Onkel Franz ist schwerhörig

Eigentlich wollten die Allerliebste und ich mit den Kindern in den Erlebnispark. Aber aus dem Besuch wurde nichts, denn just in dem Moment als wir die Wohnung verlassen wollten, klingelte es an der Wohnungstür und Onkel Franz stand davor.

Er habe sich doch angemeldet, maulte er, als wir uns etwas über seinen Besuch erstaunt zeigten, er wisse es ganz genau, daß er erst vor einer Woche mit meiner Frau Julia telefoniert habe, um seinen Besuch anzukündigen. Seine Wohnung müsse sandgestrahlt werden oder sowas, jedenfalls bleibe er jetzt für drei Tage bei uns.

Auf meinen berechtigten Einwand, meine Frau heiße gar nicht Julia, sondern Anke, reagierte er nur mit einer abwehrenden Handbewegung und sagte: „Papperlapapp, ihr müßt halt besser aufpassen!“

Wenig später saß Onkel Franz in unserem besten Sessel und aß unsere besten Plätzchen. Zumindest hatten wir ihm gesagt, daß dies unsere besten Plätzchen seien und wir diese für ganz besonderen Besuch extra aufgehoben haben. Das hatte ihn sehr gefreut und uns auf der Liste der potentiell Erbberechtigten sicherlich ein kleines Stück nach oben rutschen lassen. In Wirklichkeit haben wir diese Plätzchen von Carla bekommen, die es sicherlich gut gemeint hatte, aber unseren Geschmack nicht wirklich getroffen hatte. Es waren Käseplätzchen aus Ziegenmilch mit einer leichten Auflage aus Koriander, Thymian und kleingehackten Knoblauchzehen. Alles steinhart, aber das wiederum störte Onkel Franz nicht, denn der tunkt sowieso immer alles in Milchkaffee ein.

Die Kinder waren enttäuscht, daß wir nun doch nicht in den Erlebnispark fuhren, aber wir erklärten ihnen, daß Onkel Franz schon ziemlich alt und zudem auch noch sehr schwerhörig sei und man doch Verständnis für ihn haben müsse. Insgeheim dachten wir auch ein ganz kleines bißchen an das Erbe des Onkels. Er hat selbst keine Kinder und als ehemaliger Verwaltungsrat häufte er seit Jahren seine Pension auf diversen Konten an. Das hätte uns nicht weiter interessiert, aber seitdem der Onkel mich vor einigen Jahren einmal als seinen Erbneffen bezeichnet hatte, wollen wir zumindest nichts tun, was einem möglichen dereinstigen Vermögenszuwachs im Wege stehen könnte.

Unterdessen futterte der Onkel unsere Plätzchen und wie es aussah, schmeckten sie ihm ganz vorzüglich, aber vorsichtshalber fragte die Allerliebste unseren Erbonkel:

„Möchtest du vielleicht lieber etwas Süßes essen?“

Onkel Franz winkte heftig ab und schaute etwas entrüstet:

„Warum soll ich meine Füße messen?“

Wie gesagt, Onkel Franz hört sehr schlecht. Das wurde schon vor seinem letzten Besuch im vergangenen Jahr offenbar, als Anke am Telefon zu ihm gesagt hatte:

„Und bitte mach dir keine Umstände, bring uns bitte nichts mit!“

Er hatte geantwortet:

„Natürlich bringe ich Tante Gitte nicht mit, die ist doch schon sechs Jahre tot.“

Wir wussten, daß Onkel Franz schon seit Jahren etwas schlecht hörte, aber dass es zwischenzeitlich so schlimm geworden war, war uns nicht bewusst gewesen.

Immerhin hatte er sich damals angekündigt und war ja auch nur den einen Nachmittag geblieben. Dieses Mal war er aber überraschend gekommen und wollte mehrere Tage bleiben. Hinzu kam, daß es mit seiner Schwerhörigkeit spürbar schlimmer geworden war.

Deshalb gestaltete sich die Kommunikation an diesem Nachmittag auch zunehmend schwieriger. Anke sagte:

„Und sonst? Gesundheitlich alles in Butter?“

„In meinem Alter noch auf einen Kutter? Nein, dafür bin ich zu alt. Ich fahre lieber mit der Bahn.“

„Hast du eine Bahncard?“


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„Einen Dornkaat, ja gerne, aber bitte nicht so kalt!“

Der Onkel bekam seinen Dornkaat, freute sich sichtlich und rieb vergnügt die Hände:

„Bei euch ist es immer so schön gemütlich. Los erzählt doch mal was!“ Und an mich gewandt: „Was machen deine Bücher?“

„Die verkaufen sich gut.“

„Die versaufen bei Flut? Meine Güte, kannst du die nicht irgendwo lagern, wo das Wasser nicht hinkommt?“

„Nein, die Läden verkaufen sie gut!“

„Die Blöden kaufen sie gut? Na, dann hast du ja Glück, Blöde gibt es ja genug.“

Ich gab es auf, der Onkel verstand wirklich nichts, aber offenbar hatte er Freude an der Konversation und amüsierte sich sichtlich darüber, daß meine Bücher alle versaufen und Blöde sie haben wollen.

Auch die Kinder fanden zunehmend Freude an dem lieben Onkel, denn Josie konnte endlich einmal ihrer Neigung zu unentwegtem Plappern nachgehen, der Onkel hörte nichts und ertrug es mit stoischer Gelassenheit. Rouven fand den Onkel schon deshalb interessant, weil er jemand war, der noch älter ist als ich. In Rouvens Vorstellung habe ich ja noch Julius Cäsar, den Kaiser und den Führer persönlich gekannt. Wie weit muß da erst die Erinnerung des alten Onkels zurückreichen.

Es schien alles harmonisch, doch das nahm in dem Moment einen unerwarteten Verlauf als der Onkel meinem Sohn die Frage stellte, wie schwer er denn sei. Rouven antwortete völlig korrekt:

„50 Kilogramm.“

„Was soll das denn sein?“ fragte der Onkel erzürnt und fuhr fort: „Das sind doch moderne Sachen, die spinnen doch die Norddeutschen!“

Wir zeigten uns erstaunt und ich wollte gerade fragen was denn an dieser simplen Antwort den Zorn des Onkels geweckt haben mochte, da ergänzte er:

„Früher haben wir gesagt, ich bin so und so viel Pfund schwer, aber was soll das denn für eine neue Mode sein, mit dem Kieler Gramm? Gibt es jetzt auch ein Berliner Gramm und ein Kölner Gramm?“

Mein Sohn wollte noch etwas sagen, aber ich gab ihm ein Handzeichen. Vielleicht wäre es besser, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen, hatte ich mir überlegt.

Später sagte ich zu ihm: „Weißt Du, Sohn, dieser alte Onkel wird uns vielleicht mal was vererben. Wir sollten ihn nicht verärgern.“

Da sagt mein Sohn: „Naja, da bliebe aber zum Erben bestimmt noch genug übrig, auch wenn sich der Onkel ein Hörgerät kauft.“

Recht hat er.


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