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DSDS – Bushido und Deutschland sucht den Superstar

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Die BILD-Zeitung liebt die Formulierung „ganz Deutschland“. Niemand weiß genau, wer ganz Deutschland sein soll, aber der Begriff steht wohl für „die meisten Deutschen“. Fast immer ist das eine ungeheure Anmaßung der BILD, denn es sind allenfalls viele, vielleicht auch nur viele der BILD-Leser, aber es ist niemals wirklich die Mehrheit aller Deutschen.

Genauso ist es mit „Deutschland sucht den Superstar“. Die RTL-Talentshow maßt sich seit über 20 Jahren an, den Superstar zu suchen und zu finden, doch am Ende kam bei der gesamten Sucherei bis jetzt im Grunde nur Beatrice Egli aus der Schweiz als durchgehend erfolgreiche Künstlerin dabei heraus. Ich will den Erfolg der anderen, wie Alexanders Klaws und Juliette Schoppmann oder Ramon Roselly nicht schmälern, aber Beatrice Egli hat es in meinen Augen wirklich geschafft.

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Um die Teilnehmer des Sängerwettstreits zu finden, bewerben sich mehr oder minder begabte Sängerinnen und Sänger in den Castingshows.
Bangten dort früher schüchterne Friseusen und tanzstarke Autoschlosser um den Einzug in die Show, sieht man heute fast nur noch junge Leute, die vor Selbstüberschätzung kaum gehen können und mit Followerzahlen irgendwelcher sozialer Netzwerke prahlen, als ob man sich davon etwas kaufen könnte, oder als ob sie das über Leute stellen könnte, die ganz normal ihren Lebensunterhalt verdienen, und zwar mit Arbeit.

Um die Spreu vom Weizen zu trennen, lädt RTL an die Seite des „Poptitanen“ Dieter Bohlen immer ein paar ebenfalls mehr oder weniger bekannte Personen aus dem Musikgeschäft ein.
Dabei hat RTL schon mehrfach richtig ins Klo gegriffen, beispielsweise bei der Auswahl von Xavier Naidoo, Michael Wendler, aber auch von Thomas Gottschalk und Heino.
Dieses Mal in der 2026-er-Staffel sind es Isi Glück und Bushido.

Von der Partysängerin Frau Glück habe ich noch nie zuvor etwas gehört. Das liegt aber in erster Linie an mir, weil ich Lieder wie „10 nackte Friseusen“ und „Finger im Po, Mexiko“ nicht anhöre und schlichtweg scheiße finde. Dieser ganze Ballermann-Mist1 ist mir sowas von fremd, das kann ich gar nicht in Worte fassen.
Man sagt mir manchmal, dass es eines gewissen Pegels an Alkohol bedarf, um diese Art Musik schön zu finden. Tut mir leid, so viel könnte ich gar nicht saufen.

Dieter Bohlen wird ja immer nachgesagt, er beleidige die Teilnehmer der Casting-Shows und sei sehr hart in seinem Urteil. Das ist ein Bild, das die Medien um ihn aufgebaut haben, und das durch aus dem Kontext gerissene Zitate nur unzureichend untermauert werden kann. RTL lässt natürlich auch untalentierte Kandidaten vor der Jury singen, um des Unterhaltungswertes, der Blamage und des Fremdschämens willen. Schadenfreude ist doch immer noch die schönste Freude. Ja, und wenn einer vor der Jury eben einzig und allein nur beweist, dass er weder singen, noch sich darstellen kann, dann ist es in meinen Augen auch nicht unangebracht, ihm das vorzuwerfen oder zumindest doch mal klar zu sagen.

In diesem Jahr ist Deutschrapper Bushido mit dabei.
Ich habe mir jede Show bis jetzt (15.04.26) angesehen. Mit Bushido sitzt ein für meinen Geschmack gut aussehender, leicht angegrauter Herr in der Jury, der sich die einzelnen Beiträge konzentriert und aufmerksam anhört. Danach gibt er ein wirklich sehr um Objektivität bemühtes Urteil ab, dem man in jedem Wort anhört, dass dieser Mann wirklich Ahnung vom Musikgeschäft hat.
Das muss er ja haben, gilt er doch als einer der erfolgreichsten Künstler hierzulande überhaupt.

So, ich weiß jetzt von Bushido in etwa genau so viel, wie von der Artemis-II-Mission rund um den Mond, nämlich das, was uns so berichtet wurde.
Ich habe vor ein, zwei Jahren mal zwei Dokus über ihn gesehen, und zwar recht kurz hintereinander. Die eine beschrieb ihn als herausragenden Künstler, guten Geschäftsmann und liebevollen Familienvater. Die andere zeigt ihn in der Nähe krimineller Clans und mafiöser Strukturen, und berichtete über gerichtliche Auseinandersetzungen.

Aus meiner fast 70-jährigen Lebenserfahrung kann ich mit Fug und Recht sagen, dass kein Spruch so falsch ist, wie der oft durch die Argumentationen geprügelte Satz: „Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.“

Nein, wir haben es bei solchen Berichterstattungen ja nicht mit zwei Facetten einer absoluten Wahrheit zu tun, sondern mit gefärbten Meinungsbildern, die oft mit manipulativer Absicht erstellt wurden. Sensationsheischendes Aufbrühen von populistischen Yellow-Press-Darstellungen und Unterstellungen und Behauptungen ohne jegliche Substanz können ja nicht als einer der Pole gelten, in dessen Nähe irgendwo der Kern der Wahrheit liegt.

Über Anis Mohamed Youssef Ferchichi, wie Bushido bürgerlich heißt, weiß ich gar nichts. Und ich behaupte, dass auch „ganz Deutschland“ gar nichts über ihn weiß.
Nun gibt es aber u.a. YouTube-Kanäle, die es sich zur Aufgabe gemacht haben „Reaction-Videos“ zu machen. Das bedeutet, dass der Content-Creator schlichtweg keinen eigenen Content produziert, sondern sich Inhalte Dritter „reinzieht“ und dann „kommentiert, parodiert und kommentiert“. Oft genug bestehen solche Videos nur aus Hass, übler Nachrede und dem Nachplappern des von den Zuschauern mutmaßlich erwarteten Meinungsbildes.

Was ich unter solchen Videos zu DSDS über Bushido gelesen habe, finde ich erschreckend.
Ungefähr ein Drittel der Reaktionen unter diesem speziellen Video lauten sinngemäß so: „Dass Bushido dabei ist, darf einfach nicht sein“.
Das zweite Drittel befasst sich mit dem angeblichen Weichzeichner, der den 70-jährigen Dieter Bohlen so „jugendlich“ aussehen lassen soll.
Das letzte Drittel besteht aus Kommentaren, in denen beteuert wird, wie scheiße DSDS ist, und dass der Kommentator das ja gar nicht guckt.

Besonders die Kommentare über Mohamed Youssef Ferchichi aka Bushido sind teilweise beleidigend bis hin zu strafrechtlich relevant herabwürdigend.
Betrachtet man dann noch die Rechtschreibkompetenz der betreffenden Kommentatoren, kommt man leicht zu der Annahme, dass das ganz dumme oder ganz junge Menschen sein müssen, die sich da ein vorlautes Urteil anmaßen.

Und hier kommen wir zu „ganz Deutschland“. Per Titel tut die Show so, als suche hier Deutschland „seinen“ Superstar. Aber nein, es ist nicht Deutschland. Es ist eine Jury, die für Deutschland einen talentierten Künstler bzw. eine talentierte Künstlerin sucht. Denn dieses Format gibt es international, und solche neuen Stars werden in den USA, in Großbritannien und in noch ganz vielen anderen Ländern gesucht.

Wem die Sendung nicht gefällt, der muss sie ja nicht gucken. Das denke ich mir immer wieder, wenn es um die Sendungen geht, die gerne auch mal für einen Aufreger gut sind.
Letztlich zählt doch für die Sender nur die Quote in der werberelevanten Zielgruppe. Und genau diese Zielgruppe, das kann man jeden Tag nachschauen, guckt mit Vorliebe solche Formate, in denen es zur Sache geht. Je platter, je körperbetonter und je jugendsprachlicher, umso erfolgreicher sind diese Sendungen, zu denen erschreckend viele Reality-Formate gehören.

Aber offenbar gibt es in „ganz Deutschland“ genug Leute, die eine masochistische Ader haben und mit Vorliebe solche Sendungen anschauen, die sie scheiße finden und in denen Protagonisten vorkommen, die sie nicht ausstehen können.

Fazit: Am Ende ist das alles viel weniger bedeutend, als es uns verkauft wird. Weder sucht hier „Deutschland“ irgendjemanden, noch urteilt „ganz Deutschland“ über die Kandidaten. Das macht eine Jury für ein paar Millionen Zuschauer, ein paar laute Kommentatoren im Internet und eine Fernsehanstalt, die Quote machen will – mehr nicht.

Was mich dabei am meisten stört, ist nicht einmal die Sendung selbst. Die ist halt das, was sie ist: Unterhaltung. Mal besser, mal schlechter, oft vorhersehbar. Wirklich unerquicklich ist vielmehr das Drumherum: dieses reflexhafte Draufhauen, dieses ungeprüfte Nachplappern von Meinungen und diese unglaubliche Selbstgewissheit, mit der Menschen über andere urteilen, von denen sie im Grunde nichts wissen.

Wer DSDS mag, soll es schauen. Wer es nicht mag, lässt es bleiben. So einfach wäre das. Stattdessen schauen viele genau das, was sie angeblich verabscheuen, nur um sich anschließend darüber aufzuregen. Vielleicht ist genau das der eigentliche Kern der ganzen Geschichte: Nicht die Show ist das Problem – sondern ein Teil des Publikums.

Und „ganz Deutschland“? Das sitzt derweil vermutlich irgendwo ganz entspannt auf dem Sofa, schaltet um – oder macht den Fernseher einfach aus.

Bildquellen:

  • Bildschirmfoto-2026-04-15-um-02.06.16_800x500: RTL

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(©si)