Eines Morgens will ich gerade wegfahren, da kommt ein älterer Herr auf mein Auto zugelaufen und winkt ganz aufgeregt. „Herr Wilhelm, Herr Wilhelm!“ Ich kenne den Mann nicht.
Er ist etwa in meinem Alter, also zwischen 65 und 70, ist im eleganten Förster-Look gekleidet und hat im Gegensatz zu mir einen sehr sauber gestutzten Bart. Ich kann mich in der letzten Zeit nicht entscheiden, was ich mit dem Gestrüpp am Kinn machen soll: abschneiden, irgendwie glätten? Ich weiß es nicht.
Ich lasse das Seitenfenster herunter und der Herr stellt sich als Josef Hillgenberger vor. „Sie, sie werden entschuldigen, aber ich kenn‘ sie.“
Ihm freundlich zunickend, mache ich dennoch ein fragendes Gesicht. Herr Hillgenberger sagt: „Ich kenne alle ihre Bücher und ich lese auch im Internet bei ihnen mit. Ich bin nämlich Uhrensammler.“
Er sei extra von Speyer zu mir gefahren, um mich mal zu treffen, und er habe nur eine harmlose Absicht, mich zum Kaffee einzuladen, damit er mir seine schöne Uhrensammlung zeigen kann.
Nun habe ich aufgrund meines Berufs eine gewisse Bekanntheit. Das bedeutet, es gibt einige Leute, die wissen, wer ich bin und was ich mache, wobei die Zahl der Menschen, die überhaupt keine Ahnung von mir haben, sicherlich bei weitem überwiegt. Ich bin halt kein Promi oder gar berühmt, sondern, so wie ich es eingangs schrieb, in gewisser Weise etwas bekannt.
Das führt dazu, dass manche Leute einer komischen Umkehrschlussfolgerung unterliegen: Sie glauben, wenn sie mich schon kennen, und wenn sie dann sogar schon Geld für meine Bücher ausgegeben haben, dann würde ich ihnen ein Stück verpflichtet sein, oder gar in gewisser Weise gehören.
Eine Frau aus dem Schwarzwald beispielsweise wollte unbedingt, dass ich nach dem Tod ihres Mannes zu ihr ziehe und den Lebensabend mit ihr verbringe. Sie hatte gar kein Verständnis dafür, dass ich diese Idee nicht so toll fand. Erst als ich sie eindringlich befragte, wo um alles in der Welt wir denn in ihrer Zweizimmerwohnung, meine bereits vorhandene Ehefrau und die beiden Kinder, wie auch die beiden Hunde unterbringen sollen, begann ihr zu dämmern, dass es gewisse Probleme geben könnte.
Andere Leute kommen einfach mal vorbei. Sie stehen dann vor unserem Haus, klingeln und ärgern sich, dass ich samstagsabends oder sonntagsmorgens um acht keine Lust habe, runterzukommen, um ein Buch zu signieren.
Wer einen Termin ausmacht, dem erfülle ich solche Wünsche gerne. Aber einfach so vorbeikommen, nee…
Herr Hillgenberger hatte es genauso gemacht, aber er war überaus freundlich und nicht drängend, sondern gab mir seine Visitenkarte und meinte: „Ich will ihnen nicht zur Last fallen. Ich schreib‘ ihnen nächste Tage mal eine Mail, und falls sie Lust haben, können wir ja mal was ausmachen.“
Ein paar Wochen später ist es so weit. Herr Hillgenberger empfängt mich an der Eingangstür seines 60er-Jahre-Bungalows. Seine Frau hat Kuchen gebacken.
Das Wohnzimmer beeindruckt mich. Das Ehepaar Hillgenberger hat schöne, geschmackvolle Möbel aus richtigem Holz. Nicht so einen Poco-Krempel aus gepresster Pappe, wo man zwei schmale Brettchen und einen kleinen Kasten eine Wohnwand nennt. Die eine Seite des Raums wird von hohen Bücherregalen eingenommen. Am anderen Ende gibt es ein Sideboard, auf dem mehrere Uhrenbeweger stehen. Obwohl sie schön beleuchtet sind, kann ich nicht erkennen, welche Uhren da ihre Runden drehen.
Drei Uhrenbeweger sind es. Jeder hat zwei Dreheinrichtungen, und auf jeder davon finden drei Uhren Platz. Insgesamt drehen sich da also 18 Uhren im Kreis.
Das Ehepaar ist überaus freundlich. Frau Hillgenberger erwartet nichts anderes, als dass ich ihren Kuchen lobe und den Kaffee lecker finde. Ihr Mann hat unterdessen ein Fotoalbum herausgekramt, das er nach einem Urlaub in Tansania angelegt hatte. Aus unerfindlichen Gründen legt er großen Wert darauf, mir viel und ausführlich von ihrem Afrika-Urlaub zu erzählen, der nun auch schon 30 Jahre zurückliegt.
Immer mal wieder blicke ich zu den Uhrenbewegern hinüber, von denen einer seine Drehrichtung geändert hat. Gute Uhrenbeweger, das weiß ich, drehen nicht einfach nur stur in eine Richtung, sondern eine Weile so herum, dann andersherum und gönnen dann den Uhren eine mehrstündige Pause. Ich vermag aber immer noch nicht, zu erkennen, was für Uhrenschätze sich da drehen. Patek Philippe? Rolex? Audemars Piguet?
„Erwin, der Mann will Deine Uhren sehen“, mahnt Frau Hillgenberger ihren Gatten und fügt hinzu: „Mein Erwin ist ganz verrückt nach dene‘ Uhre‘. Alle paar Monate schröpft der unser Haushaltsgeld, um sich wieder eine zu kaufen. Immer, wenn wir in eine andere Stadt kommen, muss er gleich in ein Uhrengeschäft. Und glauben Sie mir, für mich als Frau ist das so langweilig. Wenn er nur halb so viel Interesse für meine Spitzenklöppelei hätte…“
Herr Hillgenberger legt das Afrikaalbum zur Seite. „Wir können ja später noch die Bilder fertiggucken, ich merke ja, wie Sie das interessiert. Aber nun schauen wir erst mal meine Sammlung an. Sie glauben nicht, wie viel Sorgfalt ich darauf verwendet habe, nur die besten Stücke zusammenzutragen. Kommen Sie!“
Mit diesen Worten steht er auf, geht zum Sideboard und zieht eine große Schublade auf. Ich folge ihm, und dann sehe ich seine Sammlung.
In der Schublade liegen sauber aufgereiht ungefähr 80 Swatch-Uhren. Auch im Uhrenbeweger drehen sich die Plastik-Quarzuhren aus der Schweiz. Alles ist bunt, alles hat Plastikarmbänder.
Herr Hillgenberger strahlt. „Na, was sagen Sie? Ist das nicht eine Pracht? Haben Sie so viel Schönes schon mal auf einmal gesehen?“
Ich bin, gelinde gesagt, etwas sprachlos.
Was soll ich sagen?
Ich nicke ihm freundlich zu und mache ihm Komplimente für seine tolle Kollektion. „Da haben Sie ja ordentlich was zusammengetragen, meine Güte. Und so viele. Die sind ja bestimmt einiges wert.“
Es ist wichtig, dass man immer dazu sagt, dass die Sachen bestimmt etwas wert sind. Denn viele Sammler leben von dem Glauben, ihre Sammlung von was auch immer, steige im Laufe der Zeit enorm im Wert.
Eine Dame, die ich kannte, und die Zuckerstückchen mit Werbung sammelte, war fest davon überzeugt, dass einige Reklame-Zuckerwürfel bestimmt schon mehrere tausend Euro wert sein müssten.
Herr Hillgenberger nickt ganz aufgeregt. „Ja, hier die Popswatches, die gibt es ja so gar nicht mehr. Alles Limited Edition. Unter Sammlern sind die ein Vermögen wert.“
Seine Frau ruft vom Kaffeetisch herüber: „Na, hoffentlich, Erwin, davon bezahle ich mal Deine Beerdigung.“
„Von wegen! Du würdest auf das erstbeste Angebot hereinfallen, und die Uhren-Mafia würde Dich ordentlich über den Tisch ziehen. Nichts da! Du verkaufst da gar nichts von. Das muss jemand machen, der Ahnung davon hat. Aber jetzt ist der Herr Wilhelm ja da.“
Wie bitte? Der Herr Wilhelm ist jetzt da? Wozu?
Das erklärt mir der Pensionär dann auch sofort: „Sie, Herr Wilhelm, Sie kümmern sich um den Verkauf, wenn ich mal nicht mehr bin, Sie nehmen meine Uhren, lassen die schätzen, und dann geben Sie die in eine Auktion. Ich rechne mit deutlich über 100.000 Euro.“
Ich hätte sagen können, dass ich Plastikuhren scheiße finde. Ich hätte ihm sagen können, dass der sogenannte Sammlerwert oft nichts als eine Illusion ist, die die Leute zum Weitersammeln animieren soll.
Und ich hätte ihm sagen können, dass er mit viel Glück ganz sicher für das eine oder andere Stück tatsächlich einen bestimmten Liebhaberwert erwarten dürfe.
Aber sind wir doch mal ehrlich: Wenn es dann schnell gehen soll, dann findet man keinen Abnehmer, und schließlich wird das Ganze als Konvolut zu einem Schleuderpreis an jemanden verkauft, der so tut, als müsse man dankbar sein, dass er einem den Mist überhaupt abnimmt.
Stattdessen sage ich aber zu ihm: „Lieber Herr Hillgenberger, Sie haben hier eine wunderschöne Sammlung. Die ist ganz bestimmt auch sehr viel wert. Aber ich kenne mich mit Swatch-Uhren überhaupt nicht aus. Schauen Sie, ich schreibe unter anderem ein Blog. In dem geht es ab und zu auch mal um Uhren. Aber ich bin beileibe kein Fachmann auf diesem Gebiet. Die Gefahr, dass mich jemand beim Verkauf Ihrer wertvollen Stücke übers Ohr haut, ist viel zu groß. Sie müssen unbedingt einen richtigen Fachmann einschalten. Ich kann das nicht machen.“
Ich werfe noch einmal einen Blick auf die batteriebetriebenen Plastikuhren, die sinnlos in den Uhrenbewegern ihre Runden drehen, gehe dann schnurstracks zum Kaffeetisch und verleibe mir ein weiteres Stück vom Kuchen seiner Gattin ein und schlürfe genüsslich den guten Kaffee dazu. Das Wichtigste ist gesagt. Ich lasse ihn das Gespräch gar nicht mehr auf die Uhren bringen.
Wir gucken uns noch ein paar Seiten im Tansania-Album an, dann verabschiede ich mich.
An der Tür schüttelt mir Frau Hillgenberger nochmal die Hand. Und als ihr Mann uns nicht hören kann, fragt sie: „Gell, das ist alles Gelumpe, oder? Nichts wert, oder? Ich meine, der gibt da alle paar Monate ein Vermögen für aus, so 120 Euro oder so.“
Meine Güte. Die Hillgenbergers leben in einem großen Haus, es herrscht ganz offensichtlich keine Armut. Und alle paar Monate mal 120 bis 150 Euro, das ist doch kein Vermögen.
Deshalb sage ich zu ihr mit gesenkter Stimme: „Ihr Mann hat da ganz was Besonderes zusammengetragen. Der macht das schon richtig. Irgendjemand wird da eines Tages viel Freude dran haben. Lassen Sie ihn nur machen.“
„Na, wenn Sie meinen. Er ist ja auch so glücklich mit seiner Sammlung.“
Und genau darauf kommt es doch an. Genau darauf!
Bildquellen:
- ikol_800x500: Peter Wilhelm ki

















