Wissen ist Macht

Das schaurige Gefühl im Schritt

Älterer Mann reagiert mit sichtbarem Unbehagen auf eine Verletzungsszene im Fernsehen
Schon der Anblick einer Verletzung im Fernsehen kann unwillkürliche körperliche Schutzreaktionen hervorrufen

Ein tiefer Schnitt, eine schlimme Verletzung im Fernsehen – und plötzlich zieht sich im eigenen Körper alles zusammen. Besonders im Unterleib oder Schritt kann ein unangenehmes Gefühl entstehen. Warum reagieren wir so auf fremde Schmerzen? Die Erklärung führt von der Schmerzempathie über das vegetative Nervensystem bis weit zurück in die menschliche Entwicklungsgeschichte.

Viele Menschen empfinden ein schauriges Zusammenziehen der Muskulatur im Schritt hinter und in der Nähe der Geschlechtsteile, wenn sie sehen, dass andere Menschen sich verletzen. Das Phänomen trifft vor allem dann auf, wenn die Verletzung nicht wirklich in der räumlichen Nähe des Betroffenen, sondern beispielsweise im Fernsehen oder auf der Kinoleinwand geschieht.

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Wie kommt es zu dieser seltsamen, schaurigen Muskelreaktion und was steckt dahinter?

Dieser Beckenbodenreflex ist ein ganz normales Phänomen, das viele Menschen kennen. Besonders interessant ist, dass die Menschen an sehr ähnlichen Stellen ziemlich einheitlich reagieren.
Das trifft nicht auf alle Leute zu, sondern schätzungsweise nur auf ein Drittel der Menschen.

Dieses mehr oder weniger unangenehme Ziehen oder Zusammenkrampfen im Schritt, wenn man eine schlimme Verletzung sieht, lässt sich durch das Zusammenspiel von Empathie, dem vegetativen Nervensystem und unwillkürlicher Muskelanspannung erklären.

Was passiert dabei im Körper?

Wenn Sie im Fernsehen sehen, wie sich jemand tief in den Finger schneidet oder eine schwere Verletzung erleidet, verarbeitet das Gehirn das nicht ausschließlich als neutrale Bildinformation.

Es bewertet die Situation gleichzeitig als potenziell schmerzhaft und bedrohlich. Dabei können mehrere Reaktionen auftreten:

  1. Das Gehirn simuliert fremden Schmerz

    Beim Beobachten von Verletzungen werden teilweise dieselben neuronalen Netzwerke aktiv, die auch an der emotionalen Verarbeitung eigener Schmerzen beteiligt sind. Das bedeutet nicht, dass man den Schmerz des anderen tatsächlich spürt. Das Gehirn bildet aber gewissermaßen eine innere Vorstellung davon.

    Das wird häufig mit Schmerzempathie bezeichnet.

  2. Der Körper reagiert mit einer Schutzspannung

    Auf unangenehme oder bedrohliche Reize reagieren Menschen häufig mit einer unbewussten Muskelanspannung.

    Dabei können sich auch die Muskeln des Beckenbodens und der umliegenden Körperregion kurz zusammenziehen.

    Der Beckenboden ist ein komplexes Muskelsystem, das unter anderem den Unterleib stabilisiert und die Beckenorgane unterstützt.

    Eine solche Anspannung erklärt das Ziehen im Schritt. Dass genau diese Muskeln reagieren, ist wissenschaftlich noch nicht genau untersucht. Hier spielen Schutzreflexe, Fluchtreaktionen und Abwehrmechanismen eine Rolle.

  3. Das vegetative Nervensystem schaltet auf Alarm

    Auch wenn wir wissen, dass die Verletzung nur auf dem Fernsehbildschirm stattfindet, kann unser Körper kurzfristig eine Stressreaktion auslösen.

    Das kann sich äußern als:

    • Ein Ziehen im Unterleib oder Schritt.
    • Ein Zusammenkrampfen der Muskulatur.
    • Gänsehaut oder ein Schauer über den Rücken.
    • Ein flaues Gefühl im Magen.
    • Ein reflexartiges Zusammenzucken.
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Warum ausgerechnet im Schritt?

Das ist die besonders interessante Frage.

Die Beckenbodenmuskulatur kann auf emotionale Anspannung reagieren, ähnlich wie die Bauchmuskulatur, die Schultern oder der Kiefer.

Außerdem ist die Beckenregion empfindlich für Veränderungen der Muskelspannung und vegetative Körperreaktionen. Deshalb kann ein kurzer Spannungswechsel dort sehr deutlich wahrgenommen werden.

Es gibt allerdings keinen wissenschaftlich gesicherten speziellen „Verletzungsreflex“, der grundsätzlich eine Kontraktion im Schritt auslöst. Die Erklärung über Beckenboden und Schutzspannung ist plausibel, aber nicht für jeden Einzelfall nachgewiesen.

Ist das ein Zeichen besonderer Empathie?

Nicht unbedingt. Menschen unterscheiden sich darin, wie intensiv sie auf beobachtete Verletzungen reagieren. Eine starke körperliche Reaktion bedeutet nicht automatisch, dass jemand empathischer ist als andere.

Solange dieses Gefühl nur beim Anblick solcher Szenen kurz auftritt und anschließend wieder verschwindet, ist es normalerweise harmlos.

Ein uraltes Erbe aus der Steinzeit?

Solche körperlichen Reaktionen haben ihre Wurzeln tief in der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Unser Gehirn und unser Nervensystem sind schließlich nicht erst für die moderne Welt entstanden. Sie haben sich über Hunderttausende und Millionen von Jahren unter Lebensbedingungen entwickelt, die mit unserem heutigen Alltag nur wenig gemeinsam hatten.

Für unsere frühen Vorfahren waren Verletzungen, Blut und körperliche Gewalt keine seltenen Bilder auf einem Fernsehschirm, sondern unmittelbare Gefahren des täglichen Lebens. Eine schwere Verletzung konnte den Tod bedeuten. Wer beim Anblick eines verletzten Artgenossen schnell reagierte, seine Aufmerksamkeit erhöhte und sich auf eine mögliche Bedrohung vorbereitete, konnte dadurch einen Überlebensvorteil haben.

Das menschliche Nervensystem verfügt deshalb über sehr alte Schutzmechanismen. Noch bevor wir eine Situation bewusst durchdenken, kann unser Körper reagieren: Muskeln spannen sich an, der Atem stockt, der Herzschlag verändert sich, und empfindliche Körperregionen werden möglicherweise unwillkürlich geschützt.

Man könnte solche Reaktionen im übertragenen Sinne als archetypische Schutzreaktionen bezeichnen. Wissenschaftlich genauer wäre es allerdings, von evolutionär entstandenen Abwehr-, Schreck- und Stressreaktionen zu sprechen.

Das Bemerkenswerte daran: Unser Gehirn unterscheidet bei solchen automatischen Reaktionen nicht immer vollständig zwischen einer unmittelbar erlebten Gefahr und einer eindringlich beobachteten Bedrohung. Obwohl wir wissen, dass der Mensch auf dem Fernsehbildschirm nicht vor uns steht, kann unser Körper dennoch reagieren, als müsse er sich auf etwas Unangenehmes vorbereiten.

Auch das merkwürdige Zusammenziehen im Schritt gehört dazu. Eine reflexartige Anspannung der Beckenboden- und Unterleibsmuskulatur wäre als körperliche Schutzreaktion durchaus vorstellbar. Allerdings ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass gerade diese spezielle Empfindung ein unmittelbares Überbleibsel steinzeitlicher Schutzmechanismen ist. Dazu sind einfach noch keine Studien angestellt worden.

Wir tragen also gewissermaßen noch immer einen Teil der Steinzeit in unserem Nervensystem.

Unsere Lebensumstände haben sich dramatisch verändert, doch viele grundlegende Mechanismen der Gefahrenwahrnehmung sind erhalten geblieben.

Heute genügt manchmal schon eine Filmszene mit einem scharfen Messer, um einen Körperreflex auszulösen, dessen biologische Grundlagen sehr viel älter sind als das Fernsehen – und sogar älter als der moderne Mensch selbst.

Bildquellen:

  • schauer_800x500: Peter Wilhelm ki
  • verletzungen-fernsehen-koerperliche-reaktion: Peter Wilhelm ki
  • verletzung_800x500: Peter Wilhelm ki

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(©si)