Start Geschichten Killergebäck
  • Killergebäck

    Francesco und seine Frau Rosi werden von der Allerliebsten, gar nicht mal respektlos gemeint, die Nudeltunker genannt. So nennt sie eigentlich alle Italiener, wie sie für alle fremdländischen Leute so ihre eigenen Bezeichnungen hat. Spanier sind die Zitronenschüttler, Griechen die Olivenschüttler und die Franzosen nennt sie Frosch(fr)esser.
    Sie kann nicht anders, bei ihr heißen die so. Ich bin da völlig anders, ich habe mir keine solchen Namen ausgedacht. Obwohl – der liebe Gott hat es vorgesehen, daß der Mensch auf der rechten Seite fahre und deshalb im Auto auf der linken sitzen möge; und deshalb nenne ich die Engländer Falschfahrer. Aber das ist auch schon die einzige komische Bezeichnung, die ich verwende, außer natürlich den ganz gängigen Bezeichnungen wie Käsköppe für Niederländer und Anschlußdeutsche für Österreicher, aber das sagen ja viele.

    Nun betreiben diese beiden herzensguten Nudeltunker ein Eiscafé. Genauer gesagt verkaufen sie dort Eis und bieten aber auch Pasta, Pizza und Käseteller an.
    Francesco und Rosi sind wirklich ganz herzliche und nette Leute, jedoch sind sie, was ihre gastronomische Tätigkeit anbetrifft, im Grunde eine absolute Fehlbesetzung.
    Sie sind langsam, vergessen jedes Mal die halbe Bestellung, bringen gerne mal das Falsche und lassen sich nach dem Abliefern der ersten Bestellung nie wieder blicken. Man sitzt vor leer gegessenen Tellern, leeren Gläsern und Tassen und die beiden Nudeltunker verpassen in schöner Regelmäßigkeit das Anschlußgeschäft, das sich doch so leicht mit den Worten „Darf’s noch etwas sein?“ anbahnen ließe.

    Viel lieber sitzen sie im hintersten, finstersten Winkel ihres Kaffeehauses mit Landsleuten aus Sizilien zusammen und parlieren in nicht zu überhörender Lautstärke über Lotto, den Papst, Berlusconi und den Euro.

    Ab und zu werden sie sich ihrer gastronomischen Unzulänglichkeiten bewußt, und dann dringt wie aus fernen Tiefen die Erkenntnis ins Gehirn, daß da ja noch Gäste sitzen und dann möchte vor allem Rosi das Versäumnis wieder gutmachen, indem sie kleine, selbstgemachte Backwaren auf ebenfalls kleinen, aber nicht selbstgemachten Tellern serviert: „Isse zumme Probiere‘, geht auffe Haus, is kostenlos!“

    Tja, der liebe Gott hat die beiden eben nicht zu geborenen Gastronomen gemacht und die liebe Rosi deshalb zur Belohnung mit ganz besonderen Backkünsten ausgestattet. Diese Künste versetzen die Frau in die Lage aus fein gesiebtem Mehl der Extraklasse, bestem Zucker, frischen Eiern mit zwei Dottern, herrlichen Mandeln und bester Butter kleine, absolut geschmacksneutrale, bröckelige und steinharte Halbmonde zu backen.

    Die Dinger sehen schön aus, wenn sie, frisch mit Puderzucker bestäubt, so vor einem auf dem Teller liegen.
    Beißt man aber etwas davon ab, so verwandelt sich das Gebäckfragment im Mund unverzüglich in Gips.
    Man kann diesen Brei weder zerbeißen, noch runterschlucken. Das Gebäckstück staubt einem bei jedem Bissen den Puderzucker in den hustenden Hals und gleichzeitig klebt die Pampe einem die Zunge in einer unnatürlichen Windung an den Gaumen.
    Das Zeug einfach auszuspucken, geht auch nicht, denn die Masse vergrößert sich im Mund, weil sie durch den Speichel etwa tennisballgroß wird.
    Man hat definitiv nur eine Chance: Man muß den sizilianischen Backwarenterror durch langsames Zergehenlassen im Mund und schluckweises Auflösen mit Kaffee irgendwie in Richtung Speiseröhre befördern und dann herunterschlucken.

    Das passiert einem nur einmal!

    Als mir Rosi zwei Tage später wieder ein solches Gebäck der Grausamkeit kredenzen will, lehne ich mit Hinweis auf eine Magenverstimmung ab. Sie akzeptiert die Ausrede, beäugt mich aber dennoch sehr kritisch. „Machte nixe, das näxte Mal schmeckte um so besser!“

    Ich glaube, wir haben drei oder vier Wochen einen großen Bogen um das Café gemacht, doch dann gelüstete es mir wieder nach dem unvergleichlichen, weil ganz leicht salzigen, Pistazieneis des Nudeltunkers.
    Und kaum hatte ich, vor dem Café im Freien sitzend, meine zwei Kugeln mit Sahne gegessen, stand Rosi auch schon strahlend vor mir, in den Händen wieder einen der nicht selbstgemachten Teller mit einem dieser Killerhalbmonde aus Teig. „Sind ganze frisch heute!“

    Was soll man tun? Ich bedanke mich artig, warte bis Rosi wieder im Café verschwunden ist und schwups fliegt das Gebäck in hohem Bogen auf die Ladefläche des Pritschenwagens eines örtlichen Elektroinstallationsbetriebes.
    Als Rosi wenig später herauskommt, tue ich so, als ob ich kaue und sie strahlt: „Sehe Sie, schmeckte Ihne‘ gutt. Isse beste Gebäck originale von Sizilia!“


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    So oft hatte sich Rosi bei noch keinem meiner Besuche blicken lassen. Denn schon wenig später steht sie wieder mit einem dieser unausstehlichen Gebäckhalbmonde da.

    „Bitteßön, isse lecker!“

    Kaum war sie wieder im Eiscafé verschwunden, drückte ich das Gipsgebäck einem an der Leine vorbeigeführten Dalmatiner ins Maul. Gerettet! (Ich zumindest, der arme Hund soll am nächsten Tag eingegangen sein.)

    Aber Rosi kannte keine Gnade. Nur vier Minuten später bringt sie einen Teller mit zwei Betonplätzchen und strahlt: „Habe noch ganze viele, wenn ßi Hunger habbe, ich bringe!“

    „Nein, nein!“, wehrte ich ab, „Ich habe nun genug, vielen, vielen Dank!“

    „Ach was! Sinde eine große starke Mann, könne wasse vertragen. Meine Bruder Luigi isse auch so große Mann, könne esse ßwanßich von leckere sißilianische Plätzchen!“

    Es wollte und wollte kein Lastwagen mit Pritsche vorbeikommen und der Mann mit dem Dalmatiner war vorsichtshalber auf dem Rückweg auf der anderen Straßenseite vorbei gelaufen.
    Einem vorbeifahrenden Rocker schmiß ich einen Halbmond vor den breiten Vorderreifen. Der Keks war, der Rocker hatte nichts gemerkt, Gott sei Dank!

    Was aber machte ich mit den anderen Halbmonden aus Gipskarton? Ich beschloß, diese Gebäckstücke in der kleinen Kaffeekanne aufzulösen. Das gelang mir auch teilweise, aber der Löffel blieb genau in dem Moment stecken, als die Pampe abzubinden begann.
    Auf dem Nebentisch hatten andere Gäste eine halbvolle Flasche Fanta übriggelassen. Ich besorgte mir die und tatsächlich gelang es mir, die Pampe noch einmal so weit anzulösen, daß ich wenigstens den Löffel wieder herausbekam.
    Den wollte ich ablecken, damit keine verräterischen Spuren an ihm zurückblieben.

    Das war ein Fehler!

    Jetzt, drei Wochen später, ist mein Gaumen halbwegs wieder verheilt, der Löffel hängt in der Unfallchirurgie an der Wand der Blödheiten und ich kann schon wieder flüssige Nahrung zu mir nehmen.
    Der Arzt meinte, ich solle auch ruhig Eis essen gehen, die Kälte könnte den Schmerz etwas lindern.

    Mach ich, aber nur mit Eis vom Bofrostmann!


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