Spott + Hohn und Politik

Tanz, Paketbote, tanz! Wenn Kunden ihre Lieferfahrer zu Hofnarren machen

Tanzender Paketbote vor der Haustür 800x500

Ein Tänzchen für die Überwachungskamera, ein lustiger Clip für TikTok und vielleicht noch ein paar Likes obendrauf. Was manche Kunden für einen harmlosen Spaß halten, offenbart bei näherem Hinsehen ein ziemlich verstörendes Verständnis von Respekt, Dienstleistung und menschlicher Würde. Denn wer ein Paket bringt, ist kein bezahlter Hofnarr. Und Freundlichkeit sollte keine Gegenleistung verlangen.

Tanz, Paketbote, tanz! Wenn Kunden ihre Lieferfahrer zu Hofnarren machen

Es gibt Dinge, bei denen man sich fragt, ob die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung möglicherweise irgendwo falsch abgebogen ist. Die Erfindung sozialer Netzwerke gehört zwar nicht zwangsläufig dazu, aber was manche Menschen daraus machen, lässt einen gelegentlich an den Vorzügen der Steinzeit zweifeln.

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Damals musste man immerhin noch persönlich vor die Höhle treten, wenn man jemanden erniedrigen wollte. Heute genügt eine Überwachungskamera an der Haustür und ein Account bei TikTok.

Der neueste Spaß aus der wunderbaren Welt der sozialen Medien: Paketboten sollen tanzen. Nicht etwa auf einer Betriebsfeier, bei einer Hochzeit oder weil sie gerade besonders gute Laune haben. Nein, sie sollen vor der Haustür ihrer Kunden ein kleines Tänzchen aufführen, während eine Kamera das Ganze aufzeichnet.

Die Aufforderung dazu steht auf einem Zettel an der Tür oder wird gleich in den Lieferanweisungen hinterlegt. Dort, wo normalerweise Hinweise wie „Bitte hinter dem Blumenkübel abstellen“ oder „Vorsicht, Hund!“ stehen, findet sich nun sinngemäß die Bitte: „Mach doch einen kleinen Tanz für meine Kamera!“

Anschließend landet das Video im Internet. Dort können sich dann Tausende Menschen daran erfreuen, wie ein Mensch, der eigentlich nur seiner Arbeit nachgehen möchte, vor einer fremden Haustür herumhampelt.

Wie lustig. Wie originell. Wie unfassbar daneben.

Wenn der Paketbote zum TikTok-Star wird

Natürlich gibt es auch Geschichten, die auf den ersten Blick ganz reizend wirken.

In einem bekannt gewordenen Fall war eine Kundin von der Tanzeinlage eines Zustellers so begeistert, dass sie auf TikTok nach ihm suchte. Der Mann, der privat als DJ tätig ist, meldete sich tatsächlich. Sogar Amazon beteiligte sich mit einem scherzhaften Kommentar an der Unterhaltung.

Das klingt zunächst nach einer jener kleinen, sympathischen Internetgeschichten, bei denen am Ende alle lachen und niemandem etwas passiert ist.

Und selbstverständlich kann ein Paketbote freiwillig vor einer Kamera tanzen, wenn er das möchte. Vielleicht hat er Spaß daran. Vielleicht freut er sich über Aufmerksamkeit. Vielleicht möchte er sogar seine Tätigkeit als DJ bekannt machen.

Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

Das Problem beginnt dort, wo aus einem freiwilligen Spaß eine Erwartungshaltung wird. Wo Kunden glauben, ein Lieferfahrer habe neben dem Transport ihrer Bestellung auch noch für ihre Unterhaltung zu sorgen.

Und wo derjenige, der nicht mitspielt, möglicherweise Nachteile befürchten muss.

Der Kunde ist König. Und der Bote sein Hofnarr?

Der Satz „Der Kunde ist König“ hat in manchen Köpfen offenbar eine bemerkenswerte Weiterentwicklung erfahren.

Aus dem Anspruch auf eine ordnungsgemäße Dienstleistung wird die Vorstellung, man habe mit der Bestellung einer Packung Druckerpapier oder eines neuen Ladekabels gleich einen Menschen zur persönlichen Verfügung erworben.

Der soll dann gefälligst freundlich sein, lächeln, sich bedanken, die Pakete möglichst geräuschlos abstellen und auf Wunsch noch einen kleinen Freudentanz aufführen.

Schließlich hat man ja bestellt!

Dass der Zusteller womöglich schon seit Stunden unterwegs ist, unter Zeitdruck steht, schwere Pakete schleppt, Treppen steigt, Parkplätze sucht und bei Wind und Wetter arbeitet, spielt dabei offenbar keine Rolle.

Hauptsache, das Video wird lustig.

Es ist eine merkwürdige Form moderner Herrschaftsgeste: Man sitzt bequem zu Hause, beobachtet die Welt durch seine smarte Türklingel und lässt diejenigen, die einem das Leben erleichtern, zur Belustigung antreten.

Früher hatten Könige ihre Hofnarren. Heute reicht eine Bestellung bei Amazon.

Wenn Bewertungen zum Druckmittel werden

Besonders problematisch wird die Angelegenheit durch die Bewertungssysteme, denen viele Beschäftigte in der Paketbranche ausgesetzt sind.

Wie unter anderem Spiegel und Vice über entsprechende Fälle berichteten, kann die vermeintlich harmlose Aufforderung zum Tanzen für Zusteller eine unangenehme Situation schaffen.

Denn Kunden können die Arbeit der Lieferfahrer bewerten. Solche Rückmeldungen können in die Beurteilung ihrer Arbeitsleistung einfließen.

Damit entsteht zumindest die Gefahr, dass ein Zusteller nicht mehr ausschließlich darüber nachdenkt, ob er Lust auf ein Tänzchen hat, sondern auch darüber, ob seine Weigerung möglicherweise eine schlechte Bewertung nach sich ziehen könnte.

Das bedeutet nicht, dass Amazon grundsätzlich jeden Fahrer bestraft, der eine solche Aufforderung ignoriert. Eine derartige pauschale Behauptung wäre nicht belegt.

Aber schon die Möglichkeit, dass ein Kunde seine Unzufriedenheit über eine verweigerte Spaßveranstaltung in eine Bewertung einfließen lässt, verändert die Situation erheblich.

Eine Bitte ist nämlich nur dann wirklich freiwillig, wenn man sie ohne Nachteile ablehnen kann.

Wer hingegen befürchten muss, dass sein beruflicher Alltag durch eine schlechte Kundenbewertung noch schwieriger wird, steht unter einem ganz anderen Druck.

Und genau deshalb ist der Vergleich mit einem harmlosen Scherz unter Freunden unangebracht.

Freunde begegnen sich auf Augenhöhe. Zwischen einem Kunden und einem Zusteller besteht dagegen eine Dienstleistungsbeziehung, in der der Kunde über das Bewertungssystem einen gewissen Einfluss ausüben kann.

Das sollte man nicht ausnutzen.

„Danke, dass ich meinen Job behalten darf“

Wie geschmacklos solche Aufforderungen werden können, zeigt ein Fall, der auf Reddit verbreitet wurde.

Darin sollten Paketboten sich vor die Überwachungskamera stellen und sinngemäß erklären:

„Danke, dass ich meinen Job behalten darf.“

Man muss sich diese Aufforderung einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Ein Mensch, der arbeitet, soll vor der Kamera eines Kunden demonstrativ seine Dankbarkeit dafür ausdrücken, dass er weiterhin arbeiten darf.

Nicht etwa gegenüber seinem Arbeitgeber, sondern gegenüber einem wildfremden Menschen, der gerade ein Paket bestellt hat.

Das ist keine lustige Tanzeinlage mehr. Das ist die Inszenierung eines Machtgefälles.

Besonders bitter wird die Geschichte, wenn man bedenkt, dass manche Zusteller tatsächlich unter Bedingungen arbeiten, die ihnen wenig Spielraum lassen.

In Berichten über den Berufsalltag von Amazon-Lieferfahrern werden immer wieder Zeitdruck, hohe Arbeitsbelastung und Probleme mit Fahrzeugen oder Arbeitsmitteln thematisiert.

Ein Fahrer soll beispielsweise beklagt haben, dass sein Außenspiegel bereits seit sechs Monaten defekt sei.

Solche Einzelfallberichte beweisen selbstverständlich nicht, dass überall dieselben Zustände herrschen. Sie machen aber deutlich, dass die Beschäftigten möglicherweise ganz andere Sorgen haben, als für fremde TikTok-Accounts besonders originelle Tanzschritte einzustudieren.

Die Kamera macht aus Menschen Unterhaltungsmaterial

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der bei solchen Internetspäßen gerne übersehen wird.

Eine Überwachungskamera an der Haustür dient zunächst einmal der Sicherheit. Sie soll dokumentieren, wer klingelt, wer ein Paket abstellt oder wer sich unberechtigt auf dem Grundstück aufhält.

Sie ist keine Castingbühne.

Nur weil ein Mensch das Grundstück betritt, um eine Lieferung abzugeben, hat er damit nicht automatisch zugestimmt, als Hauptdarsteller eines öffentlich verbreiteten Videos aufzutreten.

Gerade in Deutschland können bei solchen Aufnahmen Persönlichkeitsrechte und datenschutzrechtliche Fragen eine Rolle spielen. Die Veröffentlichung erkennbarer Personen im Internet ist rechtlich anders zu beurteilen als die bloße Aufnahme durch eine Türkamera. Ob eine Veröffentlichung zulässig ist, hängt von den konkreten Umständen und einer möglichen Einwilligung ab.

Doch selbst dort, wo eine Veröffentlichung rechtlich erlaubt wäre, bleibt eine andere Frage bestehen:

Muss man wirklich jeden Menschen, der einem begegnet, zu einem potenziellen Inhalt für soziale Netzwerke machen?

Nicht jeder Augenblick des Lebens muss gefilmt werden. Nicht jeder Witz braucht ein Publikum. Und nicht jeder Mensch möchte im Internet berühmt werden, nur weil er morgens um halb elf ein Paket mit Katzenfutter abgeliefert hat.

Wir machen das anders: Süßigkeiten statt Zirkusnummern

Bei uns zu Hause gibt es ebenfalls einen besonderen Service für Paketbotinnen und Paketboten.

Allerdings einen, bei dem niemand tanzen, singen, jonglieren oder irgendwelche albernen Sprüche aufsagen muss.

Wir haben in unserer Garage Süßigkeiten, kleine Snacks und Getränke bereitgestellt. Daran dürfen sich die Lieferfahrerinnen und Lieferfahrer kostenlos bedienen.

Einfach so.

Wer ein Paket bringt, kann sich etwas nehmen. Wer Durst hat, nimmt sich ein Getränk. Wer zwischendurch eine kleine Stärkung gebrauchen kann, greift zu einem Snack.

Niemand muss dafür eine Gegenleistung erbringen.

Niemand wird aufgefordert, vor einer Kamera herumzuhüpfen.

Niemand muss sich besonders herzlich bedanken oder demonstrieren, wie glücklich ihn unsere Großzügigkeit macht.

Und selbstverständlich darf auch jeder einfach sein Paket abstellen und weiterfahren, ohne irgendetwas mitzunehmen.

Wir machen das nicht, um dafür gelobt zu werden. Wir machen es, weil wir wissen, dass die Menschen, die täglich unsere Pakete bringen, einen anstrengenden und wichtigen Beruf ausüben.

Gerade im Sommer, wenn die Temperaturen steigen, kann ein Getränk eine willkommene Erfrischung sein. Und auch sonst ist eine kleine Aufmerksamkeit manchmal eine angenehme Unterbrechung eines langen Arbeitstages.

Es geht dabei nicht um den materiellen Wert einer Flasche Wasser oder eines Schokoriegels.

Es geht um Wertschätzung.

Um die Erkenntnis, dass der Mensch, der uns ein Paket bringt, nicht bloß ein austauschbarer Bestandteil einer Lieferkette ist.

Er ist ein Mensch. Mit einem eigenen Leben, eigenen Sorgen, eigenen Interessen und einer Würde, die nicht davon abhängt, wie unterhaltsam er vor unserer Haustür auftritt.

Respekt ist keine Sonderleistung

Natürlich darf man mit Paketboten scherzen. Natürlich darf man gemeinsam lachen. Und wenn ein Zusteller aus freien Stücken ein Tänzchen aufführt, weil er gerade Lust dazu hat, ist das seine Sache.

Aber es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen gemeinsamem Spaß und der Erwartung, ein anderer Mensch müsse sich zur Belustigung seines Kunden zum Affen machen.

Diesen Unterschied scheinen manche Menschen in ihrer Begeisterung für Likes, Klicks und virale Videos aus den Augen verloren zu haben.

Die eigentliche Leistung eines Paketboten besteht darin, dass er unsere Sendung zuverlässig zustellt. Dafür verdient er eine angemessene Bezahlung durch seinen Arbeitgeber und einen respektvollen Umgang durch seine Kunden.

Er schuldet uns keine Unterhaltung.

Er schuldet uns keine Dankbarkeit dafür, dass wir bei einem Versandhändler eingekauft haben.

Und er schuldet uns ganz bestimmt keinen Tanz vor unserer Überwachungskamera.

Fazit: Der wahre Tanzbär sitzt hinter der Kamera

Vielleicht sollten diejenigen, die ihre Paketboten zum Tanzen auffordern, einmal selbst darüber nachdenken, wie es wäre, wenn ihr eigener Arbeitsalltag auf diese Weise organisiert würde.

Wenn der Chef morgens verkündete, dass man künftig vor jeder Besprechung ein kleines Tänzchen aufführen müsse. Natürlich vollkommen freiwillig. Allerdings würden die Kollegen anschließend bewerten, wie unterhaltsam die Darbietung gewesen sei.

Da wäre die Begeisterung vermutlich schnell verflogen.

Das eigentlich Verstörende an diesem Trend ist nicht, dass irgendwo ein Paketbote tanzt. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen glauben, andere für ihre Unterhaltung beanspruchen zu dürfen.

Wer seinen Lieferfahrern etwas Gutes tun möchte, braucht dafür weder eine Kamera noch einen TikTok-Account.

Ein freundlicher Gruß, ein ehrliches Dankeschön, ein Getränk oder eine kleine Süßigkeit reichen völlig aus.

Und wer unbedingt einen tanzenden Menschen vor seiner Überwachungskamera sehen möchte, für den hätte ich einen ganz einfachen Vorschlag:

Stell dich selbst vor die Kamera und tanz.

Dann hast du dein Video, deine Unterhaltung und vielleicht sogar deine fünf Minuten Ruhm.

Und der Paketbote kann endlich das tun, wofür er gekommen ist: sein Paket abliefern und weiterfahren.

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