Gesundheit / Haushalt

Kann man WLAN spüren? Elektrosensibilität

Devolo aus

Eine ratsuchende Anruferin berichtet mir, sie sei elektrosensibel. Ihr Mann leidet sehr darunter, da er im Haus kein WLAn anschalten darf. Die Frau behauptet, sie könne das WLAN-Signal spüren und bekomme davon Kopfschmerzen. Was ist davon zu halten?

Das ist ein interessantes Beispiel für ein Phänomen, mit dem sich Medizin, Psychologie und Strahlenschutzforschung seit Jahrzehnten beschäftigen: die sogenannte elektromagnetische Hypersensibilität (EHS), umgangssprachlich Elektrosensibilität.

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Dabei muss man zwei Dinge sorgfältig unterscheiden:

Die Beschwerden der Frau können durchaus real sein. Dass WLAN-Strahlung diese Beschwerden verursacht oder dass sie WLAN-Signale tatsächlich wahrnehmen kann, ist wissenschaftlich jedoch nicht nachgewiesen.

Und genau diese Unterscheidung ist entscheidend.

1. Kann ein Mensch WLAN-Strahlung spüren?

Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gibt es keinen belastbaren Nachweis dafür, dass Menschen die elektromagnetischen Felder eines WLAN-Routers bei üblichen Belastungen unmittelbar wahrnehmen können.

WLAN arbeitet mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern, typischerweise bei 2,4, 5 oder 6 GHz.

Diese Strahlung ist nicht ionisierend. Sie besitzt also nicht genügend Energie, um durch Ionisation unmittelbar chemische Bindungen zu zerstören, wie es beispielsweise Röntgenstrahlung kann.

Bei ausreichend hohen Intensitäten können hochfrequente elektromagnetische Felder Gewebe erwärmen. Die Feldstärken, denen Menschen durch gewöhnliche WLAN-Router ausgesetzt sind, liegen jedoch normalerweise weit unter den geltenden Grenzwerten.

2. Was sagen wissenschaftliche Untersuchungen?

Besonders aufschlussreich sind sogenannte Doppelblindstudien.

Dabei befinden sich Personen, die sich selbst als elektrosensibel bezeichnen, in einer Versuchsumgebung. Mal wird eine elektromagnetische Strahlungsquelle eingeschaltet, mal bleibt sie ausgeschaltet.

Weder die Versuchsperson noch die unmittelbar betreuenden Wissenschaftler wissen während des jeweiligen Durchgangs, ob die Quelle aktiv ist.

Anschließend wird untersucht, ob die Teilnehmer zuverlässig erkennen können, wann sie elektromagnetischen Feldern ausgesetzt waren.

Das Ergebnis zahlreicher solcher Untersuchungen:

Menschen, die sich als elektrosensibel bezeichnen, können im Durchschnitt nicht zuverlässiger als durch Zufall unterscheiden, ob die untersuchte Strahlungsquelle eingeschaltet ist oder nicht.

Auch ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Exposition und den berichteten Beschwerden ließ sich in kontrollierten Untersuchungen nicht überzeugend nachweisen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt elektromagnetische Hypersensibilität deshalb nicht als eigenständige medizinische Diagnose mit nachgewiesener Ursache durch elektromagnetische Felder.

Quelle: WHO – Electromagnetic hypersensitivity

3. Warum bekommt die Frau dann tatsächlich Kopfschmerzen?

Hier kommt ein besonders interessanter Mechanismus ins Spiel: der Nocebo-Effekt.

Er ist gewissermaßen das Gegenstück zum Placebo-Effekt.

Während positive Erwartungen Beschwerden lindern können, können negative Erwartungen körperliche Beschwerden auslösen oder verstärken.

Ein Beispiel:

Eine Person ist überzeugt, dass WLAN-Strahlung Kopfschmerzen verursacht.

Sobald sie erfährt oder vermutet, dass ein Router eingeschaltet wurde, entsteht eine Erwartung körperlicher Beschwerden.

Diese Erwartung kann Stressreaktionen auslösen, die wiederum tatsächlich Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrationsprobleme oder Unwohlsein hervorrufen.

Die Kopfschmerzen sind dann nicht eingebildet. Sie haben lediglich eine andere Ursache als die vermutete WLAN-Strahlung.

Wichtig ist allerdings: Der Nocebo-Effekt ist eine mögliche Erklärung, keine Ferndiagnose dieser Frau. Kopfschmerzen können zahlreiche andere Ursachen haben, die gegebenenfalls medizinisch abgeklärt werden sollten.

4. Ein besonders interessanter Aspekt: WLAN ist nicht die einzige Funkquelle

Selbst wenn der Ehemann den heimischen WLAN-Router ausschaltet, verschwinden die hochfrequenten elektromagnetischen Felder nicht aus dem Haus.

Je nach Umgebung können weiterhin vorhanden sein:

  • WLAN-Signale aus Nachbarwohnungen oder Nachbarhäusern.
  • Mobilfunksignale verschiedener Netzbetreiber.
  • Funkverbindungen von Smartphones.
  • DECT-Signale schnurloser Telefone.
  • Andere Funkanwendungen im Haushalt.

Dabei unterscheiden sich Frequenzen, Feldstärken und zeitliche Eigenschaften erheblich.

Das macht die Behauptung, man könne speziell das eigene WLAN unmittelbar wahrnehmen, besonders überprüfungsbedürftig.

Allerdings lässt sich aus der bloßen Anwesenheit anderer Funkquellen nicht ableiten, dass eine bestimmte Person keinerlei Beschwerden haben kann.

5. Wie könnte man die Behauptung überprüfen?

Theoretisch wäre ein verblindeter Versuch möglich.

Der Router würde zu vorher festgelegten, zufällig bestimmten Zeiten mit aktiviertem oder deaktiviertem WLAN betrieben.

Die Frau müsste jeweils angeben, ob sie das WLAN für eingeschaltet hält.

Wichtig wäre, dass sie keinerlei Hinweise auf den tatsächlichen Zustand erhält – weder durch Kontrollleuchten noch durch Geräusche oder Veränderungen an anderen Geräten.

Erst nach ausreichend vielen Durchgängen würde ausgewertet, ob ihre Einschätzungen statistisch über dem Zufallsniveau liegen.

Ein solcher privater Versuch wäre allerdings kein wissenschaftlicher Nachweis. Außerdem sollte er nur mit ihrem Einverständnis stattfinden. Heimliches Ein- und Ausschalten würde das Vertrauen innerhalb der Beziehung beschädigen und wäre kein angemessener Umgang mit ihren Beschwerden.

6. Und was ist mit dem Ehemann?

Hier liegt möglicherweise das eigentliche zwischenmenschliche Problem.

Die Frau erlebt offenbar Beschwerden, die sie mit WLAN in Verbindung bringt. Ihr Mann muss deshalb auf eine Technik verzichten, die heute für viele alltägliche Anwendungen wichtig ist.

Beide Interessen sind legitim: Sie möchte sich vor vermeintlichen gesundheitlichen Belastungen schützen, er möchte sein Heimnetzwerk nutzen.

Allerdings sollte eine wissenschaftlich nicht belegte Gefahrenannahme nicht automatisch dazu führen, dass ein Familienmitglied dauerhaft erhebliche Einschränkungen hinnehmen muss.

Eine vernünftige Lösung könnte darin bestehen, die Beschwerden ärztlich abklären zu lassen und gemeinsam nach technischen und organisatorischen Kompromissen zu suchen.

Mein Fazit

Es gibt bislang keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege dafür, dass Menschen gewöhnliche WLAN-Signale unmittelbar spüren können oder dass WLAN-Exposition unterhalb der geltenden Grenzwerte die typischen Beschwerden der sogenannten Elektrosensibilität verursacht.

Die Beschwerden der Betroffenen können trotzdem vollkommen real sein.

Die wissenschaftlich angemessene Haltung besteht deshalb darin, die Symptome ernst zu nehmen, ohne die behauptete Ursache ungeprüft zu übernehmen.

Und gerade im geschilderten Fall wäre es wichtig, dass die Frau nicht nur Unterstützung bei ihren Beschwerden erhält, sondern auch der Ehemann mit seinen Bedürfnissen berücksichtigt wird.

Klären müsste man jetzt Folgendes: Behauptet die Frau, sie könne ein eingeschaltetes WLAN auch dann erkennen, wenn sie vorher nicht weiß, ob es eingeschaltet wurde? Oder bekommt sie Kopfschmerzen, sobald sie weiß, dass ihr Mann den Router eingeschaltet hat?

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(©si)