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Meine Abkehr von Quarzuhren

Quarzuhr 800x500

Meine Güte, was war ich heiß auf diese Tchibo-Uhr! 39,95 D-Mark – das war damals ein ordentlicher Batzen Geld. Aber Quarzuhren waren zu dieser Zeit schlicht das Maß aller Dinge. Moderner, genauer, futuristischer – mehr ging nicht. Und Tchibo schaffte es, diese neue Technik plötzlich für ganz normale Leute erschwinglich zu machen.

Ich erinnere mich noch gut: Es waren mindestens zwei dieser Uhren, die ich besessen habe. Eine schwarze mit Kunststoffgehäuse und Gummiarmband – sportlich, fast schon ein bisschen „Space Age“. Und eine zweite mit silbernem Metallgehäuse und Edelstahlarmband, die schon fast wie eine „richtige“ Herrenuhr wirkte. Beide hatten natürlich dieses unverwechselbare Extra: den stündlichen Signalton (Chime). Was haben wir damit unsere Mitmenschen zur Weißglut getrieben, wenn es wieder einmal zur vollen Stunde piepste?

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Man muss sich das heute noch einmal vor Augen führen: Quarztechnik war damals Hightech. Sie stand für Fortschritt, Präzision und Zukunft. Während mechanische Uhren von winzigen Zahnrädern, Federn und Hebeln lebten, arbeitete die Quarzuhr mit einem elektronisch angeregten Kristall – ein kleines Wunderwerk moderner Physik. Diese neue Technik wurde nicht zuletzt auch durch Popkultur und Kino befeuert. Wenn in den James-Bond-Filmen plötzlich digitale Anzeigen, Multifunktionsuhren oder futuristische Zeitmesser am Handgelenk des Geheimagenten auftauchten, war klar: Das ist die Zukunft.

Die Quarzuhr stürzte die Schweizer Uhrenindustrie (und nicht nur dort) in eine schwere Krise1.
Es gab schlagartig keinen Bedarf mehr für günstige mechanische Uhren. Alle wollten nur noch batteriebetriebene Digitaluhren.

Das führte zu ganz seltsamen Konstruktionen. Mit solchen Uhren, wie auf dem folgenden Bild zu sehen, versuchte man, mechanische Uhrentechnik mit „digitaler Ziffernanzeige“ an den Mann zu bringen.

Analodig 800x500

Digitale Uhren eroberten die Welt im Handumdrehen.

Was früher als Spitzentechnologie galt, wurde im Laufe der Jahrzehnte immer günstiger. Die Produktion wurde perfektioniert, die Bauteile standardisiert, die Preise sanken. Was einst ein technisches Highlight war, entwickelte sich schleichend zu einem Massenprodukt. Heute bekommt man Quarzuhren für wenige Euro – zuverlässig, robust und erstaunlich präzise.

Und genau hier liegt die Ironie der Geschichte: Eine einfache Quarzuhr für fünf Euro kann die Zeit oft genauer anzeigen als ein mechanischer Chronometer, der ein Vielfaches kostet. Selbst aufwendig regulierte Manufakturwerke kommen in Sachen Ganggenauigkeit in der Regel nicht an die Präzision eines Quarzwerks heran. Objektiv betrachtet ist die Quarzuhr also der Sieger.

Und trotzdem hat sich ihr Image gewandelt.

In der Welt der Uhrenliebhaber gilt die Quarzuhr heute oft als banal, als seelenlos, als technisch zwar überlegen, aber emotional unbefriedigend. Das mag auf den ersten Blick irrational erscheinen, ist aber gut erklärbar. Denn bei mechanischen Uhren geht es längst nicht mehr nur um die Zeitmessung. Es geht um Handwerk, Tradition, Technikbegeisterung – und ein kleines Stück Ingenieurskunst am Handgelenk.

Auch bei mir hat sich dieser Wandel vollzogen.

Ich habe nach wie vor einige Quarzuhren, und ich trage sie auch gerne. Gerade bei sehr flachen, eleganten Uhren sind Quarzwerke oft die einzige Möglichkeit, diese Bauform überhaupt zu realisieren. Und natürlich schätze ich ihre Zuverlässigkeit.

Aber meine eigentliche Leidenschaft gehört heute den mechanischen Automatikuhrwerken. Dieses leise Ticken, das spürbare Leben im Inneren der Uhr, das Zusammenspiel aus Feder, Unruh und Räderwerk – das hat für mich eine ganz andere Qualität. Eine Automatikuhr lebt gewissermaßen mit ihrem Träger. Sie zieht sich durch Bewegung auf, sie bleibt stehen, wenn man sie ablegt, und sie verlangt ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit.

Und dann ist da noch ein ganz praktischer Punkt, der mich zunehmend von Quarzuhren entfremdet hat: der Batteriewechsel. Was früher kaum der Rede wert war, nervt mich heute gewaltig. Entweder ist es eine fummelige Angelegenheit mit winzigen Dichtungen und filigranen Gehäusen – oder ich scheitere gleich ganz daran, die Uhr überhaupt zu öffnen. Selbst mit ordentlichem Werkzeug ist das nicht immer trivial. Und jedes Mal stellt sich die Frage: Lohnt sich das überhaupt noch?

So ist meine Begeisterung für Quarzuhren im Laufe der Jahre leiser geworden. Nicht verschwunden – aber deutlich in den Hintergrund gerückt.

Was geblieben ist, ist die Erinnerung an eine Zeit, in der ein piepsender Sekundenrhythmus und ein digitales Display das Versprechen der Zukunft waren. Und vielleicht ist genau das das Schöne an der Uhrensammelei: Dass sie immer auch ein Stück persönliche Geschichte erzählt.

Es geht mir nicht um die exakteste Zeitmessung. Es geht mir auch nicht mehr um die modernste Technik. Nein, ich habe nostalgische Gefühle, wenn ich mit altbewährter Technik umgehe.
Ich bekomme solche Gefühle auch, wenn ich ein Wählscheibentelefon sehe, wenn ich auf meinen beleuchteten Globus schaue oder wenn ich einen Sextanten betrachte.
Wir Menschen haben so schöne Dinge geschaffen, die mit reiner Mechanik, etwas Glas und Metall so viel können. Da ist es einfach auch ein bißchen schade, dass alles nur noch von einem Chip erledigt werden soll.

Bildquellen:

  • analodig_800x500: Peter Wilhelm
  • quarzuhr_800x500: Klontag

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(©si)