Es sind genau diese kleinen, scheinbar nebensächlichen Beobachtungen, die Uhrenliebhaber in ihren Bann ziehen: Man schaut auf eine Uhr – und plötzlich stimmt da etwas nicht mit dem, was man „immer so gelernt“ hat. Und schon steckt man mitten in einer wunderbaren Mischung aus Geschichte, Tradition und ein bisschen Geheimniskrämerei.
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Die kurze Antwort: Doch, das „IIII“ ist völlig in Ordnung – zumindest auf Uhren. Die etwas längere Antwort ist deutlich spannender.
Ich habe das auch schon gesehen, und zwar mehrfach. Ich habe mir immer gedacht, dass das eine mögliche alternative Schreibweise sein muss. Wie sich das genau verhält, habe ich jetzt mal nachrecherchiert.

IIII statt IV – ein Fehler, der keiner ist
In der Schule lernt man die römischen Zahlen meist in ihrer „klassischen“ Form: 4 = IV, also 5 minus 1, 9 = IX, und so weiter.
Das ist auch korrekt – aber eben nur die halbe Wahrheit.
Denn diese sogenannte Subtraktionsschreibweise, also „eins vor fünf“ ergibt vier, hat sich historisch erst relativ spät durchgesetzt. In vielen frühen Inschriften und Handschriften wurde die 4 schlicht als IIII geschrieben. Und genau diese Tradition haben die Uhrmacher übernommen – und bis heute beibehalten.
Die Tradition der Uhrmacher
Die ältesten Turmuhren Europas stammen aus dem 14. Jahrhundert. Damals war „IIII“ völlig normal. Ein schönes Beispiel ist die berühmte Uhr der Kathedrale von Wells, die zwischen 1386 und 1392 gebaut wurde und ebenfalls die „IIII“ verwendet.
Mit anderen Worten: Nicht die Uhr weicht von der Norm ab – sondern Deine Schulregel ist die spätere Vereinheitlichung.
Warum man bis heute „IIII“ verwendet
Im Laufe der Zeit haben sich mehrere Erklärungen herausgebildet, warum sich diese Schreibweise auf Zifferblättern so hartnäckig hält. Keine davon ist endgültig bewiesen – aber zusammen ergeben sie ein ziemlich schlüssiges Gesamtbild.
Das Symmetrie-Argument
Das ist vermutlich der wichtigste Punkt: Ein Zifferblatt soll harmonisch wirken.
Mit „IIII“ ergibt sich eine schöne optische Ordnung. Die ersten vier Zahlen bestehen nur aus I, also I, II, III und IIII. Danach folgen vier Zahlen mit V, nämlich V, VI, VII und VIII. Und schließlich kommen die Zahlen mit X: IX, X, XI und XII.
Das wirkt gleichmäßig und ausgewogen. Mit „IV“ würde diese Harmonie gebrochen.
Das Typographie-Argument
IV und VI sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich – besonders auf einem runden Zifferblatt und erst recht, wenn man die Uhr aus der Entfernung betrachtet, wie bei Deiner Kirchturmuhr.
Mit „IIII“ vermeidet man diese Verwechslungsgefahr. Man erkennt sofort: Das ist die Vier. Da muss man nicht lange überlegen.
Das Traditions-Argument
Uhrmacher sind ein konservatives Völkchen. Was sich einmal bewährt hat, wird beibehalten.
Da viele frühe Turmuhren bereits „IIII“ nutzten, wurde diese Schreibweise schlicht zur Gewohnheit – und später zum Stilmerkmal. Wer heute eine Uhr mit römischen Zahlen baut, greift oft ganz bewusst auf diese alte Uhrmachertradition zurück.
Das Sonnenkönig-Argument
Eine besonders hübsche Anekdote besagt, dass König Ludwig XIV. von Frankreich darauf bestanden haben soll, dass auf seinen Uhren „IIII“ verwendet wird, weil ihm „IV“ nicht gefiel.
Ob das historisch wirklich der entscheidende Grund war, ist umstritten. Aber die Geschichte passt wunderbar zu einem absolutistischen Herrscher, der offenbar sogar den römischen Zahlen sagen wollte, wie sie sich zu benehmen haben.
Das Herstellungs-Argument
Früher wurden Ziffern für Uhren oft gegossen oder einzeln gefertigt. Mit „IIII“ brauchte man für ein Zifferblatt insgesamt 20 I, 4 V und 4 X. Das ließ sich angeblich besonders praktisch herstellen, weil man eine passende Gussform mehrfach verwenden konnte.
Ganz unumstritten ist auch dieses Argument nicht, weil einzelne I-Zeichen anschließend trotzdem montiert werden mussten. Aber es zeigt zumindest: Die Schreibweise hatte möglicherweise auch ganz praktische Gründe.
Das Jupiter-Argument
Manchmal liest man auch, „IV“ sei vermieden worden, weil es an den römischen Gott Jupiter erinnert. Dessen Name wurde im Lateinischen häufig als „IVPITER“ geschrieben.
Das klingt spannend, ist aber eher eine schwächere Erklärung. Nach dem Ende des römischen Reiches spielte Jupiter im Alltag der Uhrmacher keine große Rolle mehr. Außerdem wurde die Subtraktionsschreibweise selbst erst später konsequent üblich.
Warum steht dann die Neun trotzdem als IX auf der Uhr?
Das ist die nächste berechtigte Frage. Wenn man bei der Vier „IIII“ schreibt, warum schreibt man dann bei der Neun nicht „VIIII“?
Die Antwort ist: Weil Uhrmacher keine Mathematiklehrer sind, sondern Gestalter. Es geht nicht darum, ein vollkommen einheitliches Lehrbuchsystem abzubilden, sondern ein gut lesbares, ausgewogenes Zifferblatt zu schaffen.
Die „IX“ auf der linken Seite bildet außerdem ein optisches Gegengewicht zur „III“ und zur „IIII“. Das Gesamtbild zählt mehr als die strenge Schulbuchlogik.
Ist IIII also falsch?
Nein. Auf Uhren ist „IIII“ nicht falsch, sondern sogar sehr verbreitet. Man nennt diese Schreibweise manchmal auch die „Uhrmacher-Vier“.
In einem Lateinheft würde der Lehrer vielleicht die Stirn runzeln. Auf einem Zifferblatt gehört sie aber zur Tradition. Viele hochwertige Armbanduhren, Taschenuhren, Standuhren und Turmuhren verwenden genau diese Schreibweise.
Erstaunlich: Auch bei Armbanduhren ist die IIII sehr beliebt
Auch bei Armbanduhren ist die IIII sogar eher die Regel als die Ausnahme.
IIII am Handgelenk – ganz normal
Sobald eine Armbanduhr ein klassisches Zifferblatt mit römischen Zahlen hat, stehen die Chancen sehr hoch, dass dort ebenfalls IIII statt IV verwendet wird. Das gilt quer durch alle Preisklassen – von günstigen Modeuhren bis hin zu hochpreisigen Luxusmodellen.
Der Grund ist derselbe wie bei Turmuhren: Ästhetik, Tradition und bessere Lesbarkeit.
Typische Beispiele
Besonders häufig findest Du die „IIII“ bei Uhren, die sich optisch an klassische, elegante oder historische Vorbilder anlehnen:
- Dresswatches mit römischen Ziffern – etwa von Longines, Tissot oder Frederique Constant
- Cartier Tank – eine der berühmtesten Uhren überhaupt, mit sehr klarer, klassischer Typographie
- Cartier Santos – ebenfalls konsequent mit IIII
- Rolex Datejust mit römischem Blatt – auch hier wird die IIII verwendet
- Breguet – traditionsbewusste Manufaktur, die stark an historische Vorbilder anknüpft
- Patek Philippe – bei Modellen mit römischen Ziffern ebenfalls oft IIII

Gerade bei Marken, die Wert auf klassische Gestaltung legen, ist die „Uhrmacher-Vier“ praktisch Standard.
Warum sich das durchgesetzt hat
Auf einem kleinen Armbanduhren-Zifferblatt wirkt Symmetrie noch wichtiger als bei einer großen Turmuhr. Die „IIII“ sorgt dafür, dass die linke Seite des Zifferblatts optisch „ruhig“ bleibt und nicht durch das ungewohnte IV gestört wird.
Außerdem ist die Ablesbarkeit schneller – ein nicht zu unterschätzender Vorteil im Alltag.

Gibt es auch Uhren mit IV?
Ja, die gibt es durchaus – aber sie sind deutlich seltener.
Man findet sie eher bei:
- modernen, bewusst „technischen“ Designs
- minimalistischen Uhren, die sich nicht an Tradition orientieren
- einzelnen Herstellern, die bewusst mit der klassischen Schreibweise brechen wollen
Das wirkt dann oft etwas „strenger“ oder ungewohnter – und genau deshalb greifen viele Hersteller lieber zur IIII.
Wenn Du auf einer Armbanduhr die „IIII“ siehst, ist das kein Fehler, sondern fast schon ein Qualitätsmerkmal im Sinne klassischer Uhrmacherkunst.
Die Kirchturmuhr bei Dir vor dem Fenster tickt gestalterisch genau im selben Takt wie viele Luxusuhren am Handgelenk.
Fazit
Deine Kirchturmuhr macht also alles richtig.
Die „IIII“ ist kein Fehler, sondern gelebte Tradition – eine Mischung aus historischer Entwicklung, gestalterischem Feingefühl und ein bisschen Uhrmacher-Eigensinn.
Auf dem Zifferblatt gilt nicht nur die Schulregel – sondern auch die Ästhetik.
Und genau das macht solche Details so reizvoll.
Bildquellen:
- cartiertank_800x500: Cartier
- iiii-uhr_800x500: Peter Wilhelm ki

















