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Spitze Feder

Einmal Moral bitte

Neulich im Moral-Fachgeschäft: „Guten Tag. Ich hätte gerne einmal Moral, bitte“. „Sehr gerne, der Herr. Wünschen der Herr die Moral traditionell in apodiktischer Form, oder eher modern, sozusagen zeitgenössisch flexibel?“

Hört sich ziemlich grotesk an, nicht wahr? Aber mal ehrlich: Ist ein statisches Beharren auf ehernen Grundsätzen, wie der traditionellen Moral, überhaupt noch sinnvoll? Müsste sie anhand der jeweiligen Rahmenbedingungen nicht kontinuierlich editiert werden? Leistet statische Moral einen signifikanten Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt, zu Wachstum und Beschäftigung? Kann man sich mit solch altbackenem Trödel, wie dem Völkerrecht, mit erhobenem Zeigefinger, mit Menschenrechten und all dem anderen nostalgischen Gehabe, auf den internationalen Märkten noch behaupten? Wohin haben uns denn die Zehn Gebote, unsere vermeintlich angeborene Disposition zur Menschlichkeit und unsere Bereitschaft zum Verzicht und zur Fürsorge denn Bitteschön gebracht? Eben!

Zugegeben: Ich bin nur ein weißer, heterosexueller, männlicher Babyboomer. Quasi ein unbedeutendes Artefakt, und deshalb vermutlich aus der Zeit gefallen, oder auch nur grenzenlos naiv. Wer weiß? Ich setze nämlich immernoch Moral mit Gerechtigkeit gleich und komme deshalb mit der zeitgenössischen Moral und dem ständig wechselnden Kanon der westlichen Wertegemeinschaft nicht mehr mit. Kurzum: Meine Vorstellung von Moral scheint hoffnungslos veraltet zu sein. Wie ich darauf komme?

Derzeit wüten laut der Bundeszentrale für politische Bildung und deren brandaktuellen Daten vom 14.11.2023, weltweit 204 Kriege. Sie unterscheidet hierbei dezidiert zwischen 20 „voll eskalierten Kriegen“, 20 „begrenzten“ und 164 „bewaffneten Konflikten“. Ich muss gestehen, mit einer solchen Nuancierung von Barbarei nicht die Bohne etwas anfangen zu können, und man sieht es den Blutlachen ja schließlich auch nicht an, unter welchem BPB-Ranking sie entstanden sind. Die meisten Kriege dürften jedenfalls völkerrechtswidrig sein. Und da geht es bei mir schon los, mit meiner altbackenen, aus der Zeit gefallenen Moral: Kann blindwütiges Dahinschlachten auch gemäß den Statuten des Völkerrechts vonstatten gehen? Echt jetzt? Ach du Scheiße!

Ich begrüße selbstredend, dass Aggressoren zur Rechenschaft gezogen werden, auch und gerade Russland. Man muss schließlich ein Zeichen, oder so. Aber ich komme durch meine nostalgische Moralvorstellung, mit etwas äusserst Skurrilem einfach nicht klar: Wir beziehen, um die Sanktionen gegen Russland, wegen dessen völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine, aber so was von, das glaubst du garnicht…wir beziehen also russisches Gas und russisches Öl jetzt aus Indien…quasi über Bande, und zu Mondpreisen. Narendra Modi reibt sich derweil die Hände und lacht sich scheckig. Micheline und Michel sollen Florian Silbereisen, Stefan Mross und Helene Fischer also gefälligst bei klammen 19°C im Wohnzimmer, in Wolldecken, oder so in der Art. Am besten noch in Wolldecken aus Bangalore. Wie, Zynismus? Mitnichten! Wir müssen das leider nun mal…wegen der Moral, wegen dem völkerrechtswidrigem Angriffskrieg, wegen der Sanktionen und so weiter? OK, verstehe. Zumindest soweit.

Weshalb aber überziehen wir dann Saudi Arabien und Katar eigentlich nicht gleichermaßen mit Sanktionen, wie den Russen? Denn die Saudis führen schließlich seit fast zehn Jahren einen ebenfalls völkerrechtswidrigen Krieg im Jemen mit bisher 400.000 Blutlachen. Nach welchem BPB-Ranking weiß ich ad hoc allerdings leider nicht. Und Katar finanziert bekanntermaßen die islamistische Terrororganisation Hamas mit schlanken 30 Millionen US-Dollar pro Monat. Die wiederum hat sich zum Ziel gesetzt, den Staat Israel von der Landkarte zu tilgen, oder so ähnlich. Aber die Sicherheit des Staates Israel ist doch Teil der Deutschen Staatsraison. Oder, ist sie das etwa nicht mehr? Und wenn ja, warum und seit wann nicht mehr? Ich gestehe, ich blicke da nicht mehr durch. Muss aber irgend etwas mit Moral zu tun haben.

Wir könnten ja unsere Hände in Unschuld, oder so, und saudisches Öl und Gas aus Katar, über Nord Korea beziehen. Kim Jong-un würde sich vermutlich auch gerne die Hände reiben und sich scheckig lachen. Ach so, geht ja nicht. Ist ja was Anderes. Erstens führen die Saudis den Krieg im Jemen schließlich mit deutschen Waffen, zweitens ist Katar eine große Fußballnation, und drittens könnten sich Micheline und Michel selbst die klammen 19°C im Wohnzimmer dann auch nicht mehr leisten, weil Kim Jong-un garantiert noch unverschämtere Preise aufrufen würde, als Narendra Modi. Wie, gegen Nord Korea laufen auch Sanktionen? Ach so, stimmt ja. Ähm, was haben die Nord Koreaner nochmal gemacht, womit wir unsere Sanktionen begründen? Muss auch irgend etwas mit Moral zu tun haben. Ich gestehe, ich blicke da nicht mehr durch. Aber das sagte ich ja bereits.

Da fällt mir gerade ein: Was ist eigentlich mit den USA? Weshalb nochmal werden die nicht ebenfalls mit Sanktionen überzogen? Schließlich planten sie explizit, sieben Länder in fünf Jahren zu destabilisieren und deren Regierungen hinwegzufegen. Namentlich im Irak, in Syrien, im Libanon, in Libyen, in Somalia, im Sudan und schlussendlich im Iran. Übrigens ohne UN-Mandat, also völkerrechtswidrig. Nö, Leute, das ist keine tumbe Verschwörungstheorie, sondern die Aussage eines US-amerikanischen Vier-Sterne-Generals a. D. und ehemaligen Oberbefehlshabers der NATO-Streitkräfte im Kosovokrieg, namens Wesley Clark. Also kein Immimi eines grenzdebilen Warmduschers mit Alu-Hut, sondern das Statement eines beinharten Pentagon-Cracks.

Wie dem auch sei: Am Ende hat es zwar nicht für alle sieben Länder gereicht, weil der Russe dem Bruderland Syrien und somit dem amtierenden Präsidenten Baschar al-Assad traditionell verbunden ist, weil sich der Ami mit dem Iwan dann doch nicht anlegen wollte, und weil die iranischen Steinzeitislamisten, nach den US-Bombardements im Irak, in Syrien, im Libanon, in Libyen, in Somalia und im Sudan, den Braten rochen. Aber immerhin reichte es für knapp 500.000 Blutlachen, alleine im Irak, bis George W. Bush verkündete: „“Mission Accomplished“. Eine halbe Million Kollateral-Leichen können sich doch auch sehen lassen, oder? Und die sollten gemäß BPB-Ranking doch allemal für Sanktionen reichen, oder etwa nicht? Ach so, geht ja auch nicht. Die Amis sind ja die Guten. Muss irgend etwas mit Moral zu tun haben. Ich gestehe, ich blicke da nicht mehr durch. Aber das sagte ich ja bereits.

Himmeldonnerwetter nochmal: Wie komme ich aus dieser blöden Nummer mit meiner altbackenen Ansicht zu Moral und Gerechtigkeit jemals wieder raus? Ich hab´s: Ich lade mir von der BPB einfach eine dynamische Moral-App auf mein Smartphone. Am besten mit stündlicher Push-Funktion. Das sollte für die 204 aktuellen Kriege reichen und auch für die nächsten. Dann kann ich die Statements von Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Tony Hofreiter, Norbert Röttgen, Annalena Baerbock, Saskia Esken, Friedrich Merz, Alexander Dobrindt und all den anderen Moral-Koniferen, oder wie das heißt, jeweils in Echtzeit updaten und verstehen und habe meine Ruhe. Bingo! Dann kann ich mein Wohnzimmer reinen Gewissens weiterhin auf wohlige 22°C heizen, und Florian Silbereisen, Stefan Mross und Helene Fischer kann ich eh nicht ab.

Bildquellen

Spitze Feder – Spitze Zunge

Diese Kolumne schreibt vorwiegend Peter Grohmüller seine Gedanken zur Welt und dem Geschehen unserer Zeit auf.
Seine fein geschliffenen „Ergüsse“ – wie er selbst sie nennt – erfreuen sich großer Beliebtheit.

Hin und wieder erscheinen in dieser Kolumne auch Beiträge anderer Autoren, die dann jeweils entsprechend genannt werden.

Die Texte sind Satire, Kommentare und Kolumnen. Es handelt sich um persönliche, freie Meinungsäußerung.

Für die Texte ist der jeweilige Autor verantwortlich.

Lesezeit ca.: 8 Minuten | Tippfehler melden | © Revision: 27. November 2023 | Peter Grohmüller 27. November 2023

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