ServiceWüste

Die Sache mit dem Trinkgeld

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Trinkgeld – Seinfeld und die Sache mit der Rechnung – Ich schaue ja gerne die 90er-Jahre-Sitcom „Seinfeld“. In den frühen Staffeln tritt Jerry Seinfeld immer in einer kurzen Standup-Sequenz auf, die für deutsche Zuschauer oft nur mäßig lustig sind. Wer durch deutsche Comedians à la Markus Krebs, Mario Barth mehr auf das laute Krachlederne steht, kommt mit dem subtilen Humor der jüdisch-amerikanischen Comedians meist nicht zurecht.

In einem Standup spricht Jerry Seinfeld über die Diskrepanz zwischen der Bereitwilligkeit, mit der man sich in einem Restaurant leckeres Essen und Getränke bestellt, und der Reue ums liebe Geld, wenn es hinterher ans Bezahlen geht. Das kennen wir doch alle. Anfangs hat man Hunger, man sieht die ganzen schönen Sachen, die die anderen serviert bekommen, und die auf der Karte stehen, und man schaut nicht so aufs Geld. Nur wenig später bringt der Kellner dann die Rechnung, und man muss erkennen, dass nichts von alledem geschenkt war, und dass sich auch viele überschaubare Beträge zu einem großen Rechnungsbetrag aufsummiert haben.

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Trinkgeld: Pflicht oder freiwillig?

Und dann? Dann kommt ja noch das Trinkgeld hinzu.
Nun unterscheidet uns Deutsche von Amerikanern wie Jerry Seinfeld, dass wir im Grunde gar kein Trinkgeld geben müssen, denn unten auf der Speisenkarte steht ja meist so etwas wie: „Service und Mehrwertsteuer inklusive“.
Anders ist das in vielen anderen Ländern, auch in Amerika. Dort ist das Trinkgeld meist obligatorisch und ein Teil der Bezahlung des Servicepersonals.

Mit anderen Worten: Die Kellnerinnen und Kellner bekommen manchmal gar kein Gehalt, oft aber nur ein Minimalgehalt, und müssen sich ihren eigentlichen Verdienst durch die Trinkgelder verdienen. Das Trinkgeld ist dort also keine freiwillige Angelegenheit, sondern ein verpflichtender Teil der Bezahlung. Lediglich hinsichtlich der Höhe hat man eine gewisse Wahlfreiheit. Einen Mindestsatz muss man immer geben, mehr darf es für besonders zuvorkommende Bedienungen immer sein.

Selbst für Einheimische ist es manchmal recht schwierig, auszurechnen und abzuschätzen, wie viel man geben muss. Gibt man zu wenig oder nichts, kann man richtig Ärger bekommen.

Die deutsche Realität hinter der Freiwilligkeit

Das ist bei uns anders. Das Trinkgeld ist bei uns offiziell kein Teil der Bezahlung und absolut freiwillig. Wer hier nur exakt den Rechnungsbetrag gibt, kann ohne Ärger das Restaurant verlassen.
Aber natürlich ist die Realität ganz anders. Auch hierzulande wird das Personal oft mit dem Hinweis auf das angeblich zu erwartende hohe Trinkgeld mit geringen Stundenlöhnen abgespeist. Das gilt vor allem bei schwarz beschäftigten Personen, die es in Hülle und Fülle gibt, bei studentischen Hilfskräften und Saisonaushilfen.

Offiziell ist hier auf dem Papier natürlich immer der gesetzliche Mindestlohn vereinbart, de facto ist mir aber bekannt, dass es Servicekräfte gibt, die für gerade einmal 5 bis 10 Euro/Stunde arbeiten.

Wir dürften uns darüber im Klaren sein, dass jeder, der in einem Gewerbe arbeitet, in dem es üblich ist, Trinkgelder zu bekommen, selbstverständlich damit rechnet. Er rechnet sich sein wirkliches Gehalt anhand der monatlichen Überweisung und dem, was er zusätzlich bekommen hat, aus. Die Summe ist das, was er verdient.

Wenn das System kippt: Kuriose und fragwürdige Trinkgeldsysteme

Schlimm wird es für die Betroffenen, wenn das System ins Schwanken kommt. Das ist dann der Fall, wenn die Kunden keine oder zu wenig Trinkgelder geben, aber auch dann, wenn „komische“ Trinkgeldsysteme in dem Betrieb herrschen.

Ein Beispiel: Bei einem kroatischen Wirt ist uns aufgefallen, dass der Wirt sich herzlich gerne vordrängt, wenn ein Gast „Zahlen bitte“ ruft. Noch bevor die Bedienung eine Chance hat, ist der Chef schon selbst am Tisch und greift natürlich auch das Trinkgeld ab, das in seine Tasche wandert.

Ein weiteres Beispiel: Bei einem Griechen wollten wir der jungen Bedienung ein Trinkgeld geben, doch die winkte nur ab: „Darf ich sowieso nicht behalten. Der Chef erlaubt das nicht. Er kassiert das Trinkgeld ein.“
Bei einer anderen Gelegenheit habe ich den griechischen Wirt mal darauf angesprochen. Völlig ohne schlechtes Gewissen gab er zu, dass er das für absolut selbstverständlich halte, denn schließlich kaufe er von dem Geld den Ouzo, den er immer kostenlos an die Gäste ausschenke. Er müsse jedes Jahr über 200 Liter Ouzo kaufen und dafür deutlich über 2.000 Euro hinlegen. Dafür brauche er das Trinkgeld.

Noch ein Beispiel: Aus angeblichen Gründen der Gerechtigkeit hat ein deutscher Gastronom im Eingangs-/Ausgangsbereich einen Ständer mit einer Trinkgeldbox. Das sei besonders gerecht, da die von den Gästen dort eingeworfenen Beträge nicht nur den Bedienungen im Tischservice, sondern auch dem Personal in der Küche und den Reinigungskräften zukommen würden. Er habe dieses System in einem Hotel in einem Türkei-Urlaub kennengelernt und für sein Restaurant adaptiert. Nur berichten mir die Kellner, dass niemand vom Personal einen tatsächlichen Einblick habe, ob die anschließend ausgezahlten Gelder auch den Einnahmen dieser Box entsprächen. Außerdem bekäme man auffallend wenig. Die Frau an der Kasse bekomme mit, wie viel eingeworfen werde, und sei der Meinung, das sei viel mehr.

Und dann noch: In einem Restaurant geht der Chef, bevor die Kellner mit der Rechnung an den Tisch kommen, selbst zu den Gästen und sagt sinngemäß: „Sparen Sie sich das Trinkgeld und geben Sie uns lieber eine gute Bewertung bei TripAdvisor oder Google.“

Es gibt auch noch dieses hier: Der Gastwirt stellt für das Abkassieren nur einen einzigen Wirtegeldbeutel zur Verfügung, den alle Bedienungen abwechselnd nehmen müssen. Zwischendurch nimmt er immer das Trinkgeld raus, um es für sich zu behalten.

Trinkgeld bei Lieferdiensten – ein schwarzes Loch? Übrigens: Viele Lieferdienste haben Online-Trinkgeld-Dienste. Da kannst Du direkt vor dem Bezahlen dem Lieferfahrer noch was extra geben. Ich habe meine Lieferfahrer immer gefragt, ob sie das auch bekämen, und die Antwort war bislang immer nein.

Ich finde das alles ziemlich schäbig.

Wofür Trinkgeld eigentlich gedacht ist

Bei uns bedeutet doch ein Trinkgeld, dass man quasi eine kleine Belohnung verteilt. Wenn ein Service besonders gut war, wenn eine Person freundlich, fehlerfrei und kompetent war, dann gibt man ihr eine großzügige Zusatzbezahlung, und man erwartet doch, dass derjenige, dem man das gegeben hat, das Geld auch bekommt bzw. behalten darf.
Und wer sich etwas auskennt, der weiß, dass die Angestellten ganz fest mit diesen Beträgen rechnen müssen, weil sie sonst nicht rumkommen.

Trinkgeld früher: Geschichten aus der Wirtschaftswunderzeit

Mein Vater ist in den Wirtschaftsunderjahren, Ende der 1950er, Anfang der 1960er, Taxi gefahren. Schon er berichtete damals, wie sehr er mit den Trinkgeld-Groschen rechnen musste. Ohne die zusätzlichen Beträge wäre auch er nicht rumgekommen. Und er war immer zufrieden mit den Trinkgeldern. Erst einmal war es damals absolut üblich, dass das bezahlt wurde, und außerdem waren sein Auftreten und sein Service wohl exzellent genug, um besonders viel Trinkgeld zu erhalten. Damals konnte man bei der Taxizentrale auch einen sogenannten „Herrenfahrer“ bestellen, das waren Chauffeure, die Livree und Mütze trugen und besonders höflich und dienstbeflissen waren. Für diesen Extraservice gab es natürlich immer noch was zusätzlich.

Aber schon damals wusste mein Vater von besonders großzügigen und besonders knausrigen Fahrgästen zu berichten. Da gab es einen gewissen Herrn Hempel, einen Vertreter für Delikatesskonserven ohne Führerschein, der sich per Taxi zu seinen Kunden fahren ließ. Dieser Mann war die Großzügigkeit in Person. Ein paar Tage mit dem Vertreter unterwegs zu sein, bedeutete, dass der nächste kleine Urlaub gesichert war.
Auch der damals berühmte Sänger Willy Schneider zählte einmal zu den Fahrgästen. Der feine Herr fragte gar nicht nach dem Fahrpreis, ließ sich nur vom Bahnhof zum Hotel fahren, und zog dann 100 Mark aus der Innentasche seines Mantels. „Kleiner habe ich es nicht, denn kleiner gibt man nicht“, soll er gesagt haben.
Ganz anders, so erzählte es mein Vater, und ich übernehme keine rechtliche Verantwortung für diese Aussagen, glaube es ihm aber vollumfänglich, war es mit drei anderen Berühmtheiten.
Der allseits so beliebte Showmaster Rudi Carrell habe sich das Wechselgeld auf den Pfennig genau herausgeben lassen und habe kein Trinkgeld gegeben.
Und auch die berühmten Kessler-Zwillinge sind mit meinem Vater von Essen nach Düsseldorf gefahren, was schon eine weitere Strecke war, die auch damals schon ordentlich was gekostet hat.
Sie haben sich noch schlimmer benommen. Denn gar kein Trinkgeld zu geben, wie Herr Carrell, das kommt immer wieder mal vor. Es gibt einfach so Leute.
Aber die Kessler-Zwillinge haben sich zunächst das Wechselgeld auf die recht hohe Fahrgebühr geben lassen und meinem Vater dann großzügig 10 Pfennig in die Hand gedrückt. Das hat damals am Kiosk für eine Lakritzschnecke gereicht.

Es ist kompliziert – persönliche Erlebnisse

Es ist halt so eine Sache mit dem Trinkgeld.

Ich hatte einen Onkel. Der war später Kunstmaler und lebte unter den Fittichen einer mächtig reichen Kunsthändlerin in Wien. Eines Tages besuchte er uns und wir gingen mit ihm essen.
Der Kellner hatte uns die Rechnung gebracht und war dann sehr beschäftigt mit anderen Gästen. Ich legte ihm den Rechnungsbetrag plus fünf Euro Trinkgeld auf den Tisch und gab ihm ein Zeichen. Der Kellner nickte uns lächelnd zu, dankte uns und winkte zum Abschied.
Draußen vor dem Restaurant entschuldigte sich der Onkel kurz und ging noch mal zurück ins Restaurant. Ich dachte, er habe seinen Hut oder seine Brille vergessen, oder er müsse nochmal aufs Klo.
Tatsächlich hat er aber von dem Geld auf unserem Tisch 3 Euro wieder weggenommen. Das Geld hat er sich dann eingesteckt und meinte, das sei ja wohl zu viel für so einen Kellner.

Ein anderes Mal war ebendieser Onkel zu Gast und wir wollten wieder mit ihm essen gehen. Das kam öfter vor, denn der Onkel liebte es, gänzlich überraschend vor der Tür zu stehen und gerne ein paar Tage zu bleiben.
Es gibt nicht so viele Restaurants hier in der Gegend, die auch mittags aufhaben. So fuhren wir zu einem Griechen im Nachbarort. Doch dort an der Tür prangte ein Schild: »Urlaub«.
Glücklicherweise gab es dort, ein Stück die Straße runter, noch ein italienisches Restaurant. Dort stand überraschenderweise der Koch in der Tür und winkte uns zu sich herüber.
„Kommen, kommen, hier große, leckere Essen, komme bitte!“

Es stellte sich heraus, dass sich die Gastwirtschaft auf den Besuch einer Hochzeitsgesellschaft eingerichtet hatte. Doch, was eigentlich nur im Film vorkommt: Die Braut hatte wohl nein gesagt.
Jetzt saßen die Gastleute auf einem üppigen kalt-warmen Büfett und hatten auch noch vorher kundgetan, dass an diesem Tag nur „geschlossene Gesellschaft“ sei.

Wir haben dort gespeist, getrunken, mit den Gastleuten und ihrer ganzen Familie den ganzen Tag gefeiert. Der Wein floss in Strömen, wir mussten mit dem Taxi nach Hause fahren.
Am Ende tanzte eine 90-jährige, zahnlose Oma auf dem Tisch und alle waren glückselig.

Als wir gehen mussten, fragte ich den Wirt, was wir denn schuldig seien. Er war froh, dass überhaupt jemand gekommen war. Außer uns waren nur eilig herbeitelefonierte Familienmitglieder und Freunde da gewesen.
Er sagte: „Gebe mir 10 Euro pro Person, Rest isse Geschenke.“

Das muss man sich mal vorstellen! Meine Frau, mein Onkel und ich hatten stundenlang gegessen, getrunken und gefeiert. Der Wirt hätte locker auch 50 Euro pro Person dafür verlangen können. Angesichts der Tatsache, dass wir Notnagel-Gäste unter besonderen Umständen waren, hätte er realistisch und fairerweise rund 20 bis 25 Euro erbitten können.

Ich legte ihm zwei 20-Euro-Scheine und zwei 10-Euro-Scheine, also insgesamt 60 Euro auf das Tischlein.
Später, als wir wieder zu Hause waren, drückte mir mein Onkel 30 Euro in die Hand: „Du hast dem entschieden zu viel hingelegt. Gott sei Dank hab‘ ich aufgepasst!“

Die Allerliebste und ich sind dann zwei Wochen später noch einmal dort eingekehrt, haben lecker gegessen und wir haben wirklich großzügig die Peinlichkeit des Onkels beglichen.

Mein persönlicher Umgang mit Trinkgeld

Ich sag’s noch mal: Es ist halt so eine Sache mit dem Trinkgeld.

Um es ganz einfach zu sagen: Ich gebe eigentlich immer und immer zu viel Trinkgeld. Ich habe in jungen Jahren oft genug auch für Trinkgeld gearbeitet. Ich käme mir schäbig vor, wenn ich den Eindruck hinterließe, knauserig zu sein. Für mich ist es immer etwas Besonderes, wenn ich die Dienste eines anderen in Anspruch nehmen darf. Mir ist es fast schon unangenehm, wenn ich andere für mich arbeiten lasse. Das fängt mit den Zustellern an, geht über die Lieferdienste bis hin zu Handwerkern und eben Bedienungen. Ob in der Arztpraxis bei den Damen an der Rezeption oder bei Taxifahrern und anderen Helfern. Ich habe immer extra was an Geld für sie in der Tasche. Denn, wenn man, wie ich, meist bargeldlos bezahlt, fällt ja das Trinkgeld schon oft in Ermangelung von Bargeld unter den Tisch. Und deshalb habe ich immer was extra dabei.

Und Du?

Wie machts Du das mit dem Trinkgeld? Bist Du Dir sicher, wie viel man so geben sollte, oder überlegst Du auch immer hin und her?

Bildquellen:

  • hotelpasge_800x500: Peter Wilhelm KI

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(©si)