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Von Karren und Ochsen  

Immer, wenn eine Diskussion mit höchstem Erregungsfaktor geführt wird, und dann jemand versucht, weitere, jedoch störende Aspekte zum Thema einfließen zu lassen, fällt irgendwann der Neusprech-Ausdruck „Whataboutism“, den man früher wohl als Totschlagargument bezeichnet hätte.

Beinahe sämtliche Medien verurteilen seit dem 24. Februar 2022 unisono den Überfall der Russischen Föderation auf die Ukraine – und das vollkommen zu Recht! Wobei die Mehrzahl der Journalistinnen und Journalisten in ihren Beiträgen, Kolumnen und Kommentaren, nicht von der Russischen Föderation, oder verkürzt, von Russland, als Aggressor sprechen, sondern von Wladimir Putin, der seither immer öfter auch als Machthaber bezeichnet wird, denn als Präsident.

Das mag jetzt nach Erbsenzählerei klingen, aber diese „feinen“ Nuancen tragen einen Großteil dazu bei, dass die Diskussionskultur an dringend gebotener Dialektik einbüßt, und stattdessen ideologisches Wording mehr und mehr die Oberhand gewinnt.

Bevor ich meine Gedanken weiter in Worte fasse, noch einmal unmissverständlich:

Ich verurteile den Krieg in der Ukraine. So, wie ich alle Kriege verurteile!!!

Was wir bei allen Nachrichten, die seit dem 24. Februar 2022 über uns hereinbrechen, nicht vergessen sollten, ist, was sich wohl hinter den zahllosen Lücken verbergen mag. Eine ehrliche Aufklärung darüber, ob diese nicht-Informationen in politischem Kalkül begründet liegen, wäre sinnvoll, diese zu erwarten, jedoch völlig illusorisch. Denn die Wahrheit stirbt in jedem Krieg bekanntermaßen zuerst. Deshalb nachstehend eine kurze Chronologie der Ereignisse im Vorfeld des Ukraine-Krieges, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Am 28. Januar 2014 bezeichnete die amerikanische Staatssekretärin Victoria Nuland bei einem Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter in Kiew, die 5 Milliarden US-$, die die USA für die Farbrevolution in der Ukraine zur Verfügung gestellt hatten, als eine gute Investition.

  • Am 20. Februar 2014 eröffneten Scharfschützen von umliegenden Dächern das Feuer auf den Maidan-Platz in Kiew und töteten über 80 Demonstrantinnen, Demonstranten und Polizisten. Nach Recherchen des italienischen Kriegs- und Krisenreporter Gian Micalessin, soll es sich bei den Snipern um mehrere Georgier und einen US-Amerikaner gehandelt haben. Bis heute verweigert die ukrainische Regierung eine konsequente Aufklärung des Massakers.

  • Am 22. Februar 2014 wurde der „prorussische“ Ministerpräsidenten Wiktor Janukowytsch, der das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der EU als zu verfrüht bezeichnete und die Unterzeichnung verweigerte, aufgrund seiner Flucht als abgesetzt erklärt.

  • Am 27. Februar 2014 wurde Arsenij Jazenjuk vom ukrainischen Parlament zum neuen Präsidenten gewählt. Dass die Werchowna Rada mangels genügend anwesender Parlamentarierinnen und Parlamentarier gar nicht beschlussfähig und die Wahl Jazenjuks somit ungültig war, focht die (westliche) Presse nicht an.

  • Am 21. März 2014 unterschrieb der russische Präsident Wladimir Putin ein verfassungsänderndes Gesetz, demzufolge die Halbinsel Krim und die Stadt Sewastopol mit dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte, aufgrund eines vorausgegangenen Referendums, als „Föderationssubjekte zu Aufnahme in die Russische Föderation“ erklärt wurden.

Über die Lesart dieses Vorgehens, wird unter Völkerrechtlern bekanntlich heute noch gestritten. Wenige, wie der emeritierte deutsche Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie, Reinhard Merkel, sprechen hier von einer „Sezession“. Im transatlantischen Wording, hat sich bei der Eingliederung der Krim hingegen der Begriff „Annexion“ mit dem Zusatz „völkerrechtswidrig“ durchgesetzt.

  • Am 7. Juni 2014 wurde der prowestlichen Petro Poroschenko zum Präsidenten gewählt. Dass dieser sein Vermögen überwiegend als Hersteller von Rüstungsgütern und nur beiläufig mit Schokolade verdient hatte, focht die (westliche) Presse ebenfalls nicht an, und fortan sprachen die Medien unisono vom „Schokoladen-Milliardär“.

Jetzt könne man natürlich fragen, was dies alles mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu tun haben soll und meine ganze Litanei als Whataboutism abtun. Ebenso gut könne man aber auch fragen, was sich in den ganzen anderen Lücken der Nachrichten seit dem 24. Februar 2022 noch so verbirgt.

Die Behauptung, das Assoziierungsabkommen mit der EU, oktroyiere der Ukraine einen Bruch mit den jahrelangen, engen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland auf, kann es schon mal nicht sein. Diese Mär entstammt ja bekanntlich aus den Reihen prorussischer Verschwörungstheoretiker, wie der langjährigen ARD-Korrespondentin in Moskau, Gabriele Krone-Schmalz.

Last but not least, ein (sinngemäßes) Zitat aus dem Buch „The Grand Chessboard“ von Zbigniew Brzeziński, dem ultrarechten Falken und Mastermind der US-Geopolitik seit Lyndon B. Johnson:

„Ziel der Geopolitik der USA muss die Verhinderung einer Eurasischen Union zwischen Lissabon und Wladiwostok sein…mit allen Mitteln.“

Letzte Frage: Wer ist eigentlichen dümmer: Der Karren, oder die Ochsen, die sich vor ihn spannen lassen?

Bildquellen

  • export-pixabay-sarangib-small: Pixabay
Lesezeit ca.: 5 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: | Peter Grohmüller 30. Dezember 2022

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