an alle Leute geschickt„.

Ich kann das nicht nachgucken, denn ich meide Facebook. Aber mir ist einmal mehr klargeworden, wo die ganze Scheiße herkommt. Sie entspringt aus Verkürzungen, dem dummen Nichtverstehen und der Tatsache, dass auch solche dummen Menschen ihre 15 Sekunden Ruhm haben wollen, indem sie „sensationelle Scheiße“ weiterverteilen.

Was noch zu sagen ist:

Genau darin liegt heute eines der größten Probleme unserer öffentlichen Debatten. Nicht mehr das Gesagte entscheidet, sondern das Weggelassene. Es reicht, einen Halbsatz herauszulösen, den Zusammenhang zu entfernen und ein paar empörte Kommentare darunterzusetzen. Schon entsteht eine neue Wirklichkeit, die mit der ursprünglichen Aussage kaum noch etwas zu tun hat.

Dabei ist Friedrich Merz in diesem Fall letztlich austauschbar. Morgen trifft es einen Politiker einer anderen Partei, übermorgen einen Wissenschaftler, einen Künstler oder irgendeinen Menschen, der zur falschen Zeit den falschen Satz gesagt haben soll. Die Empörungsmaschine funktioniert immer gleich. Gelesen wird selten, geprüft noch seltener. Hauptsache, man kann sich möglichst laut entrüsten und dabei das gute Gefühl genießen, zu den vermeintlich Klügeren zu gehören.

Mich erschreckt deshalb weniger ein möglicherweise ungeschicktes Social-Media-Posting als die Leichtfertigkeit, mit der viele Menschen sich ihr Urteil bilden. Wer nicht einmal den vollständigen Text liest, aber sofort bereit ist, ihn weiterzuverbreiten und andere damit anzustecken, trägt seinen Teil zur Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas bei.

Vielleicht wäre es schon ein Fortschritt, wenn sich jeder vor dem Teilen einer vermeintlichen Sensation eine einfache Frage stellte: Habe ich das eigentlich selbst gelesen – oder rege ich mich gerade über etwas auf, das mir jemand anderes in den Mund gelegt hat?

Bildquellen:

  • merz_800x500: ki

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(©si)