Wissen ist Macht

Warum schwingen wir beim Laufen mit den Armen?

Sechs Marathonläuferinnen und Marathonläufer mit angewinkelten, gegengleich zu den Beinen schwingenden Armen.
Beim Laufen arbeiten Arme und Beine zusammen: Der natürliche Armschwung hilft, Drehbewegungen auszugleichen und Energie zu sparen.

Ein Leser hat beim Ironman auf Hawaii genau hingeschaut: Da laufen Menschen einen Marathon, nachdem sie bereits geschwommen und Rad gefahren sind – und bewegen dabei auch noch unablässig die Arme. Ist das nicht Energieverschwendung? Wäre es nicht sparsamer, die Arme einfach ruhig zu halten?

Sehr geehrter Herr Wilhelm, können Sie in der Rubrik „Wissen ist Macht“ mal etwas darüber schreiben, weshalb Menschen beim Laufen immer mit den Armen schwingen? Ich habe neulich den Iron Man aus Hawaii gesehen und mir ist das da nochmals besonders bewusst geworden. Besonders effektiv ist es doch nicht, wenn man zusätzlich noch Energie in die Bewegung der Arme steckt.

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Die Überlegung des Lesers ist interessant. Die überraschende Antwort lautet: Der Armschwung kostet zwar etwas Energie, kann dem Körper insgesamt aber Energie sparen.

Unser Körper muss schließlich nicht nur vorwärtskommen. Er muss dabei auch verhindern, dass er sich bei jedem Schritt unnötig verdreht.

Die Beine laufen, der Oberkörper hält dagegen

Beim Gehen und Laufen bewegen wir normalerweise den rechten Arm zusammen mit dem linken Bein nach vorn und umgekehrt. Diese Gegenbewegung erfüllt eine wichtige Aufgabe.

Die vor- und zurückschwingenden Beine erzeugen Drehimpulse um die senkrechte Körperachse. Die Arme wirken ihnen entgegen. Dadurch muss sich der Rumpf weniger stark mitdrehen.

Stell Dir den Körper als ein aufeinander abgestimmtes System vor: Wenn Du die Bewegung eines Teils unterbindest, müssen andere Teile dessen Aufgabe übernehmen. Ruhige Arme bedeuten deshalb nicht automatisch einen ruhigeren oder sparsameren Laufstil. Stattdessen können Schultern und Becken stärker rotieren. Eine neuere biomechanische Untersuchung von 2025 stützt ebenfalls die Erklärung, dass aktiver Armschwung beim Laufen die Rumpfdrehung und den Energiebedarf verringert.1

Die Arme sind also eine Art Gegengewicht in Bewegung. Sie tragen dazu bei, dass aus einem Schritt nach vorn keine unnötig große Drehbewegung wird.

Im Grunde wirken die gegenläufig schwingenden Arme so wie der Heckrotor eines Hubschraubers, der ja auch den Drehimpuls des Fluggeräts unter dem Rotor ausgleicht.

Das wurde tatsächlich ausprobiert

Wie viel der Armschwung bringt, lässt sich messen. Die Forscher Christopher Arellano und Rodger Kram ließen Versuchspersonen auf einem Laufband mit normalem Armschwung laufen und anschließend mit unterschiedlichen Armhaltungen.

Hielten die Teilnehmenden ihre Hände entspannt hinter dem Rücken, lag ihr Nettoenergiebedarf rund drei Prozent höher als beim normalen Armschwung. Mit vor der Brust gehaltenen Armen waren es etwa neun Prozent, mit den Händen auf dem Kopf ungefähr 13 Prozent.

Die größeren Unterschiede darf man allerdings nicht allein dem fehlenden Armschwung zuschreiben: Auch das Halten einer ungewohnten Armposition kostet Kraft. Die drei Prozent bei den Händen hinter dem Rücken sind deshalb die anschaulichere Vergleichszahl. Außerdem handelt es sich um Ergebnisse unter bestimmten Versuchsbedingungen, nicht um einen festen Sparsatz für jeden Menschen und jedes Lauftempo.

Die Forschenden beobachteten zugleich stärkere Drehbewegungen von Schultern und Becken, wenn die Arme nicht mitschwingen durften.2

Gerade auf einer langen Laufstrecke ist es durchaus interessant, ob eine scheinbar überflüssige Bewegung unter dem Strich Arbeit erspart.

Beim Spazierengehen schwingt vieles von selbst

Nun machen wir beim gemütlichen Gang zum Bäcker keine bewussten Armübungen. Müssen wir auch nicht.

Beim Gehen nutzt der Armschwung zu einem erheblichen Teil die natürliche Pendelbewegung der Arme und die Bewegung des übrigen Körpers. Die Schultermuskulatur muss dafür vergleichsweise wenig leisten. Ganz ohne muskuläre Steuerung läuft das nicht ab, aber wir müssen nicht jeden Schwung vollständig aus eigener Kraft erzeugen.

Absichtliches Stillhalten kann dagegen zusätzliche Muskelarbeit verlangen. In einer Untersuchung mit zehn Personen stieg der Stoffwechselenergiebedarf beim Gehen mit bewusst ruhig gehaltenen Armen um etwa zwölf Prozent. Auch das ist ein Versuchsergebnis und keine allgemeingültige Alltagszahl.

Besonders interessant: Als die Versuchspersonen die Arme entgegen dem üblichen Muster bewegten – also gleichseitig mit den Beinen –, stieg der Energiebedarf noch stärker. Es kommt offenbar nicht nur darauf an, dass die Arme schwingen, sondern auch darauf, wie sie mit den Beinen zusammenspielen.3

Ein Stück vierbeinige Vergangenheit geht mit

Der Armschwung hat auch eine evolutionäre Seite. Unsere Vorfahren bewegten sich auf vier Gliedmaßen fort. Damit das funktionierte, mussten Vorder- und Hintergliedmaßen zeitlich aufeinander abgestimmt sein. Elemente solcher nervlichen Verknüpfungen finden sich auch beim Menschen: Obwohl unsere Hände beim normalen Gehen längst keinen Bodenkontakt mehr haben, bleiben Arme und Beine Teil eines gemeinsam koordinierten Bewegungsmusters.4

Die Arme sind deshalb weder bloß lose Pendel noch ein nutzloses Überbleibsel unserer Vorgeschichte. Ihre Bewegung entsteht durch das Zusammenspiel von Körpermechanik und nervlicher Steuerung. Ein evolutionär altes Koordinationsprinzip wirkt im heutigen aufrechten Gang weiter – und hilft dabei, ihn effizient zu machen.

Stillhalten kann mehr Mühe machen als Mitschwingen

Vielleicht kennst Du das: Sobald Du versuchst, beim Gehen beide Arme bewusst stillzuhalten, fühlt sich der Gang seltsam an. Du musst auf etwas achten, das sonst ganz selbstverständlich funktioniert.

Das liegt daran, dass unser Nervensystem die Bewegungen von Armen und Beinen normalerweise weitgehend automatisch koordiniert. Willst Du dieses vertraute Muster unterbrechen, musst Du bewusst eingreifen. Das ist möglich – etwa wenn Du ein Tablett trägst –, aber die automatische Koordination verschwindet dadurch nicht einfach. Sie wird an die jeweilige Aufgabe angepasst.5

Hinzu kommt: Einen Arm unbewegt zu halten, bedeutet nicht unbedingt, seine Muskeln auszuschalten. Es kann Muskelarbeit erfordern, die durch den gehenden Körper angeregte Pendelbewegung zu bremsen. In einem Gehversuch war bewusstes Stillhalten tatsächlich mit einem höheren Energiebedarf verbunden. Wie viel davon auf die Haltearbeit und wie viel auf andere Veränderungen des Gangbilds zurückgeht, lässt sich daraus nicht vollständig trennen.6

Die vermeintliche Sparmaßnahme kann deshalb gleich doppelt lästig werden: Du musst Dich stärker auf Deinen Gang konzentrieren, und Dein Körper arbeitet womöglich mehr, obwohl sich weniger sichtbar bewegt.

Müssen wir jetzt kräftiger mit den Armen rudern?

Aus diesen Ergebnissen folgt keine Aufforderung, beim nächsten Spaziergang besonders große Armbewegungen zu machen. Verglichen wurde vor allem der natürliche Armschwung mit eingeschränkten oder veränderten Bewegungen. „Mehr Armschwung ist immer besser“ lässt sich daraus nicht ableiten.

Für die Beobachtung beim Ironman reicht eine einfache Erklärung: Die Arme laufen nicht nutzlos mit. Sie helfen, die Bewegungen des übrigen Körpers auszugleichen.

Dein Einwand trifft damit eine spannende Besonderheit unseres Bewegungsapparats: Eine zusätzliche Bewegung kann sparsamer sein als ihr Weglassen. Wer nur auf die Arme schaut, sieht vermeintliche Mehrarbeit. Betrachtet man den ganzen Menschen, ergibt der Armschwung plötzlich sehr viel Sinn.

Wenn der vertraute Armschwung fehlt

Wie selbstverständlich wir den Armschwung zum Gehen dazurechnen, fällt uns oft erst auf, wenn er fehlt. Ein Mensch bewegt sich vorwärts, doch ein Arm oder beide Arme bleiben auffallend ruhig. Das kann auf uns ungewohnt wirken: Wir erwarten unbewusst das vertraute Zusammenspiel von Armen und Beinen.

Ein verminderter Armschwung kann beispielsweise bei Parkinson auftreten. Manchmal betrifft er zunächst vor allem eine Körperseite. Das zeigt, wie eng die scheinbar nebensächliche Armbewegung mit der Steuerung unseres gesamten Gangbilds verbunden ist.7

Aus einer solchen Beobachtung allein lässt sich allerdings keine Erkrankung erkennen. Auch eine Schonhaltung oder eine eingeschränkte Beweglichkeit kann das Mitschwingen verändern. Und nicht jeder Mensch bewegt sich nach demselben Muster.

Bemerkenswert ist unsere Wahrnehmung trotzdem: Den gewöhnlichen Armschwung übersehen wir meistens. Sein Fehlen bemerken wir dagegen schnell. Die Arme gehören für uns offenbar so selbstverständlich zum Gehen wie die Schritte selbst.

Bildquellen:

  • laeufer_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)