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Spitze Feder

Finale Zeitenwende

Allmählich blicke ich echt nicht mehr durch, bei den ganzen Zeitenwenden. Ihr etwa? Eine Zeitenwende jagt ja quasi die nächste. Was hatten wir schon Zeitenwenden!

Der 8. Mai 1945 war beispielsweise eine. Dann der 21. Juli 1969, der 17. September 1982, der 9. November 1989, der 11. September 2001…und, und, und. Ich frage mich, ob es der Zeit nicht schwindlig wird, wenn sie andauernd gewendet wird. Sie ist ja schließlich auch nicht mehr die Jüngste.

Ob Karl Marx recht hatte, als er vor über 100 Jahren in einer titanischen Plackerei die Geschichte der Menschheit analysierte und dabei die ernüchternde Bilanz zog, dass die Zeitenwenden* aus Wachstum, Blüte, Krise, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau, einer Art Naturgesetz folgen und sich deshalb bis zum Sank-Nimmerleinstag immer wiederholen?

*Ja, ich weiß, Karl Marx nannte die Abfolgen zwar Zyklen; ich reklamiere jedoch an dieser Stelle für mich die Freiheit der Kunst gemäß Art. 5, Abs. 3, GG, und nenne sie Zeitenwenden…damit ich meinen Text nicht zerdeppere und der Headliner darin immer wieder als Erinnerung erscheint, worum es bei meinen Schachtelsätzen überhaupt geht.

Wie dem auch sein: Vermutlich hatte Karl Marx nicht ganz recht mit seiner These. Denn als der zornige Saarländer Rauschebart seine dramatische Erkenntnis zu Papier brachte, konnte er ja schwerlich ahnen, wohin sich die menschliche Intelligenz über viele Generationen entwickeln würde, und wozu der Homo Sapiens dereinst fähig sei.

In Zeiten metareligiöser Effizienssteigerung und einer uferlosen Flut an Informationen, die, einem Tsunami gleich, in Echtzeit den ganzen Globus überströmt, hat sie, also die Menschheit, es nämlich geschafft, dem von Karl Marx postulierten Naturgesetz ein Schnippchen zu schlagen und die benötigte Zeit für die Zeitenwenden von Wachstum, Blüte, Krise, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau, auf Null zu minimieren. Chapeau!

Denn im 21. Jahrhundert besteht der Sinn des Lebens darin, über alles verfügen zu können…immer…sofort und in uferloser Menge. Weshalb sollte man sich also die verfügbare Zeit maximaler Wertschöpfung, durch die misanthropischen Überlegungen eines unrasierten Fossils aus Trier aufoktroyieren lassen?

Unsere moderne, metasexuelle, turboliberale, queere, woke, bunte…habe ich etwas vergessen? Was ich eigentlich sagen wollte: Die Gesellschaft von heute lebt in einer anderen Dimension, einer anderen Wahrnehmung von Geschwindigkeit und Wertung. Sie analysiert sämtliche Belange des Daseins im Hinblick auf Kosten und Nutzen, mit einer klinisch sterilen Messlatte namens erstes ökonomisches Prinzip, dem in der globalisierten Welt der Rang einer Gottheit zugeschrieben wird. Eine Messlatte, die vermutlich schon Karl Marx in tiefe Depressionen hätte stürzen können. Ähnlich jener Depression, die Friedrich Nietzsche wohl heimsuchte und auf den Gedanken brachte, Gott sei tot.

Die gemächlich vor sich hin mäandernden Zeitenwenden von Wachstum, Blüte, Krise, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau des 19. Jahrhunderts, wurden von führenden Beratungsunternehmen des 21. Jahrhundert mit „nicht mehr zeitgemäß“ apostrophiert. Das Résumé ihrer kühlen Analyse ist, dass in einer globalen Weltwirtschaft, Zeit und Distanzen keine Rolle mehr spielen dürften. Deshalb müssten für eine omnipotente und nachhaltige Wertschöpfung, die Zeitenwenden aus Wachstum, Blüte, Krise, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau auch nicht nacheinander, sondern parallel stattfinden!

Es sei deshalb unter wirtschaftswissenschaftlichen Aspekten beinahe schon ein Muss, moderne Waffentechnik in der einen Region zu applizieren, und in einer anderen, gleichzeitig die Rekonstruktion der, durch eben jene Technik derangierte Infrastruktur vorzunehmen. Ziel einer auf stetiges Wachstum ausgerichteten Globalisierung müsse es deshalb sein, Blüte, Krise, Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau in einer Art gleichzeitiger, ökonomischer Fruchtfolge zu kultivieren und in stetigem Flow zu halten.

Der renommierte Analytiker, Volker Pispers, sieht in einigen Branchen hierzu bereits Ansätze eines potentiellen Technologievorsprungs, den es gilt, mit allen Mitteln vor der Abwanderung in asiatische Billiglohnländer abzusichern, und somit ein nachhaltiges Wachstum und hochwertige Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.

Die Branchenführer hierzulande seien nämlich durchaus in der Lage, sowohl Panzer, als auch Planierraupen zu fertigen, mit denen dann, in der Phase des Wiederaufbaus, Schäden durch die Bomben eben jener Panzer beseitigt und neue Baugebiete geebnet werden könnten. Die Vision einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft sozusagen. Oder, „Minen und Beinprothesen als Gesamtpaket“, wie Pispers zusammenfassend erklärt.

Ein allerdings noch nicht gelöstes Problem ist, dass man für alle gleichzeitig laufenden Zeitenwenden und letztendlich für die, nach besagtem Mindset des 21. Jahrhunderts gestaltete, globale Wirtschaft, fatalerweise Ressourcen von fünf Erden benötigte. So das Resümee der Beratungsunternehmen, die das Modell der „All-In-One-Ökonomie“ strukturiert haben.

Woher die vier zusätzlichen Erden kommen könnten, ist derzeit noch Gegenstand von Grundlagenforschung und hitzigen Diskussionen zwischen modernen Ökonomen und ewig gestrigen Umweltschützern.

Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass es der Wissenschaft und ihren klügsten Köpfen bisher stets gelungen ist, sich sämtlichen Herausforderungen zu stellen und sie durch Innovationen zu meistern.

Falls sie diesmal damit scheitern sollte, ist der Drop eben gelutscht. So what? Dann wird es nach dem letzten Wachstum, nach der letzten Blüte, nach der letzten Krise, nach dem letzten Krieg und der letzten Zerstörung, eben keinen Wiederaufbau mehr geben. Das wäre dann quasi die finale Zeitenwende.

Dann hätte der alte Griesgram aus Trier aber trotzdem nicht recht. Ätsch!

Bildquellen

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 6 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 27. November 2023 | Peter Grohmüller 27. November 2023

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