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Transparenz bei Laufzeitverträgen

Transparenz bei Laufzeitverträgen

Ein iPhone für 1 Euro, ein Digitalreceiver für 1 Euro und ein toller Klingelton für nur 1 Euro. Die Welt ist ja so billig geworden!
Tagtäglich habe ich mit jungen Leuten aus verschiedenen Altersstufen zu tun und muß immer wieder feststellen, daß nur die wenigsten Kinder und Jugendlichen überhaupt einen Schimmer davon haben, was etwa unter dem Begriff „Folgekosten“ zu verstehen ist. Nach meinen Beobachtungen ist es so, daß etwa ein Drittel gar nicht weiß, daß es Folgekosten gibt. Ein weiteres Drittel hat zwar in etwa eine Ahnung davon, glaubt aber, das sei vernachlässigbar wenig.Das letzte Drittel weiß um die Folgekosten, hat auch eine Vorstellung davon, was in der Summe auf sie zukommt, ist aber durch das momentane Angebot so zum Kauf gereizt, daß es diese Kosten im Bewusstsein beiseite schiebt.

Transparenz bei LaufzeitverträgenTransparenz bei Laufzeitverträgen

Schon vor längerer Zeit schrieb ich hier im Dreibeinblog, daß ich es für richtig halte, wenn die Anbieter solcher Produkte und Dienstleistungen dazu verpflichtet würden, Ross und Reiter zu nennen. Es gab schon einmal Ansätze, da mußten wenigstens bei Handyverträgen die Gerätepreise ohne Vertrag mit angegeben werden. Vermutlich besteht diese Richtlinie sogar noch, aber wie ich in den aktuellen Angeboten der großen Elektronikmärkte feststelle, fehlen diese Angaben gänzlich oder sind wie in einem Fall, im ganz kleinen Minifußnotentext auf einer anderen Seite des Prospekts versteckt.

Transparenz bei Laufzeitverträgen

Hier mal ein Ausschnitt aus einem beliebigen Reklameprospekt, wie ihn ja alle Elektronikmärkte den Tageszeitungen beilegen.
Man erkennt deutlich das Mißverhältnis zwischen der lockenden Preisangabe 1.- € und dem winzig kleinen Text mit den näheren Preisangaben. Selbst mir fällt es schwer, trotz guter Brille, dieses Kleingedruckte zu entziffern. Vergrößert man das Ganze um ein Vielfaches, dann wird der Text erst lesbar und man sieht, daß er gerade einmal einen winzigen Millimeter groß ist.

Transparenz bei Laufzeitverträgen

Die große Eins darüber bringt es immerhin auf stolze 11,8 cm (!).

Natürlich: Das ist Reklame, das ist Werbung und selbstverständlich sollen Unternehmen mit vermeintlich besonders günstigen Preisen auch reißerisch werben können.
Klappern gehört zum Handwerk und meinetwegen darf die Eins auch seitenfüllend oder sogar noch zum Ausklappen sein.
Aber die Fakten, was denn das Handy oder der Receiver oder der Computer unterm Strich dann tatsächlich kosten, die sollten zumindest so gedruckt sein, daß man sie vollkommen problemlos lesen kann. Ich fordere das auch übrigens unermüdlich für die Fernsehwerbung, bei der ganz wesentliche Vertragsbestandteile und Fallstricke lediglich für Sekundenbruchteile in winziger Schrift eingeblendet werden.

Als ich das vor längerer Zeit hier schon einmal schrieb, kamen Kommentare, in denen die Leser darauf hinwiesen, das sei ja nicht die Aufgabe der Reklame. Reklame solle bloß Interesse wecken und richtig informieren könne man sich doch ganz genau dann im Laden. Richtig, dem stimme ich bei den heute thematisierten Angeboten auch zu, nicht jedoch zum Beispiel bei Klingelton- oder Handywerbungen, bei denen der Kunde sofort anrufen oder eine SMS schicken soll, um quasi telefonisch einen Vertrag abzuschließen.

Da wird nämlich mit allen Tricks gearbeitet, um das zwischendurch mal kurz zu erwähnen. Zum Beispiel bietet eine Handyvertragsfirma gleich zwei tolle Handys und eine Spielkonsole an und behauptet, man müsse lediglich 4,99 Euro im Monat abtelefonieren und schon sei man aus dem Schneider.
Man muß kein Kaufmann sein, um flink ausrechnen zu können, daß der grob überschlägige Betrag von 240 Euro, der da in 24 Monaten zusammenkäme, nicht ausreicht, um beide Handys und die Spielkonsole zu finanzieren. Irgendwo muß die Handyvertragsfirma also noch eine Fußangel ausgelegt haben, in der der Kunde mitsamt seinem Geldbeutel hängen bleiben muß.
Und in der Tat, schaut man sich das Angebot näher an, was nur geht, wenn man die TV-Werbung aufzeichnet und die kurz eingeblendeten Texte anhält, dann sieht man, daß die 4,95 Euro Mindestumsatz in diesem speziellen Fall nur innerhalb der „Friend-Zone“ erbracht werden müssen. Man kann also nur mit bis zu 4 noch auszusuchenden Freunden, die aber alle das gleiche Netz haben müssen, diese 4,95 Euro zu einem Minutenpreis von stolzen 19 Cent telefonieren.
Und weiter geht es: Für alle anderen Gespräche und SMS, und das dürfte die große Mehrzahl sein, fallen 39 Cent/Minute bzw. 29 Cent an, die auf die 4,95 Euro noch in Summe obendrauf kommen.
Mal abgesehen davon, daß diese Preise ziemlich happig sind, woanders gibt es so etwas schon für jeweils 9 Cent ohne Mindestumsatz und ohne Fußangeln, ist es damit aber noch nicht genug mit der Abzockerei!
Dem Kunden werden noch so genannte Optionsangebote unterbreitet. Er darf einen Monat lang bei „BIMBO-XYZ“ Klingeltöne, Handylogos und Gimmicks herunterladen. Das klingt doch schön, da bekommt man doch was geschenkt. Aber Pustekuchen: Wer sich den Blitztext anschaut, der wird schnell erkennen, daß man als Kunde nur den ersten Monat geschenkt bekommt, danach darf man brav 3,99 Euro pro Woche (!) für das XXL-Klingeltonabo bezahlen.

Ja und wenn man das alles zusammenzählt, noch auf zwei Jahre hochrechnet und dann noch für zwei Handys mal Zwei nimmt, dann kommt man auf einmal auf ganz andere Beträge.

Spielen wir es doch mal eben durch. Angenommen der Handyvertragskunde und seine Freundin, der er das zweite Handy gibt, telefonieren nur 5 Minuten jeden Tag und versenden 5 SMS zu den Preisen 39 Cent/Minute und 29 Cent/SMS, dann macht das, auf die 24 Monate Laufzeit hochgerechnet schon stolze 1.423,50 Euro.
Hinzu kommen aber noch die 4,95 Euro Grundgebühren bzw. Mindestumsatz, die sich insgesamt nach zwei Jahren auf immerhin auch noch 237,60 Euro belaufen werden.
Aber wie ich schon sagte, damit ist es nicht genug, der ganz große Pferdefuß verbirgt sich im XXL-Super-Klingeltonabo, das nach zwei Jahren für beide Handys mit brutalen 829,92 Euro zuschlägt.
Zusammen macht das „nur 4,95 abtelefonieren“-Angebot also am Ende mal beinahe glatte 2.500 Euro (1) aus!

Für 2.500 Euro kann man locker zwei Handys á 129 Euro und eine Spielkonsole für 199 Euro raushauen, das sind 457 Euro „Geschenke“ und 2043 Euro Vertragseinnahmen…

Das war ein bißchen viel für „zwischendurch“? Ja, war es, aber es zeigt doch eindrucksvoll, was sich alles hinter Kleingedrucktem und Schnellerzähltem verbergen kann.

Deshalb muß Transparenz her und sei es nur für die ganz Blöden.
Ein Weg wäre zum Beispiel, daß man jedes Mal eine Beispielrechnung wie oben anführt, natürlich nicht so detailliert und so lang, aber man könnte ein Standard-Nutzerprofil aus dem Durchschnitt errechnen und dann angeben: Fixe Kosten in jedem Fall: 1.067,52 Euro, mit durchschnittlicher Telefonie: komplett 2.500 Euro!

Meinetwegen kann man dieses Theater auch vom Thema Werbung entkoppeln. Dann aber müßte jeder Handyvertragsverkäufer jedem Kunden sämtliche Kosten detailliert offenlegen, in der Summe ausrechnen und sich von ihm auf einem gesonderten Blatt genau das unterschreiben lassen: Ich wurde umfassend darüber beraten, daß am Ende mindestens 2.500 Euro an Kosten entstehen.

Wir erinnern uns: Ein Drittel der Jugendlichen weiß überhaupt nichts von Folgekosten, ein weiteres Drittel kennt diese nur vage und ein Drittel ist durch Handy- und sonstige Geschenke geblendet.

(1) genau sind es 2.500,02 Euro

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


Alle Angaben nach bestem Wissen, keine Rechts- Steuer- oder Medizinberatung! Fragen Sie einen Fachmann!


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