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  • Die Mannheimer Stimmgabeln

    Wenn früher fahrendes Volk in die Stadt kam, zogen die Possenreiter und Moritatensänger zunächst durch die Straßen und lockten das neugierige Volk mit markigen Sprüchen und oft frivolen Gesängen zum Festplatz. Heute ist das anders. Wenn beispielsweise der König des Kirmesschlagers, Michael Wendler, oder die eigentlich schon längst vergessenen Superstars aus irgendwelchen Fernsehcontainern in die Stadt kommen, dann sind das seit Monaten streng durchterminierte Stationen einer Konzertreise. Auf so ein „Event“ wie man heute gerne sagt, wird schon Wochen im Voraus auf Plakaten hingewiesen.

    Das Plakatieren übernehmen für die Veranstalter von Sport-, Kultur- und Kleinkunstveranstaltungen Plakatierfirmen, die ihre Holz und Papptafeln an allen möglichen Stellen in der Stadt aufhängen. Besonders beliebt sind dabei natürlich solche Stellen, an denen besonders viele Autos und Leute vorbeikommen und idealerweise die Autos auch noch, beispielsweise an Ampeln, kurz anhalten müssen.
    Was dem einen eine willkommene Informationsquelle und ein buntes Allerlei, ist dem anderen eine Ansammlung von Schandflecken und ein Daueraufreger.
    Ab und an wird auch mal ein Plakat vergessen und so kündet heute noch an mancher Stelle ein vergessener Holzständer vom „Winterzirkus 2008“ und das eine oder andere Plakat lädt zu Veranstaltungen von Sangeskünstlern ein, die in unserer schnelllebigen Zeit längst schon wieder in der Versenkung verschwunden sind.

    Hastig hingeklebte Plakate flattern hin und wieder aufgrund der Witterungseinflüsse lieblos im Wind und es ist auch nicht abzustreiten, daß manche besonders beliebte Stellen in der Veranstaltungssaison geradezu zugepflastert sind.

    Diesem „Wildwuchs“ wollte die Stadt Mannheim nun Einhalt gebieten. Also setzte man sich zusammen und beschloss, daß es künftig 1.500 Plakatständer in der Stadt geben soll, die sauber in Reih‘ und Glied aufgestellt, an den prägnantesten Stellen der Stadt für so manches Ereignis werben sollen.
    Die Edelstahlrahmen laufen unten etwas schmaler zusammen, was die gedruckte, sogenannte öffentliche Meinung schnell den Namen „Stimmgabel-Ständer“ dafür finden ließ.


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    Seitdem nun diese „Stimmgabeln“, die wirklich nur dann eine Assoziation zu einer Stimmgabel zulassen, sofern man tatsächlich bar jeden musikalischen Wissens ist und noch nie eine Stimmgabel gesehen hat, in Mannheim aufgestellt werden, sind die Meinungen der Mannheimer Bürger geteilt.
    Die wohl allermeisten Menschen störten sie nie an den Plakaten wie sie bisher waren, sie kümmert es auch nicht, daß jetzt neue Plakatständer aufgestellt werden und sie schweigen einfach, entweder sowieso zufrieden oder mit ganz anderen Problemen befasst, stumm vor sich hin. Doch diejenigen, die sich sowieso immer mit ihrer Meinung lautstark in den Vordergrund drängeln, das sind die Nörgler, die Meldeeifrigen, die An-Allem-was-auszusetzen-Haber.
    Lautstark, so kommt es einem fast vor, füllen sie die Leserbriefecke der lokalen Tageszeitung, diskutieren in Foren und meckern was das Zeug hält.
    Klar, die ehemals wild und freischaffenden Plakatfirmen freuen sich über diesen Nachhall, denn ihre Existenz ist durch die neue Richtlinie aufs höchste Maß gefährdet, hier hat man im Vorfeld nicht ausreichend überlegt.
    Doch letztlich sind die neuen Plakatständer, auch im Vergleich zu anderen Städten, eine deutliche Verbesserung und sorgen für ein aufgeräumteres Stadtbild; und genau das steht Mannheim doch ganz gut zu Gesicht, denn leere öffentliche Kassen lassen die Quadratestadt, mal abgesehen von publikumswirksamen Vorzeigestellen, an vielen anderen Plätzen schmuddelig und unaufgeräumt aussehen.

    Statt vom Wetter schief und feucht gewordene Hartfaserplatten, wild an alle möglichen Zäune und Bäume gehängt, findet man nun an exponierten Stellen ganze Reihen der neuen Ständer in Reih und Glied. Eine wirkliche Verbesserung, das bestätigen viele Besucher Mannheims, die jetzt anläßlich des jüngst stattgefundenen Maimarktes wieder zu Besuch waren.

    Doch den Nörglern ist kein Argument zu weit her geholt, keine Blödheit zu affig, um gegen die Ständer auf unterstem Niveau zu agitieren. Angeblich könnten Autofahrer Kinder übersehen, die hinter einem solchen Schild stehen und die Straße überqueren wollen. Erstens war das bei den alten Plakatständern auch so und zweitens stehen fast alle Plakatständer bewußt an solchen Stellen, an denen Fußgänger gar nichts verloren haben.
    Das Hauptargument der Stänkerer ist jedoch, die neuen „Stimmgabeln“ seien häßlich und würden das Stadtbild verschandeln.
    Dem ist angesichts des vorherigen Wildwuchses durch frech an alle Zäune gedrahtete Pappschilder gar nichts hinzuzufügen und dieses Argument entbehrt schon bei einfacher Inaugenscheinnahme jeglicher Grundlage.

    Mit anderen Worten: Da haben sich die Stadtoberen, die Plakatwerbung und der Rat einmal gründlich Gedanken gemacht, es ist etwas Positives dabei herausgekommen und einigen wenigen lieben Bürgern fällt nichts anderes ein, als sich zum angeblichen Sprecher der Mehrheit aufzuschwingen und herumzumeckern.
    Einiges an den Umsetzungsrichtlinien müßte dringend noch nachgebessert werden. So fordern freie Jugendverbände und die Betreiber von Laienspielgruppen und Kleinkunstbühnen, daß wenigstens ein kleiner Teil der Ständer auch ihnen zur Verfügung gestellt wird und zwar ohne großen bürokratischen Aufwand und ohne große Kosten.
    Das sollten sich die verantwortlichen tatsächlich mal durch den Kopf gehen lassen, denn sonst haben wir neben den „Stimmgabeln“ in Zukunft noch die Plakate der alternativen Veranstalter genauso wie wir sie früher hatten.


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