Man muss sich das einmal in Ruhe vorstellen: Da wird ein ausgewachsener Buckelwal auf einer Barge Richtung Nordsee geschleppt, flankiert von Schleppern, begleitet von Medien – und gleichzeitig bemüht man sich mit fast rührender Ernsthaftigkeit darum, den „geheimen Ort der Freilassung“ zu schützen.
Geheim. Auf See.
Während die komplette Flotte für jeden halbwegs interessierten Menschen live auf Tracking-Diensten sichtbar ist.
Das ist ungefähr so, als würde man einen Elefantenkonvoi durch die Fußgängerzone führen und gleichzeitig sagen: „Bitte nicht verraten, wo wir sind.“
Der offizielle Grund ist fast noch schöner: Man wolle verhindern, dass sich dort ein „Wallfahrtsort“1 entwickelt. Kein Waltourismus. Keine Pilger. Keine esoterischen Begegnungen mit dem großen, weisen Meeressäuger.
Ja, klar.
Denn wir kennen sie alle, diese Heerscharen von Menschen, die nach Freilassung eines Wals mit Klappstuhl, Räucherstäbchen und Klangschale am Strand stehen und darauf warten, dass der Koloss aus dem Ozean kurz vorbeischaut, um energetisch aufgeladen zu werden.
Die Realität ist deutlich weniger spirituell: Ein Wal, der freigelassen wird, macht genau zwei Dinge. Entweder er schafft es – dann ist er weg. Oder er schafft es nicht – dann ist er ebenfalls weg, nur auf eine andere Art.
Was er ganz sicher nicht macht: an Ort und Stelle bleiben, damit sich Reisegruppen mit Thermoskannen und Instagram-Accounts um ihn scharen können.
Der Gedanke, man müsse die Freilassungsstelle geheim halten, wirkt daher eher wie eine Mischung aus Kontrollbedürfnis und PR-Reflex. Man hat ein großes Projekt, viel Aufmerksamkeit, viele Emotionen – und nun soll bitte auch noch die Deutungshoheit behalten werden.
Dabei wäre es viel ehrlicher zu sagen: Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Wir hoffen das Beste. Und der Rest liegt ohnehin nicht mehr in unserer Hand.
Stattdessen wird ein Geheimnis inszeniert, das keines ist.
Denn am Ende entscheidet nicht die Koordinate auf der Seekarte über das Schicksal dieses Tieres, sondern allein die Frage, ob es noch stark genug ist, wieder selbstständig im Meer zu bestehen.
Und das lässt sich weder verbergen noch kontrollieren – ganz egal, wie viele Schlepper, Kamerateams oder gut gemeinte Absperrversuche beteiligt sind.
Exklusivität statt Öffentlichkeit?
Neben den offiziell genannten Gründen drängt sich noch eine ganz andere, deutlich nüchternere Erklärung auf: Es geht um Kontrolle über Bilder, Informationen und Deutungshoheit.
Wer ein solches, emotional stark aufgeladenes Projekt begleitet, verfügt plötzlich über Material, das Aufmerksamkeit erzeugt – und Aufmerksamkeit lässt sich bekanntlich in Reichweite, Einfluss und unter Umständen auch in Geld umwandeln.
Exklusive Bilder eines geretteten Wals, die „entscheidenden Momente“, die Freilassung – all das sind Inhalte, für die Medien und Plattformen sich interessieren. Und wer sie als Erster oder gar als Einziger hat, sitzt am längeren Hebel.
Vor diesem Hintergrund erscheint es weniger überraschend, dass andere Medienvertreter nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werden. Konkurrenz stört, wenn es um Exklusivität geht.
Natürlich wird niemand offen sagen: „Wir wollen das Material für uns behalten.“ Stattdessen spricht man von Schutz des Tieres, von Vermeidung von Tourismus oder von Rücksichtnahme.
Das mag im Einzelfall durchaus eine Rolle spielen. Gleichzeitig liegt aber der Verdacht nahe, dass hier auch klassische Mechanismen der Medienökonomie greifen: Wer die Bilder kontrolliert, kontrolliert die Geschichte.
Und die ist in diesem Fall nicht nur emotional, sondern auch öffentlich äußerst wirksam.
Fußnoten:
- Das Wortspiel mit „Walfahrtsort“ mache ich nicht. (zurück)
















