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Der Auskenner

Der Auskenner

Der Männerladen! Wenn man sich richtigem vorweihnachtlichem Stress aussetzen will, dann gehen Weicheier auf einen überfüllten Weihnachtsmarkt; richtig harte Kerle aber gehen in eine Filiale von Elektronik-Conrad. Will man dort seine Daseinsberechtigung als Mann unter Beweis stellen, dann geht man aber nicht irgendwann „zum Conrad“, sondern es kommen überhaupt nur zwei Termine in Frage: Entweder montagmorgens oder an einem Samstagvormittag!

Montags stehen schon ab 8 Uhr 30 die ersten Männchen vor dem Laden an, sie halten alle irgendwelche Warenpackungen und einen Kassenzettel in den Händen und warten sehnsüchtig darauf, daß Schlag zehn die automatischen Schiebetüren zischend auffahren und ihnen Einlass gewähren. Was dann passiert, das gleicht dem Stierlauf von Pamplona.
Jeder will als Erster an der zehn Meter langen Info-Theke sein, an der der Umtausch erfolgt; sie alle haben am Samstag zuvor irgendwas gekauft und über das Wochenende hinweg festgestellt, daß der gekaufte Artikel nicht funktioniert, in der Packung etwas fehlt, sie das Falsche gekauft haben oder schlichtweg einfach zu blöd sind, um ihn richtig zu bedienen.

Der AuskennerDer Auskenner

Wer also richtigen Nervenkitzel erleben will, der stellt sich montags ganz früh vor einer Conrad-Filiale an und lasst die brunftende Testosteronhorde um Punkt zehn auf sich zurollen.

Toppen kann man dan nur noch, wenn man samstags da hin geht. Samstags ist der Conrad-Tag schlechthin und nur wer einmal mit 400 anderen Elektronikwütigen gleichzeitig durch die Gänge des Kabelparadieses gegangen ist, der kann mitreden, da wird ein Afghanistan-Einsatz ganz klein, aber ganz, ganz klein!
Nun bin ich ja conraderprobt, habe bereits seit Jahren Anspruch auf den goldenen Lötkolben am Bande, weil ich bereits vor Jahren die Neueröffnung einer Conrad-Filiale und den Ansturm auf die Eröffnungsgeschenke überlebt habe, aber manchmal muß man sich auch als alter Veteran noch neuen Herausforderungen stellen.

Das kann man am Besten, wenn man noch ein paar Leute mitnimmt.
Da haben wir also Guschtl den Elektronikfachmann, Penny und Bill, die Bedarfsgeweckten und mich, den Elektronikschnuffi.
Ja, ich gestehe es ein, ich bin eine Elektronikschnuffi, auf Neudeutsch ein Batteriejunkie. Alles was piepst, blinkt und in das man eine Batterie stecken kann, erzeugt orgasmusartige Fortsetzungssucht. Ich gebe es zu.

Kurz zu Penny und Bill, unsere Freunde aus dem Obama-Land, seit Ewigkeiten hier ansässig: Die beiden haben sich vor Wochen für den Kauf eines flachen Touchscreen-Multimedia-PCs entschieden (man darf ruhig Flatsch-Screen sagen), den ihnen ihr Haus- und Familienfreund Guschtl montiert und angeschlossen hat. Guschtl ist also der große Auskenner und Lösungsfinder.

Jetzt gibt es für den Besuch einer Conrad-Filiale eine grundlegende Regel, die zwar noch nicht in den Katalogen abgedruckt ist, die aber jeder Mann auf Anhieb und wie aus der Pistole geschossen aufsagen kann: LASS DEINE FRAU ZU HAUSE!
Nimm sie auf keinen Fall mit hinein, lass sie nicht auf dem Parkplatz auf Dich warten, lasse sie einfach zu Hause!

Nun hat es sich aber vor dem Antlitz des HERRN gefügt, daß ich am vergangenen Samstag mit dem Auskenner Guschtl, Bill und dessen Frau Penny zum Conrad gefahren bin; ich hatte mich einfach angeschlossen, weil das an und für sich eine nette Runde ist und ein gemeinsamer Einkauf Spaß machen kann.
Mit der goldenen Conrad-Regel brach ich kurzerhand, ich hatte einfach beschlossen, mich im Falle eines weiblichen Fehlverhaltens von Penny anschließend einfach sinnlos zu besaufen.

Es ist kurz nach zehn, wir betreten den Laden, ich stehe direkt hinter den nur in einer Richtung öffnenden Schwingelementen, schließe kurz die Augen und atme den unvergleichlichen Duft von Pertinax, Lötpaste, Elektronikplastik und Batteriesäure – herrlich! Ich bin im siebten Himmel und vor mir liegen gut zwei Stunden schönstes Einkaufserlebnis. Ich habe genug Geld in der Tasche und haben so einiges „auf dem Zettel“, unter anderem die Weihnachtsgeschenke für meinen Sohn.

Ich koste diese Sekunde des Schnupperns aus, da rammt sich Guschtl hechelnd von hinten in meine Milz, schiebt mich wie einst Ray „The Wrecker“ Billings bei seinem legendären Touchdown im Finale der Football-Highschool-Meisterschaften von 1978, so an die zwölf Meter in den Laden hinein und keucht: „Los! Los! Los! Wir haben keine Zeit!“
Etwas irritiert entschuldige ich mich bei den drei unbeteiligten Herren, die ich vor mir hergeschoben und kurz vor dem Ständer mit den Lötkolben aufgetürmt hatte, klopfe mir den Staub von den Klamotten und will mich umdrehen, um Guschtl nach dem Grund seiner Eile zu fragen, doch der ist schon verschwunden. Nur noch ein Kondensstreifen am Horizont, irgendwo bei den Computerkabeln kündet von der Richtung, in der er verschwunden ist.
Ich versuche ihn mit den Augen zu fixieren, aber das ist so, als wolle man einem hakenschlagenden Hasen (der eine größere Menge eines Cannabis-Feldes weggemümmelt hat) mit ebenfalls cannabisbeeinflussten Augen folgen. Wenn man ganz schnell seine Augen auf und zu macht, so einen Flackereffekt erzeugt, dann kann man Guschtl stroboskopartig mal hier mal da kurz innehalten sehen, hat man ihn jedoch gerade eben irgendwo erkannt, ist er auch schon wieder verschwunden.
Bill und Penny haben sich irgendwo in den Seitengängen verteilt, Penny sucht noch Lautsprecherboxen, Bill ist auf der Suche nach Handyzubehör.

Wusch! Ein Luftzug wirbelt mich einmal um die eigene Achse und aus der Windhose heraus spricht eine Stimme zu mir. Es ist aber nicht Gott der HERR, der mir das elfte und zwölfte Gebot verkünden will, sondern es ist nur der Auskenner und seine Stimme ruft mir im Vorbeisausen zu: „HDMI-Kabel, Sechsfünfundneunzig!“
Dann sehe ich ihn gleichzeitig (!) bei Bill vor dem Handyregal und bei Penny vor dem Lautsprecherregal und den Hauch einer Sekunde später entdecke ich ihn schweißnass tropfend bei den Computertastaturen. Einen Wimpernschlag später ist Guschtl, der Auskenner wieder bei mir, strahlt mich an und meint: „Ach ist das herrlich, ach ist das entspannend, ach was macht das hier heute wieder Spaß!“
Ich will ihn noch nach dem Grund für seine Eile fragen, doch bevor ich noch die Lippen auseinanderbringe, um die fürs Sprechen notwenige Luft in die Lungen zu saugen, ist Guschtl, unter Durchbrechung der Schallmauer, schon wieder verschwunden…

Drei Minuten später habe ich mich durch die Horden einkaufender Männer bis zu Penny vorgekämpft, kaufe im Vorbeigehen einen Heizlüfter, und erfahre, daß Penny um zwölf einen Termin beim Friseur hat. Aha, das ist also der Grund für die zeitliche Beschränkung, die Guschtl nun in Eile versetzt. Es ist allerdings eine Eile, die nicht nötig wäre, denn in anderthalb Stunden kann man beim Conrad schon sehr gemütlich und umfassend einkaufen.
WUSCH! Guschtl ist wieder da, hält Penny eine Auswahl verschiedener Kabel unter die Nase, sie entscheidet sich für eins und nur ein schwitzender Lufthauch kündet noch davon, daß Guschtl überhaupt da war.
Penny hat die Ruhe weg, kauft dieses, kauft jenes und ein paar Minuten später läuft mir auch Bill über den Weg, der auch schon einiges zusammengekauft hat.

Vor dem Gang mit den (mein Sohn liest dieses Weblog, deshalb muß der Artikel ungenannt bleiben) XYZ-Artikeln, drängen sich die anderen männlichen Kaufinteressenten, ich komme nicht bis an die Ware heran, der Gang ist vollkommen mit Leuten verstopft.
ZAZONG! Guschtl durchbricht die Männerknubbel, transfundiert quasi durch die Menschenmenge hindurch, strahlt mich einmal kurz an, findet alles toll und herrlich und schon ist der Auskenner wieder weg.

Also beschließe ich, zunächst nach einer neuen Handy-Hülle zu schauen, stehe gerade am entsprechenden Regal, da keucht mich eine von einem Schweißtropfen, der mir im Nacken landet, begleitete Stimme an: „So, wir haben alles, wir müssen uns beeilen, ab an die Kasse!“

Bill und Penny sehe ich schon in Richtung Kasse gehen, Guschtl saust noch einmal in Schallgeschwindigkeit durch den Mittelgang und beim Zurücksausen saugt mich sein Luftsog mit zur Kasse. In meinem Einkaufskorb lümmelt sich nach wie vor der nebenbei gekaufte Heizlüfter einsam vor sich hin und aus Verzweiflung kaufe ich im Kassenbereich noch für 2,99 einen LED-beleuchteten Miniweihnachtsbaum aus PVC…
Ich brauche ihn nicht, ich will ihn nicht, aber ich kann doch nicht ganz ohne Beute aus dem Männerladen kommen!

Wir bringen Penny gleich zum Friseur und Guschtl sitzt strahlend und glücklich hinten im Wagen: „Ach, was ist das schön, wenn man mit guten Freunde, mal so ganz in Ruhe beim Conrad einkaufen kann, nee ehrlich, hat Spaß gemacht!“

Heut‘ ist Montag, es ist kurz vor Sieben und ich fahre jetzt los, ich will Pamplona, ich will einkaufen, ich will endlich wieder ein Mann sein dürfen!

Merke: LASS DIE FRAU ZU HAUSE und IMMER OHNE DEN AUSKENNER!

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Peter Wilhelm

Peter Wilhelm

Fachjournalist Peter Wilhelm schreibt hier über die Nebensächlichkeiten der Welt.
Er liebt Technik und testet Produkte, Service und Angebote.
Der Bestsellerautor ist Chefredakteur einer Branchenzeitschrift, Sachverständiger und Fernsehexperte.
Der Satiriker veröffentlicht seine Satiren hier und eine Kolumne hier.
Der Psychologe und Dozent wurde in der Halloweennacht geboren und lebt mit seiner Familie bei Heidelberg.
Mehr über ihn erfahren Sie u.a. hier und hier.


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