Uhren/Waffen/Gadgets

Warum Ihre Uhrensammlung wahrscheinlich viel weniger wert ist

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Immer wieder erreichen mich Anfragen von Leserinnen und Lesern, die wissen möchten, was eine geerbte oder über Jahre aufgebaute Uhrensammlung eigentlich wert ist – und nicht selten liegen Erwartung und Realität dabei erstaunlich weit auseinander.

Hallo sehr geehrter Herr,

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mein Mann ist vor zwei und einem halben Jahr gestorben. Er war Beamter und hat im Ruhestand erst angefangen, Uhren zu kaufen.
Ich sende Ihnen mal die Bilder, die er für die Versicherung gemacht hat, falls einmal etwas wegkommt.
Können Sie bitte einmal grob darüber schauen und mir sagen, was die Uhren wert sind? Ich war bei einem Händler in XYZ, und der hat mich – wenn ich so sagen darf – eher abgewimmelt.
Mein Mann hat immer gesagt, dass einige wertvolle Stücke dabei seien, für die er recht viel bezahlt hat.
Ich habe keine großen Erwartungen, kann aber nicht glauben, dass die ganzen Uhren gar nichts wert sind.

Vielen Dank für Ihre Mühe
P.B.

Die Dame hat mir zwei Fotos von den Uhren geschickt, die auf dem Wohnzimmertisch ausgebreitet waren. Ich kann die Bilder hier leider nicht veröffentlichen. Aber das muss ich auch gar nicht. Die Antwort, die ich der Frau geschrieben habe, ist im Kern diese:

Liebe Frau B.,

herzlichen Dank für Ihr Vertrauen. Ich bin kein Uhrenexperte, sondern selbst lediglich ein Hobby-Uhrensammler mit einer eher kleinen Sammlung. Dennoch möchte ich mir gerne Mühe geben und die Uhren Ihres Mannes grob einordnen.

Etwa die Hälfte der Uhren trägt zwar bekannte Namen wie Tommy Hilfiger oder Gucci. Das sind Marken, die man kennt, aber es handelt sich dabei nicht um klassische Uhrmacherfirmen. Solche Uhren sind oft modisch geprägt und werden zu vergleichsweise hohen Preisen verkauft – haben aber auf dem Gebrauchtmarkt nur einen geringen Wert.

Die übrigen Uhren sind sogenannte Hommage-Uhren. Sie orientieren sich optisch an bekannten Luxusmodellen, sind aber technisch und preislich in einer ganz anderen Liga angesiedelt. Neu kosten sie meist zwischen 80 und 250 Euro. Beim Weiterverkauf muss man realistisch eher mit 50 bis 80 Euro rechnen – wenn sich überhaupt ein Käufer findet. Im Paket, also als Konvolut, wird es meist noch deutlich weniger.

Ich habe eine Uhr entdeckt, die etwas heraussticht: eine Automatikuhr von Bruno Söhnle. Diese liegt neu bei etwa 1.000 Euro. Gebraucht erzielt sie jedoch ebenfalls nur einen Bruchteil davon. Zwar stammt sie formal aus Glashütte und steht damit für eine gewisse Qualität, aber die Marke gehört nicht zu den ganz großen Namen der Uhrmacherkunst, die auf dem Sammlermarkt besonders gefragt sind.

Ihr Mann hat wirklich schöne Uhren gesammelt. Es gibt ganz bestimmt jemanden, der diese Uhren mögen wird und haben möchte. Aber ich würde mir an Ihrer Stelle keine allzu großen Hoffnungen machen, für die gesamte Sammlung viel mehr als 2.000 Euro zu erhalten. Sie können mehr erzielen, wenn Sie jemanden finden, der die Uhren für Sie einzeln auf den einschlägigen Handelsplattformen verkauft. Das ist auch nur meine persönliche, laienhafte Einschätzung.

Mit freundlichen Grüßen

Warum Sammler den Wert ihrer Uhren oft überschätzen

Diese Anfrage ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil: Sie steht stellvertretend für ein Phänomen, das man bei Sammlern – nicht nur bei Uhren – immer wieder beobachten kann. Der eigene Bestand wird oft deutlich höher eingeschätzt, als es der Markt später bestätigt.

Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste ist wohl der emotionale Bezug. Wer eine Uhr kauft, verbindet damit etwas: eine Erinnerung, einen Anlass, vielleicht auch einfach die Freude am Besitz. Dieser persönliche Wert überträgt sich unbewusst auf den vermeintlichen Marktwert.

Hinzu kommt der ursprüngliche Kaufpreis. Wer einmal 500 Euro für eine Uhr bezahlt hat, tut sich schwer damit, zu akzeptieren, dass sie gebraucht vielleicht nur noch 80 – 100 Euro wert ist. Aber der Markt kennt keine Sentimentalität – er richtet sich ausschließlich nach Angebot und Nachfrage.

Der emotionale Aspekt

Ich kannte Ihren Mann nicht. Aber ich darf einmal davon ausgehen, dass er sich nicht einfach irgendeine Uhr gekauft hat. Wahrscheinlich hat er wochen- oder sogar monatelang Zeitschriften gewälzt, Internetseiten durchstöbert und sich mit verschiedenen Modellen beschäftigt. Vielleicht hat er Preise verglichen, Rezensionen gelesen, sich in Foren informiert.

Irgendwann fiel dann die Entscheidung. Und oft geht damit auch ein gewisser Verzicht einher: Man legt Geld zurück, überlegt, ob man sich diese Ausgabe leisten möchte, und freut sich auf den Moment, in dem man die Uhr schließlich kauft. Dieser Moment – das Auspacken, das erste Anlegen, der Blick aufs Handgelenk – bleibt im Gedächtnis.

Genau dieser Weg schafft eine emotionale Bindung. Jede Uhr steht dann nicht mehr nur für ihren materiellen Wert, sondern für eine Geschichte: Wo man sie entdeckt hat, warum gerade dieses Modell, ob man vielleicht noch ein bisschen gehandelt hat oder sich einfach spontan verliebt hat. Es sind Erinnerungen, kleine Erlebnisse, manchmal sogar ein Stück Lebensabschnitt.

Und hier beginnt das eigentliche Problem bei der Bewertung. Diese persönliche Geschichte ist für den Besitzer von großer Bedeutung – für einen potenziellen Käufer jedoch völlig irrelevant. Der Käufer sieht nicht den Weg, den die Uhr hinter sich hat. Er sieht nur das Produkt.

Hinzu kommt ein weiterer psychologischer Effekt, den man nicht unterschätzen darf: der sogenannte „Besitzeffekt“. Dinge, die uns gehören, schätzen wir automatisch höher ein als identische Dinge, die uns nicht gehören. Das ist ein gut erforschtes Phänomen. Allein die Tatsache, dass eine Uhr „unsere“ Uhr ist, lässt ihren Wert in unserer Wahrnehmung steigen.

Ein weiterer Punkt ist die nachträgliche Rechtfertigung. Wer viel Geld für etwas ausgegeben hat, neigt dazu, diesen Kauf im Nachhinein als besonders sinnvoll oder wertvoll einzuordnen. Das ist ganz menschlich. Niemand gibt gern zu, vielleicht zu viel bezahlt zu haben. Also wird der Wert innerlich angehoben – nicht bewusst, sondern fast automatisch.

Gerade unter Eheleuten lässt sich dabei oft ein interessantes Muster beobachten. Während des Kaufs wird der Preis eher heruntergespielt, um Diskussionen zu vermeiden – „so teuer war sie gar nicht“. Im Nachhinein hingegen wird dann gern betont, dass die Uhr ja im Wert gestiegen sei oder zumindest stabil bleibe. So entsteht eine Art doppelte Wahrnehmung: zunächst die Beschwichtigung, später die Rechtfertigung. Auch das trägt dazu bei, dass sich im Laufe der Zeit ein deutlich höherer „gefühlter Wert“ bildet, der mit der Realität am Markt nur noch wenig zu tun hat.

All diese Faktoren führen dazu, dass Sammler ihre Stücke oft mit ganz anderen Augen sehen als der Markt. Für sie ist jede Uhr ein kleines Kapitel ihres Lebens. Für den Käufer ist sie lediglich ein Gebrauchsgegenstand oder im besten Fall ein Sammlerstück – aber ohne jede persönliche Geschichte.

Und genau deshalb klaffen die Vorstellungen vom Wert oft so weit auseinander.

Warum andere Sammler nicht bereit sind, diesen Preis zu zahlen

Ein weiterer Punkt: Käufer sehen die Dinge völlig anders als Verkäufer. Während der Besitzer den Wert „von innen heraus“ betrachtet, schaut der Interessent nüchtern von außen darauf.

Für ihn zählt: Welche Marke ist das? Welche Nachfrage gibt es? Kann ich diese Uhr jederzeit wieder verkaufen? Und genau hier fallen viele Uhren durch. Modeuhren und Hommage-Modelle haben schlicht keine starke Sammlergemeinde. Es gibt keinen stabilen Zweitmarkt, keine Preisentwicklung, keine wirkliche Begehrlichkeit.

Ein Sammler zahlt nur dann höhere Preise, wenn er davon ausgehen kann, dass die Uhr selten, gesucht oder wertstabil ist. Bei den meisten Alltagsuhren ist das nicht der Fall.

Der Unterschied zwischen „gekauftem Preis“ und „echtem Wert“

Viele verwechseln den Ladenpreis mit dem tatsächlichen Wert. Doch der Preis im Geschäft enthält vieles: Marketing, Vertrieb, Marge, Markenimage. All das spielt beim Wiederverkauf keine Rolle mehr.

Der reale Wert einer Uhr ist immer das, was jemand bereit ist, heute dafür zu bezahlen. Nicht das, was sie einmal gekostet hat.

Das Problem mit Modeuhren und Hommage-Modellen

Gerade Modeuhren sind ein klassisches Beispiel. Sie sehen oft gut aus, tragen bekannte Namen und werden entsprechend bepreist. Aber sie werden in großen Stückzahlen produziert und haben keine eigene uhrmacherische Identität.

Hommage-Uhren haben ein ähnliches Problem. Sie orientieren sich an bekannten Designs, erreichen aber nie deren Status. Für viele Käufer sind sie eine günstige Alternative – aber für Sammler sind sie in der Regel uninteressant.

Hommage-Uhren – Der Preis ist von vornherein kaputt

Hommage-Uhren sind ja Uhren, die teureren Modellen nachempfunden sind. Dabei geben sich die Hersteller die allergrößte Mühe, zu geringen Kosten so viel Luxus wie möglich zu bieten. Das sind also schon sehr ordentliche Uhren.
Aber Ihr Mann hat sie, das erkennt man an den Unterlagen, die Sie fotografiert haben, direkt beim Hersteller im Shop bezogen. Dort kostet ein Modell, das dort abgebildet ist, 259,– Euro.
Nun kann man die gleiche Uhr aber über diverse chinesische Handelsplattformen für schon 119,– Euro kaufen. Das heißt, dass der Hersteller schon einen enormen Aufschlag für das bißchen Marketing und den mit dem Originalkauf verbundenen Service verlangt.

Ein Käufer, der sich für Ihre Sammlung interessiert, wird aber den günstigsten Preis als Kalkulationsstart heranziehen, und das sind eben knapp 120 Euro. Was soll er Ihnen für eine gebrauchte Uhr dann noch bieten? 50 – 65 Euro würde ich sagen.

Warum Händler oft ablehnend reagieren

Auch die Reaktion des Händlers ist typisch. Für ihn lohnt sich der Ankauf solcher Uhren meist schlicht nicht. Er müsste sie prüfen, ankaufen, lagern und wieder verkaufen – mit ungewissem Ausgang.

Das Risiko ist hoch, die Marge gering. Also winkt er ab. Das wirkt unfreundlich, ist aber wirtschaftlich nachvollziehbar.

Fazit: Sammeln ist Leidenschaft – nicht automatisch eine Geldanlage

Am Ende bleibt eine Erkenntnis, die viele ungern hören: Nicht jede Sammlung ist eine Investition. Oft ist sie einfach das Ergebnis von Interesse, Freude und persönlichem Geschmack.

Und das ist auch völlig in Ordnung. Nur sollte man beides nicht verwechseln. Eine Uhr kann für ihren Besitzer einen großen ideellen Wert haben – ohne dass sich das in Euro und Cent widerspiegelt.

Wer sammelt, sammelt in erster Linie für sich selbst. Alles andere ist die Ausnahme.

Mein Rat an Sie, liebe Frau B.: Gehen Sie die Sache in Ruhe und ohne Zeitdruck an. Wenn Sie die Uhren verkaufen möchten, versuchen Sie zunächst, einzelne Stücke zu identifizieren und – wenn möglich – separat anzubieten, statt alles auf einmal als Konvolut abzugeben. Das bringt in der Regel etwas bessere Ergebnisse. Scheuen Sie sich auch nicht, mehrere Meinungen einzuholen, etwa bei verschiedenen Händlern oder über seriöse Online-Plattformen. Gleichzeitig sollten Sie sich bewusst machen, dass der materielle Wert nicht immer dem entspricht, was man einmal dafür bezahlt hat – oder was man sich erhofft. Vielleicht behalten Sie ein oder zwei Stücke als Erinnerung, wenn eine persönliche Verbindung besteht. Denn unabhängig vom Marktwert bleibt eines: Diese Uhren waren Ihrem Mann wichtig. Und dieser Wert lässt sich ohnehin nicht in Geld ausdrücken. Der wahre Wert lag ganz bestimmt darin, dass die Sammelleidenschaft Ihren Mann glücklich gemacht hat. Und das ist es doch, worauf es ankommt.

Bildquellen:

  • oma_800x500: Peter Wilhelm ki

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