Wenn eine neue Automatikuhr nicht sofort perfekt läuft, sorgt das schnell für Verunsicherung – doch oft steckt dahinter kein Defekt, sondern ganz normale Mechanik.
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- Ein Automatikuhrwerk ist kein Quarzwerk
- Wir reden hier über günstige Uhren
- Das Uhrwerk muss erst „in Gang kommen“
- 30 Umdrehungen sind gut – aber manchmal nicht genug
- Die typische Ursache: Zu wenig Energie im System
- Was Du keinen Fall tun solltest
- Fertigungstoleranzen: Warum das bei günstigen Uhren eher vorkommt
- Warum nur am ersten Tag?
- Wann sollte man skeptisch werden?
- Ein kleiner Tipp für die Zukunft
- Fazit
- Bildquellen:
Erstmal: Keine Panik. Das Verhalten, das Du beschreibst, ist bei neuen Automatikuhrwerken gar nicht so ungewöhnlich, wie man denkt.
Ein Automatikuhrwerk ist kein Quarzwerk
Wenn man von batteriebetriebenen Uhren kommt, erwartet man oft, dass eine Uhr einfach „läuft“. Immer. Sofort. Ohne Diskussion. Eine Automatikuhr tickt aber anders – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie lebt davon, dass sich Teile bewegen, dass Öle verteilt werden, dass Federn Spannung aufbauen. Und genau hier liegt oft die Erklärung für solche Startprobleme.
Wir reden hier über günstige Uhren
Wenn Du eine Uhr mit Automatikwerk aus einer renommierten Produktion kaufst, kannst Du Dich darauf verlassen, dass Uhrwerk und fertige Uhr mehrfach ganz genau überprüft wurden.
Im günstigen Preissegment haben wir es mit einer Massenproduktion zu tun.
Je günstiger das Uhrwerk, umso geringer die Chance, dass da mal jemand ernsthaft draufgeschaut hat. Da wird allenfalls durch einen prüfenden Blick auf 100 Uhren auf einem Transportbrett kurz geschaut, ob alle Zeiger laufen. Oft wird das auch von computergesteuerten Kameras übernommen.
Ob die Uhren dann über Stunden und Tage weiterlaufen, wird meist nicht getestet.
Das Uhrwerk muss erst „in Gang kommen“
Viele mechanische Uhrwerke – gerade in günstigeren Uhren oder bei neuen Modellen – haben ein kleines „Einlaufverhalten“.
Das bedeutet: Die Uhr ist fabrikneu, wurde vielleicht lange gelagert, transportiert, bewegt, erschüttert – und das Schmieröl im Werk ist nicht unbedingt gleichmäßig verteilt. Wenn Du sie dann das erste Mal in Betrieb nimmst, kann es passieren, dass sie noch nicht ganz rund läuft.
Das äußert sich genau so, wie Du es beschreibst:
- Die Uhr bleibt stehen
- Der Sekundenzeiger setzt aus
- Nach Bewegung läuft sie wieder an
Denk mal darüber nach, wie winzig die Zahnräder in so einer Uhr sind. Da genügen kleinste Grate, um einen flüssigen Lauf zu erschweren. Das kann dazu führen, dass die Uhr im schlimmsten Fall nach kurzer Zeit regelrecht blockiert. Ein Leser berichtete mir, dass eine Uhr mit Seagull-Uhrwerk immer mal wieder stehenbleibt und er sie dann seitlich auf den Tisch aufklopfen muss, um sie wieder in Gang zu bringen.
Das ist natürlich eine seltene Ausnahme.
Aber es kann durchaus sein, dass Du Deine Uhr mehrmals aufziehen und etliche Male neu stellen musst, bis sich die einzelnen Komponenten etwas eingeschliffen haben. Dann läuft sie meist ganz gut.
30 Umdrehungen sind gut – aber manchmal nicht genug
Du hast alles richtig gemacht: 20 bis 30 Umdrehungen sind grundsätzlich ein guter Start.
Aber: Das ist eher ein „Anschubsen“ als ein vollständiges Aufziehen.
Gerade bei neuen Werken kann es sinnvoll sein, die Uhr etwas länger zu tragen oder sie über mehrere Stunden hinweg in Bewegung zu halten, damit sich das Werk stabilisiert.
Die typische Ursache: Zu wenig Energie im System
Wenn eine Automatikuhr nicht genug Energie hat, passiert genau das, was Du beobachtet hast:
Der Sekundenzeiger bleibt stehen – weil die Kraft nicht mehr ausreicht, um das Werk sauber anzutreiben.
Durch Bewegung (also Tragen oder leichtes Schütteln) bekommt der Rotor wieder Energie ins System – und die Uhr läuft weiter.
Das ist kein Defekt, sondern schlicht Physik.
Was Du keinen Fall tun solltest
Du weißt es bestimmt: Man kann mechanische Uhrwerke auch überdrehen. Das gilt vor allem für Handaufzugswerke ohne Automatik und auch für ältere Automatikuhren. Du darfst sie keinesfalls bis auf Vollanschlag aufziehen! Höre genau hin, achte auf den Widerstand, den die Krone bietet und höre mit dem Aufziehen sofort auf, wenn es etwas schwerer geht. Am besten merkst Du Dir, wie viele Umdrehungen Du benötigt hast. Ziehe davon 5 ab und dann hast Du die ideale Umdrehungszahl bei komplett abgelaufener Feder.
Moderne Automatikwerke haben eine Sicherheitsrast eingebaut. Der Rotor zieht die Uhr ja ständig ein kleines bisschen auf, und er „weiß“ ja nicht, wann die Feder in der Federdose komplett aufgezogen ist. Deshalb schnalzt hier ein kleiner Finger zurück, wenn die Feder voll gespannt ist. Das verhindert auch beim manuellen Aufziehen ein Überdrehen.
Aber trotzdem gilt: Wenn die Uhr Anfangsschwierigkeiten zeigt, solltest Du auf gar keinen Fall versuchen, mit Gewalt noch mehr Druck in die Feder zu bringen.
Fertigungstoleranzen: Warum das bei günstigen Uhren eher vorkommt

Man muss an dieser Stelle auch ganz ehrlich sagen: Dieses Verhalten wirst Du bei hochwertigen Luxusuhren oder bei Top-Marken in dieser Form kaum erleben. Aber wir reden hier eben nicht über eine Uhr für mehrere tausend Euro, sondern über eine Hommage-Uhr aus industrieller Massenfertigung – oft mit chinesischen oder japanischen Standardwerken.
Das heißt nicht, dass diese Uhren schlecht sind. Ganz im Gegenteil: Wenn man einmal sähe, wie viel Handarbeit selbst in solchen Uhren steckt, wäre man vermutlich überrascht.
Aber am Ende bleibt es eben doch Serienproduktion. Und genau hier kommen die Fertigungstoleranzen ins Spiel.
In einem Uhrwerk bewegen sich winzige Zahnräder, Wellen, Lager und Federn in einem fein abgestimmten Zusammenspiel. Wenn hier minimale Abweichungen auftreten – und sei es nur im Mikrometerbereich –, kann das bereits Einfluss auf das Laufverhalten haben.

Hinzu kommt:
- Kleine, kaum sichtbare Grate an Zahnrädern
- Schmierstoffe, die sich noch nicht vollständig verteilt haben
- Lagerstellen, die erst „freigelaufen“ werden müssen
- Und nicht zuletzt: Uhren, die Wochen oder sogar Monate unbenutzt im Lager gelegen haben
All das führt dazu, dass ein neues Werk manchmal nicht sofort perfekt rund läuft.
Bei teuren Luxusuhren wird dieser Effekt durch aufwendigere Endkontrollen, Nachregulierung und intensivere Qualitätsprüfungen weitgehend ausgeschlossen. Bei günstigen Hommage-Uhren hingegen bekommt man ein ehrliches Stück Technik aus der Großserie – mit allen kleinen Eigenheiten, die dazu gehören. Oder anders gesagt: Du bekommst erstaunlich viel Uhr fürs Geld – aber eben keine handselektierte Perfektion bis ins letzte Detail.
Warum nur am ersten Tag?
Das ist der entscheidende Hinweis: Wenn das Problem nur am ersten Tag aufgetreten ist, dann spricht alles dafür, dass sich das Werk „eingelaufen“ hat.
Die Öle haben sich verteilt, die Mechanik läuft freier, die Energieübertragung funktioniert besser.
Danach verhält sich die Uhr so, wie sie soll.
Wann sollte man skeptisch werden?
Ein bisschen Startzickigkeit ist normal.
Nicht normal wäre es, wenn:
- die Uhr dauerhaft stehenbleibt
- sie täglich stehenbleibt trotz Tragen
- sie extrem ungenau läuft
Dann könnte tatsächlich ein Problem vorliegen.
Aber so, wie Du es beschreibst, klingt das nach einem völlig normalen Einlaufverhalten.
Ein kleiner Tipp für die Zukunft
Wenn Du eine neue Automatikuhr bekommst:
- Ziehe sie ruhig 30–40 Umdrehungen auf
- Trage sie mehrere Stunden am Stück
- Bewege sie am Anfang ruhig etwas bewusster
Danach läuft sie in aller Regel stabil.
Fazit
Deine Uhr ist sehr wahrscheinlich völlig in Ordnung.
Was Du erlebt hast, ist kein Fehler, sondern ein typisches Verhalten eines neuen mechanischen Uhrwerks, das erst „warm werden“ muss.
Oder anders gesagt: Eine Automatikuhr ist kein Computer – sie ist ein kleines mechanisches Lebewesen. Und das braucht manchmal einen Moment, um richtig aufzuwachen.
Bildquellen:
- seagull-qualitaetskontrolle_800x500: Peter Wilhelm

















